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Wiesn-Report

21.09.2019

Weniger Pflanzen und Insekten: Wie geht’s der Wiesn?

Auch wenn Bayern noch immer schön grün ist, die artenreichen Blumenwiesen sterben dem Land gerade unter den Händen weg.
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Auch wenn Bayern noch immer schön grün ist, die artenreichen Blumenwiesen sterben dem Land gerade unter den Händen weg.
Bild: Grafvision, Adobe Stock

Auch wenn Bayern noch immer schön grün ist, die artenreichen Blumenwiesen sterben dem Land gerade unter den Händen weg.

Von Jetzt, im September, kommt man eigentlich zur falschen Zeit. Mai wäre viel besser, wenn der große Rummel beginnt und die Lichtnelken die ersten roten Farbtupfer ins Grün setzen. Oder wenn die Butterblumen mit ihrem satten Gelb dran sind. Oder dann im Juni, die Margeriten und Glockenblumen. Aber, jetzt, im September, das muss einem Franz Goßner leider sagen, ist es nun eben mal so: die beste Wiesenzeit ist vorbei. Vor kurzem hat er zum zweiten Mal gemäht, viel ist jetzt also nicht mehr zu sehen von der Pracht. Aber hinten steht noch ein Stück, „warten Sie, Sie werden sie gleich sehen.“ Die Wiese! Eine der schönsten hier in der Gegend, vor acht Jahren Gewinnerin der bayerischen Wiesenmeisterschaft.

Goßner ist Landwirt und was für einer, kann man schon erahnen, wenn man zum Hof am Stadtrand von Günzburg fährt. Auf der einen Seite grasen Kühe, auf der anderen Haflinger. Kühe mögen schön sein, aber erfüllen vor allem auch einen Nutzen, Haflinger sind vor allem schön. Bei den Goßners also zählt auch das Schönsein etwas. Vielleicht auch deswegen diese Wiese, das „große Lindeck“, die die Goßners seit drei Generationen pflegen: Sechs Hektar groß, sanft gewellt, zwischendrin stehen wie auf Inseln im grünen Meer dunkle ausladende Weiden, außen herum steht hoch wie Mauern der Mais. Irgendwann ist hier einmal ein Arm der Donau geflossen. Daher gibt es in der Talsohle, wie Goßner sagt, ja auch den anmoorigen Boden, auf dem ganz anderes wächst als oben auf der Welle. Überall aber viel. Salbei, Storchschnabel, Schafgarbe, Vergissmeinnicht, Spitzwegerich, Witwenblumen, Wiesenbocksbart. „Schauen Sie, da hat der Fuchs nach der Maus gegraben“, sagt Goßner.

Wenn Menschen sich eine schöne Wiese vorstellen, dann jedenfalls eine wie die von Goßner, nur eben im Frühjahr vor dem ersten Schnitt. Oder im Spätsommer vor dem zweiten. Eine Wiese mit Blumen, mit Schmetterlingen, mit Gräsern, die einen in der Kniekehle kitzeln. In die man sich auch mal reinlegen könnte, sich unsichtbar machen, wenn einem nicht kleine Tiere ins Hosenbein krabbeln würden. In der man einen armbeugendicken Blumenstrauß pflücken könnte. Genau so eine, wie man sie aus der Kindheit kennt. Was daran liegt, dass man zum einen als Erwachsener eher selten durch Wiesen springt. Zum anderen aber, dass es diese Art Wiese auch kaum mehr gibt. Sie stirbt dem Land gerade unter den Händen weg. Kein anderer Lebensraum ist so bedroht wie die Wiese aus der Kindheit. Der Anteil der artenreichen Wiesen ist im Vergleich zu den 60er Jahren laut Thünen-Institut um etwa fünf Sechstel geschrumpft, 80 bis 90 Prozent also. Rote Liste daher, höchste Gefährdungsstufe. Nur, und das ist Teil des Problems, man sieht es nicht gleich.

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Keine Wiese gleicht der anderen

Bayern ist mit rund 1,1 Millionen Hektar Grünland noch immer ein grünes Land, aber grün ist natürlich nicht gleich grün. Es gibt Mähwiesen und es gibt Tierweiden, es gibt magere und fette Wiesen, feuchte und trockene, solche mit Streuobst, insgesamt rund 60 unterschiedliche Grünland-Biotoptypen. Keine Wiese gleicht der anderen. Jede hat ihr eigenes Gesicht. Wird einem Andreas Fleischmann, ausgewiesener Wiesenspezialist von der Botanischen Staatssammlung München, sagen, wenn er direkt in der Theresienwiese, sprich der „Wiesn“, kniet, und einem mal kurz die Beschaffenheit der vielleicht berühmtesten Wiese der Welt erklärt. Hier Wiesenkerbel, da Weiß- und Rotklee, da Schafgarbe, Labkraut und, sieh an, eine Wiesenflockenblume – „das ist schon ein bisschen etwas Besseres.“ Es gibt Pflanzen, die wachsen sowohl hier wie auch auf der Goßner-Wiese. Und andere nicht. Mäuseschwänzchen zum Beispiel gab es früher in Südbayern noch häufiger, jetzt ist die Theresienwiese einer der letzten Flecken. Warum gerade hier? Wissen so genau auch die Botaniker nicht, sagt Fleischmann. Aber fast überflüssig zu sagen: Das einjährige Mäuseschwänzchen liebt es nährstoffreich! „Die Theresienwiese ist jedenfalls interessanter, als man denkt“, sagt Fleischmann: Und: „Diese Fläche hat mehr ökologischen Wert als zum Beispiel ein Maisacker.“ Auch wenn es nichts anderes als ein einmal im Jahr ziemlich strapazierter Rasen ist. Aber er wird später hier auch Wildbienen entdecken. Und die blaue Wegwarte, die gegen Mittag ihre Blüten schließt.

Die Goßner-Wiese und die Theresienwiese miteinander zu vergleichen, das ist natürlich so ähnlich, wie wenn man Tokio mit Augsburg vergleicht. Beides doch Großstädte. Und in dem Fall: Beides doch Grünland, auf der Theresienwiese zumindest die Reste davon wie der Westhügel, im Volksmund auch liebevoll Kotzhügel genannt. Die eine extensiv genutzt, die andere intensiv. Aber anhand des wilden Vergleichs lässt sich im Grunde das ganze Dilemma zeigen. Es ähneln nämlich immer mehr Wiesen der Wiesn. Zumindest, wenn man mal rein nach Zahlen geht. Die Theresienwiese hat etwa 20 bis 25 Pflanzenarten, auf artenreichen Wiesen wachsen bis zu 160 oder mehr. Intensiv landwirtschaftlich genutzte Grünflächen kommen etwa auf zehn bis zwanzig.

Heute muss eine Wiese Geld bringen

„Das Grünland als solches ist ja schon noch da“, sagt Fleischmann, in Bayern sind es rund 35 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen. Aber, um beim Stadtvergleich zu bleiben, dort, wo sechs bis sieben Mal im Jahr gemäht, das Grün zu Silage verarbeitet, gut gedüngt wird, handelt es sich um so etwas wie eine gated community. Eine Art geschlossene Gesellschaft. „Tote Wiesen“, nennt das Fleischmann: „Wenn sie sich da reinstellen, hören sie wenig.“ Man muss dann schon das Gras wachsen hören können.

Eigentlich aber ist eine Wiese ein ziemlich lauter Ort. Mehr als ein Drittel aller heimischen Pflanzenarten und über 3000 Tierarten leben auf der Wiese. Je nährstoffärmer, umso artenreicher, weil sich dann nicht einige wenige dick und breit machen können. Ein vom Menschen gepflegtes Wunderwerk. Denn wo nicht gemäht oder geweidet wird, da wächst irgendwann wieder Wald. „Die Landwirte waren diejenigen, die über 250 bis 300 Jahre die Biodiversität gefördert haben“, sagt Fleischmann. Weil sie die Wiese wachsen ließen und blühen, vielleicht zwei Mal im Jahr mähten, das Heu trocknen ließen, beim Wenden die Samen herausfielen. Weil sie wenig machten, aber genug. Die Blüh-Mäh-Balance.

Das ist nun anders, weil die Wiese Geld bringen muss: Fettes Futter für immer mehr Hochleistungskühe in immer größeren Ställen. Oder gleich zum Maisfeld wurde. Weil es nicht überall so ist wie bei Goßner, der noch immer so viele Kühe hält wie einst der Großvater, das Verhältnis von Fläche und Vieh sich nicht geändert hat, auch kein neuer großer Stall steht. Es sich mit der Wiese gut ausgeht. Der erste Schnitt wird an die Jungtiere verfüttert, „damit die nicht verfetten“, der zweite energiereichere an die Milchkühe. Man kann auch sagen: Goßner kann sich die Wiese noch leisten. Andere aber überleben so nicht. Und die Wiesen dann auch nicht.

Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn Grasäcker eine andere Farbe hätten. Lila zum Beispiel. Wenn tote Wiesen auch ganz anders aussehen würden. Wenn es schneller gegangen wäre. Langsame Prozesse könne der Mensch einfach nicht gut wahrnehmen, sagt Jan Haft, so wie das Großwerden bei den eigenen Kindern. Bei den Wiesen sei es so ähnlich. Wäre der Veränderungsprozess der letzten 50 Jahre über Nacht gekommen, „dann würde jetzt eine Revolution ausbrechen, weil die Landschaft plötzlich so hässlich ist“. Haft ist mehrfach ausgezeichneter Naturfilmer, er hat den Film „Die Wiese. Das Paradies nebenan“ (2019) gedreht, ein Buch „Die Wiese“ (Penguin Verlag) geschrieben. Im Film sieht man, wie sich Halme unter Wanstschrecken beugen, Langhornbienenmännchen die Ragwurz anfliegen, weil sie denken, die Orchideenblüte sei ein Weibchen … Eine irre Welt. Wiesenleben eben, gefilmt auch vor der eigenen Haustüre im Isental bei München, wo Hafts eigene „heilige“ Wiese liegt, wo der Wiesenknopf blüht, der Ameisenbläuling fliegt und die rote Knotenameise krabbelt. „Dieses verrückte Dreiergespann lebte früher im gesamten Isental, das war völlig normal.“ Jetzt aber sieht er es nur noch bei sich.

Aus der Baumarkt-Mischung wächst kein Biotop

Der Befund ist überall der gleiche. Der Wiese geht es einfach mies. Selbst einstige Allerweltsblumenarten verschwinden allmählich. Wann hat man zuletzt eine vor lauter Wiesenglockenblumen lila schimmernde Wiese gesehen? Weniger Pflanzen aber bedeuten weniger Bienen, weniger Schmetterlinge, weniger Vögel, denen mit der Wiese das Futter abhanden gekommen ist: etwa zwei Drittel der Insekten-Biomasse. Aber deswegen Revolution? Vielleicht eine kleine, so etwas wie das Bienen-Volksbegehren, seit dem die Menschen plötzlich Pate sein wollen für Blühwiesen. Wunderbare Sache an sich. Aber ganz so einfach, sagt der Biologe Fleischmann, ist es nicht. Eine artenreiche Wiese kann man nicht aussäen, schon gar nicht mit einer Baumarkt-Mischung, die wächst auch nicht über Nacht. Nicht in einem Sommer. „In so einer Wiese ist das Zusammenspiel der Organismen über Jahrzehnte bis Jahrhunderte gewachsen, wie eine eigene kleine Welt.“ Beim Wald wisse man, den legt man für die Enkel an, bei der Wiese sei es eigentlich ähnlich. „Wir müssen die Wiesen, die wir haben, erhalten, weil die Neuanlage so schwierig ist.“ Haft sieht es optimistischer. Auch wenn er natürlich um das Problem weiß. Aber er sagt: „Die frohe Botschaft ist, sobald eine Wiese ausmagert, kommt die Maschinerie Wiese sofort wieder in Gang.“ Auch wenn weniger Rädchen dabei sind. Aber es brummt wieder.

Bleibt die Frage, wer soll die Maschinerie wieder in Gang bringen? Diejenigen, die sie Jahrhunderte am Laufen hielten. Sagt Haft, sagt Fleischmann. Aber dafür müssen die Landwirte auch genug Geld zum Überleben haben. „Selbstverständlich kommt der Mensch vor der Heuschrecke“, sagt Haft. Das System zu kritisieren, sei richtig, „aber deswegen darf man doch nicht die Menschen diskreditieren“. Die schon seit langem in der EU diskutierte Systemänderung also?

Fleischmann wünscht sich, dass Naturschutz so lohnend wird wie Solarzellen auf dem Stadel. Ähnlich wie in der Schweiz, wo Subventionen nicht nach Fläche verteilt werden, sondern auch daran gemessen werden, was einer mit seinem Land macht. Ob er der Natur hilft. Mais oder Blumen. Wahre Wiesenmeister seien das in der Schweiz. Es gibt sie auch hier. Sogar eine Meisterschaft, ausgerichtet von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft und dem Bund Naturschutz. Ein Landwirt habe zu ihm gesagt: Er baue auf neun Hektar Spargel an – und auf sieben Hektar Kiebitz. Das sei ein Weg. Wiesenhoffnung also.

Um den Wiesenkiebitz aber steht es so: Seit Anfang der 90er Jahre ist der Bestand um 88 Prozent eingebrochen. Im vergangenen Jahr hatte Franz Goßner noch zwei Brutpaare. In diesem Jahr hat er auf seiner Wiese keines mehr gesehen .

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