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Ratgeber

16.03.2019

Was sollen wir lesen? Eine Anleitung, um die guten Bücher zu finden

Was sollen wir lesen? Die Frage stellt sich angesichts von begrenzter Lesezeit und geschätzt rund 90.000 Neuerscheinungen im Jahr.
Bild: Sebastian Willnow, dpa

Gut 90.000 Bücher erscheinen jedes Jahr. Die kann keiner alle lesen. Eine Suche nach der Zauberformel: Lebenszeit geteilt durch Buch minus Vergessen.

Zu Beginn eine ganz simple Rechnung. Sagen wir einmal, Sie sind jetzt 40 Jahre alt. Und rechnen wir großzügig, Sie werden hundert und bis ans Ende Ihrer Tage über eine ausgezeichnete Sehkraft und auch ansonsten über Ihre wichtigsten Sinne verfügen. Das wären dann noch 60 wunderbare Jahre zum Lesen. Nächster Rechenschritt: Pro Jahr lesen die Deutschen im Durchschnitt zehn Bücher. Gehen wir davon aus, dass Sie zu denjenigen zählen, die jetzt ein bisschen höhnisch auflachen und voller Stolz auf Ihre gut gefüllten Bücherregale blicken, sagen wir also, Sie schaffen locker zwanzig. Dann wären das summa summarum 1200 Bücher, die Sie in Ihrem Leben noch vor sich haben.

Eine gewaltige Zahl, aber auch extrem gut gerechnet, leseunlustige beziehungsweise lesefeindliche Zeiten nicht mitbedacht. Und natürlich auch nicht solche Lebenszeit sinnvoll verschlingenden Wälzer wie David Foster Wallace’ „Unendlicher Spaß“ mit seinen über 1500 Seiten oder, noch ambitionierter, Marcel Prousts monumentales Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ mit seinen über 5000 Seiten. Das schaffte im Übrigen auch Marcel Reich-Ranicki nicht, aber das nur am Rande. Und vielleicht wollen Sie ja manche Romane gerne ein zweites Mal lesen. Ziehen wir also ein Drittel wieder ab. Aber selbst 800 Bücher klingt ja noch fantastisch, nach unendlichem Lesespaß! Jetzt jedoch halten wir eine Zahl dagegen: 90.000, etwa so viele neue Bücher erscheinen jedes Jahr in Deutschland. Alleine in dieser Beilage werden 40 neu erschienene Werke aus dem Frühjahr vorgestellt. Und der Herbst kommt unendlich schnell, vieles ist schon längst wieder geschrieben! Ob 30, 50 oder 70, sie werden sich also entscheiden müssen: Was jetzt noch alles lesen?

Die Frage ist natürlich nicht zu beantworten. Es weiß ja auch keiner, was für großartige Bücher noch geschrieben werden. Aber das Nachdenken darüber lohnt. Wie vorgehen bei der Auswahl, damit man sich nicht irgendwann frustriert die wichtigen Ungelesenen gegen die unwichtigen Gelesenen aufrechnet und sich denkt: Hätte ich damals doch lieber den Dostojewski gewählt und nicht immer wieder den Grisham … Selbst Vielleser Reich-Ranicki antwortete mit 90 auf die Frage, ob es Bücher gäbe, die er gern noch lesen würde, mit einem sehr bestimmten: „Ja, ja. Sehr viele. Ich will sie nicht aufzählen.“

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Das Bedürfnis nach Leseorientierung wächst

Was also lesen? Dass die Frage die Menschen umtreibt, kann man daran erkennen, wie oft und von wie vielen Menschen sie beantwortet wird: von Buchhändlern, Literaturrezensenten, einer immer größer werdenden Zahl an Buchbloggern. Es scheint sogar so: Das Bedürfnis nach Leseorientierung wächst! Was verrückt klingt angesichts immer neuer Schreckensmeldungen vom Buchmarkt, dem Millionen Buchkäufer in den vergangenen Jahren abhandengekommen sind. Ein Grund aber offenbar: Ratlosigkeit! Weil es nicht mehr das eine Buch gibt, über das derzeit alle reden, weil vielleicht überhaupt viel zu wenig über das Lesen geredet wird. Und dann eben doch zur Fernbedienung des Fernsehers gegriffen oder gleich Netflix aufgemacht wird.

So jedenfalls kann man ein Ergebnis einer Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels lesen samt der Schlüsse, die daraus gezogen werden: Erstens, wenig überraschend, man müsse den Kunden wieder Lust aufs Lesen machen. Zweitens, aha, man müsse ihnen mehr Orientierung geben. Zum Beispiel durch Bestseller-Regale, Ideen- und Beratungsterminals, eine Ecke, in der die Lieblingsbücher der Buchhändler ausgestellt werden … oder eine Art Buchfinder-App. Man gibt ein, was man gerne liest, die App bietet Titel an.

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Bild: Birgit Zimmermann, dpa

Die Bestsellerliste rauf und runter lesen?

Was also lesen? Den neuen Stephen King, weil die App einen als Liebhaber von Horror und Fantasy identifiziert hat? Den Roman über Frauen auf dem Lande, da einem doch auch schon Dörte Hansen so gut gefallen hat? So ähnlich werben ja auch die Verlage selbst: „Für alle Elena-Ferrante-Fans“ steht dann auf dem Einband, der am besten auch noch ein wenig aussieht wie die pastellige Ausgabe der Neapel-Saga. Oder es wird versprochen: „Wenn Sie xy gerne lesen, dann wird Ihnen auch yz gefallen.“ Was man auf diesem Wege vermutlich entdecken wird, sind Bücher, die sich ins bislang Gelesene harmonisch einreihen. Aber nichts Überraschendes. Und sicher nicht das Buch, das einen vor den Kopf stößt, die Richtung des Denkens verändert.

Was also noch lesen? Die Bestsellerliste rauf und runter, weil: Was so vielen gefällt, gefällt ja vielleicht auch mir? Ein wagemutiges Unterfangen. Dann sollten Sie auch sogenannte All-Age-Bücher lieben: Fantasy, Vampirromane und so. Viel lesende Freunde fragen? Kommt auf die Freunde an. Das, was mir der Buchhändler meines Vertrauens empfiehlt? Nie verkehrt! Oder vielleicht mal ein bisschen den Kanon durcharbeiten, zum Beispiel den von Reich-Ranicki mit deutschsprachigen Romanen, dessen Bedeutung der Literaturpapst vor knapp zwanzig Jahren mit den Worten erklärte: „Ohne Kanon gibt es nur Willkür, Beliebigkeit und Chaos und, natürlich, Ratlosigkeit.“

Alleine mit dem Reich-Ranicki-Kanon hätten Sie die nächsten zwei Jahre schon einmal die Sicherheit, ganz sicher nur großartige Romane zu lesen und keine zu dicken, die mochte er nicht so gerne. Aber Krimi ist halt auch keiner dabei! Und Sie bleiben in der Zeit stehen. Oder soll man bei der Lektüreauswahl denn überhaupt nach Plan vorgehen und nicht lieber die Buchhandlung als Leseparadies begreifen, in dem man hier eine Pflaume und dort eine Kirsche greift, sich also einfach ohne jeden Leistungsgedanken (nicht im Paradies!) durchfuttert?

Ein Tipp: Weniger Bücher lesen, aber dafür bessere

Die verblüffendste Antwort hat Rolf Dobelli vor Jahren in der Neuen Züricher Zeitung gegeben. Weil er die Frage ein wenig umformuliert hat. Der Schriftsteller hat nämlich erst einmal nach dem Sinn des Lesens gefragt. Warum lesen wir alle die Bücher überhaupt, wenn doch so erschreckend wenig davon im Kopf hängen bleibt? Wenn er den Blick über die Buchrücken in seiner gut gefüllten privaten Bibliothek schweifen lasse, „steigen Ahnungen auf wie Wolkenfetzen, untermischt mit schwammigen Gefühlen, eine einsame Szene blitzt hier und da hervor und manchmal treibt ein Satz vorbei wie ein verlorenes Ruderboot im Nebel“, schrieb Dobelli und stellte fest: „Selten gelingt mir ein kompaktes Resümee.“ Kurzum: Es bleibe jämmerlich wenig im Kopf. Weshalb man ja dann folgern könnte: Ist eh schon egal, einfach lesen, was gerade Laune macht. Einfach mal querbeet eine Leseschneise durch den Bücher-Dschungel schlagen.

Dobelli aber kommt zu einem anderen Schluss. Seine Antwort also, nicht für die jungen Leser, die sich erst einmal so etwas wie einen Überblick verschaffen müssen, sondern die schon etwas älteren: Lesen Sie weniger Bücher, dafür bessere. Und lesen Sie sie auch gerne zweimal. Denn ein Buch sei nun mal keine Crème Brûlée, bei der nur der Genuss zählt. Und die Kalorien sich dann auf der Hüfte niederschlagen … Nein, es sollte schon auch etwas im Hirn landen. Und nach zweimaligem Lesen sind das nicht drei Prozent, schätzt Dobelli, sondern dreißig. Also das Zehnfache.

Lesen Sie also weniger Bücher und bessere! Das klingt auf jeden Fall machbar. Bedeutet aber noch mehr Verzicht. Und beinhaltet auch den Tipp, Bücher, die einen langweilen, am besten gleich zur Seite zu legen. Nach 40, sagt Dobelli, sei das Leben nämlich ohnehin zu kurz für schlechte Bücher. Die eigentliche Frage aber bleibt: Was sind die besseren Bücher? Vielleicht sollte man bei der Auswahl seiner Lektüre ab und an doch die klassische Frage im Hinterkopf haben: Welche Bücher würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?

Auf der es also keine Buchhandlung gibt! Mit einem neuen Roman geht man zwar keine Ehe ein, aber man bindet doch seine Zeit – deswegen darf man ruhig auch etwas genauer prüfen. Will man mit dem wirklich drei, vier oder acht Stunden verbringen? Wird man sich überhaupt an ihn erinnern wollen? Und dann weniger nach flüchtigen Leseaffären und dafür mehr nach beständigen Leselieben suchen. Bewusster wählen: die besseren eben. Die die Welt eingesaugt haben. Die etwas über die Essenz des Lebens sagen, nicht plappern. Herzensbücher also wie jene, die uns Schriftsteller für diese Ausgabe empfohlen haben! Romane, Sachbücher, Krimis. Schnüren Sie Ihr Paket für die Insel, der Aufenthalt muss ja nicht für immer sein. Einige Kandidaten finden Sie auf den nächsten Seiten. Ihre restliche Lesezeit beginnt gerade jetzt!

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