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Grundeinkommen

08.08.2018

Was, wenn Sie jeden Monat einfach so 1000 Euro bekämen?

Juha Järvinen ist einer von 2000 Arbeitslosen in Finnland, die derzeit ein bedingungsloses Grundeinkommen bekommen.
Bild: Gregor Fischer, dpa

Geld vom Staat, einfach so? In Finnland testet die Regierung ein Grundeinkommen. Für Juha Järvinen ist es ein Neuanfang, für andere bleibt er ein Schmarotzer.

Den Brief von den Behörden lässt er zu. Erst am Abend, als seine Frau Mari von der Arbeit im Krankenhaus zurückkommt, öffnen sie ihn gemeinsam. Monate später wird Juha Järvinen den Moment als Ende seines Sklavendaseins bezeichnen. Der Brief kommt von der finnischen Sozialbehörde Kela. Sie teilt ihm mit, dass er nun Teil eines sozialen Experiments ist, mit dem sein Land Antworten auf drängende Zukunftsfragen finden will: Wie wollen wir leben und arbeiten, wenn sich ringsherum alles ändert?

Statt des Arbeitslosengelds steht Järvinen nun zwei Jahre lang ein Grundeinkommen zu. Die erste Überweisung – 560 Euro – geht im Januar 2017 auf Järvinens Konto ein. Im Dezember 2018 soll die letzte Zahlung kommen. Es sind etwa hundert Euro weniger als das, was er zuvor vom Amt erhalten hat. Doch alles, was der 39-Jährige zusätzlich verdient, darf er behalten. Und wofür er das Geld ausgibt, ist ihm überlassen. Er ist dem Arbeitsamt keine Rechenschaft schuldig.

Die Regierung will herausfinden, wie sich das Grundeinkommen auf die Arbeitslosen auswirkt: Werden sie eher träger? Oder sind sie sogar motivierter, ihre Ziele umzusetzen?

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Wo vom Grundeinkommen die Rede ist, geht es meist um eine finanzielle Mindestabsicherung, die der Staat ohne Bedingungen zahlt. Die Idee wurde weltweit immer wieder diskutiert. Als Vorreiter galt lange die Schweiz. 2016 konnten die Bürger darüber abstimmen, ob künftig die Bevölkerung des Alpenstaates bedingungslos mit Geld versorgt wird. 2500 Franken – heute etwa 2260 Euro – standen zur Debatte. Doch nur 23 Prozent stimmten dafür. Bislang hat kein Land der Welt ein flächendeckendes Grundeinkommen eingeführt. Es blieb bei Pilotprojekten und Testreihen.

Entweder ist er der Tausendsassa oder der Nichtsnutz

Als Medien beginnen, über das finnische Experiment zu berichten, stoßen sie schnell auf Järvinen und dessen Familie, die in Jurva im Westen Finnlands ein altes Schulhaus bewohnt. Er taucht häufig in Berichten auf, nicht die 1999 anderen Bezieher. „Ich will darüber reden“, sagt er. Viele andere schämten sich.

Vielleicht liegt es auch an Järvinen selbst. Der 39-Jährige fällt auf – mit seinen geflochtenen Armbändern, dem Bart und dem Zylinder auf dem Kopf. Dazu ist er ein Arbeitsloser aus einem Bildungsmilieu: die Eltern Künstler, der Vater war lange Direktor einer Kunsthochschule. Auch die Familiensituation ist vieles, nur nicht durchschnittlich – sechs Kinder, ein Haus am Rande der Wildnis, voller wunderlicher alter Möbel. Mal kommt Järvinen in den Berichten als Tausendsassa rüber – als Mann, der zwischen Kunst und Handwerk nahezu alles beherrscht und der Ideen entwickelt, weil der Staat ihn in Ruhe lässt. Mal wird er als Exzentriker gezeigt, der fürs Daumendrehen bezahlt wird.

Bis 2012 schreinerte Järvinen zwischen Finnland und Russland Fenster für traditionelle Holzhäuser. Es fühlte sich richtig an, sagt er. Das Handwerk lag ihm, die Buchhaltung nicht. Dann zog sich die Holzindustrie aus der Gegend zurück, die 200 Jahre lang ein Zentrum der Möbelherstellung gewesen war. Järvinens Geschäft geriet in Schwierigkeiten. Irgendwann konnte er die Werkstatt nicht mehr betreten. Erst kam die Angst, dann die Übelkeit, dann der Burnout. Järvinen gab keine Steuererklärung mehr ab. Das Finanzamt forderte Geld. Weil er nicht zahlen konnte, wurden Werkzeuge und Maschinen zwangsversteigert.

„Ich habe gearbeitet, seit ich 13 war, Steuern gezahlt“, sagt er. „Aber als ich ausgebrannt war, hat der Staat mir nicht geholfen, sondern mehr Leid verursacht.“ Von da an musste seine Frau, die als Krankenschwester arbeitet, die Familie fast allein durchbringen. Was Järvinen „Sklavendasein“ nennt, das Leben als Arbeitsloser, fing da erst an: Die 60 Kilometer lange Fahrt nach Seinäjoki, das Warten vor funktional eingerichteten Arbeitszimmern. Dann vor den Beamten beweisen, dass man nicht faul war, weil sonst Sanktionen drohen. Und wenn man es doch war: nichts anmerken lassen. Keine größeren Beträge dazuverdienen, weil das wieder abgezogen würde.

Die Menschen würden arbeiten, weil sie wollen - nicht weil sie müssen

Aber kann ein bedingungsloses Grundeinkommen ein Ausweg aus dieser Misere sein? Es gibt auch in Deutschland Menschen, die davon überzeugt sind. Einer der bekanntesten Fürsprecher ist Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm. Er sagt: „Wenn die Menschen ein gewisses Grundeinkommen hätten, würden sie arbeiten, weil sie wollen. Nicht, weil sie müssen.“ In seinen Büchern fordert er, allen Menschen einen monatlichen Betrag zu zahlen, von dem sie bescheiden, aber menschenwürdig leben könnten – 1000 Euro für jeden, vom Baby bis zum Greis.

Und da ist der Ökonom Thomas Straubhaar, Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg, der gerade an einem zweiten Buch zum Thema arbeitet. Allein die Digitalisierung der Arbeitswelt mache ein Umdenken in den Sozialsystemen nötig, sagt er. Weil schon bald Roboter Beschäftigte ersetzen oder die Automatisierung die Frau an der Supermarktkasse überflüssig mache. „Und es wird unwahrscheinlicher, dass wir ein Leben lang dasselbe arbeiten“, sagt Straubhaar. Der Mensch brauche Freiräume – ein gesichertes Einkommen, das die Möglichkeit bietet, etwas Neues auszuprobieren, sich zu verändern.

Juha Järvinen in seiner Werkstatt. Früher hat er hier Fenster gebaut, jetzt Trommeln.
Bild: Privat

Meera Zaremba würde es nicht viel anders formulieren. Sie ist Geschäftsführerin von „Mein Grundeinkommen“, einer Initiative, die Geld an Menschen verschenkt, die sich darum beworben haben – 1000 Euro, ein Jahr lang, ohne dass man dafür irgendwelche Bedingungen erfüllen muss. Das Ganze funktioniert über Spenden. Etwa eine Viertelmillion davon sammelt die Plattform jeden Monat. 200 Gewinner gibt es bereits. So wie Astrid Lob-reyer, die sich so einen persönlichen Traum erfüllte und eine Ausbildung zur Trauerrednerin machte. Oder Kerstin Höltke, die mit dem Gewinn einen eigenen kleinen Laden eröffnen will.

Zaremba sagt: „Viele von uns stecken doch die ganze Zeit in einer Art Überlebenskampf: Geld verdienen, das Haus abbezahlen, Karriere machen.“ Durch ein Grundeinkommen sei man diese existenziellen Ängste los. „Dann kommen ganz andere Qualitäten zum Vorschein: Kreativität, Mut, Selbstbewusstsein, Freude.“ Ökonom Straubhaar sagt: „Die Sorge vor der Zukunft ist für viele Menschen ein Bremsfaktor in der Entwicklung ihrer Fähigkeiten.“ Andere Experten wie der Politologe Christoph Butterwegge halten die Idee für falsch: Ein Grundeinkommen höhle den Sozialstaat aus.

Für die einen ist das Grundeinkommen eine Idealvorstellung, die jedem Bürger ein würdevolles Existenzminimum garantiert. Für andere bedeutet es das Ende des Leistungsprinzips und gilt als kaum finanzierbar. Es geht um grundsätzliche Fragen. Strebt der Mensch zwangsläufig nach Sinn und Beschäftigung? Oder braucht er Zwang und Druck, um produktiv zu bleiben? Und es geht darum, welche Rolle der Beruf im Leben spielen sollte. Straubhaar sagt: „In aller Regel wollen Menschen arbeiten. Denn Arbeit ist mehr als nur Einkommen – sie gibt Struktur, schafft Anerkennung, macht im besten Fall sogar Spaß.“

Auf Dauer wird es langweilig, mit Wodka auf der Couch

Järvinen jedenfalls kam in dieser Sichtweise schlecht weg. „Dieser finnische Typ bekommt 600 Dollar Grundeinkommen pro Monat dafür, dass er absolut nichts tut“, titelte das Magazin BusinessInsider über ihn. Die einen sehen ihn als Schmarotzer, die anderen als Gewinner. Er selbst beschreibt die Situation eher trocken. Er glaube nicht, dass ein Grundeinkommen Menschen zu Wodka trinkenden Couch-Potatoes mache, erläutert er, als er im Frühjahr 2018 im Berliner Haus der Kulturen an einer Diskussion teilnimmt. Für ein paar Tage sei das vielleicht toll. Aber dann werde es auch langweilig, so allein mit dem Wodka auf der Couch.

Die Region, aus der er stammt, hat sich verändert. Schon durch den Rückzug der Holzindustrie. Jobs? Das war einmal, sagt er. Doch den Ort verlassen, an dem die Familie zu Hause ist? Das ist für ihn keine Option. Dann erzählt Järvinen von den Schamanentrommeln aus Holz und Rentierhaut, die er baut und verkauft, seit er das Grundeinkommen bekommt. „Und damit lässt sich Geld verdienen?“, will der Moderator wissen. Für eine Trommel zahlten Fans mehrere hundert Euro, sagt Järvinen, der die Instrumente mit Schnitzereien kunstvoll verziert.

Auch von einem Projekt namens „Art Bnb“ erzählt er. Es steht für „Art, Bed & Breakfast“, ein Herbergsprojekt, das er mit einem Freund organisiert – Schlafmöglichkeiten und Künstlerwerkstätten unter einem Dach. Aber können Trommeln und Urlaubsangebote für Künstler nach dem Grundeinkommen weiter tragen?

„Ich sehe meine Situation heute positiv“, sagt Järvinen. Ob es reicht, um am Ende auf eigenen Beinen zu stehen? Dass es nach der letzten Rate erst mal ohne Grundeinkommen klappen muss, ist klar. Die finnische Regierung lässt das Experiment regulär zum Jahresende auslaufen. Im Anschluss sollen Wissenschaftler die Ergebnisse prüfen und veröffentlichen. Vorschläge, den Test auszuweiten, hat die Regierung in Helsinki abgelehnt.

Sollten seine Zuverdienste für eine Selbstständigkeit nicht reichen, wird Järvinen 2019 wieder arbeitslos sein. Das Amt würde das Geld für die Trommeln anrechnen. Die Järvinens stünden finanziell wohl wieder schlechter da. Je näher das Ende des Experiments rückt, desto öfter meldet sich die Angst, dass alles von vorne beginnen könnte, sagt Järvinen.

Hat die Zeit mit Grundeinkommen etwas bewirkt? In einer Großfamilie in einem der teuersten Länder der Erde waren 560 Euro ohnehin nicht alles. „Wir sind immer noch arm“, sagt Järvinen. Es ist eine Feststellung, keine Klage. Doch in Järvinens Wahrnehmung gibt es den Unterschied zwischen Macht und Ohnmacht: Zum ersten Mal seit seiner Pleite hat er das Gefühl, sein Leben in der eigenen Hand zu haben. Der Brief der Sozialbehörde habe für ihn etwas geändert: nicht den Umstand, aber das Gefühl, das damit verbunden ist. Wer Vertrauen bekomme, Chancen erhalte, der schöpfe Mut, sagt Järvinen. Für ihn hat es funktioniert. (mit dpa)

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