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Bestseller-Krimis

19.06.2019

Wer ist Gil Ribeiro? Der Krimi-Autor mit zweitem Ich 

Unter dem Pseudonym Gil Ribeiro schreibt der „Tatort“-Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt Bestseller-Krimis.
Bild: Lilo Solcher

Holger Kasten Schmidt ist als „Tatort“-Autor gefragt und schreibt als Gil Ribeiro Bestseller-Krimis. Sein Kommissar hat Asperger – wie Greta Thunberg. Aber warum?

Zuerst einmal: Sie heißen eigentlich Holger Karsten Schmidt und sind unter diesem Namen als Drehbuchautor bekannt. Unter anderem haben Sie für den Tatort die Charaktere der Stuttgarter Ermittler Lannert und Bootz entwickelt und die Reihe Nord bei Nordwest. Drei Mal haben Sie bisher den renommierten Grimme-Preis erhalten, zuletzt für das Filmdrama „Das weiße Kaninchen“. Und nun haben Sie drei Krimis unter dem Namen Gil Ribeiro geschrieben. Wozu das Pseudonym?

Holger Karsten Schmidt: Ich habe unter meinem Namen ja auch noch den Mittelalter-Roman Isenhart verfasst. Unter dem portugiesisch klingenden Gil Ribeiro beginne ich eine neue Karriere als Autor von Krimis, die in Portugal spielen. Gil Ribeiro ist ein offenes Pseudonym. Das heißt, ich mache keinen Hehl daraus, wer dahintersteht.

Ihr Kommissar Leander Lost hat Asperger. Wie Greta Thunberg, die junge Klimaschutz-Aktivistin aus Schweden. Aber Leander trat schon im April letzten Jahres auf den Plan. Da kannte man Greta noch gar nicht. Was hat Sie denn dazu inspiriert, einen Mann mit Asperger-Syndrom zum Kommissar zu machen?

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Schmidt: Ja, dass Greta Asperger hat, hat für wachsendes Interesse an dieser Autismus-Variante gesorgt. Mich hatte schon der Film „Rainman“ mit Dustin Hoffman (1988) ungeheuer fasziniert. Danach war ich in Portugal. Womöglich ist Leander da schon in mein Unterbewusstsein getreten. 2011 habe ich mir dann die schwedische Serie „Die Brücke – Transit in den Tod“ angeschaut. Da fällt die Kommissarin Sara Noren aus der Rolle, weil sie Asperger hat. So entwickelte sich in meinem Kopf die Figur des etwas ungewöhnlichen Kommissars, der im Rahmen eines EU-Austauschprogramms von seiner Dienststelle nach Fuseta an die portugiesische Algarve ausgeliehen wird.

Und warum gerade Asperger?

Schmidt: Leander Lost ist ein Autist mit Inselbegabung, er hat ein fotografisches Gedächtnis, kann nichts vergessen und versteht keine Ironie. So kann ich über diese Kunstfigur unsere Werte in Frage stellen, zum Beispiel den Sinn der Lügen. Ich nutze Leander aber auch, um im Roman Komik oder Dramatik zu erzeugen.

„Meine Diagnose ist eine Hilfe“, hat Greta Thunberg gesagt, „sonst hätte ich einfach so weitergelebt wie andere Menschen.“ Auch Leander Lost wirkt manchmal wie eine moralische Instanz, weil er nicht lügen kann.

Schmidt: Genau das macht ihn zu einer Art Gegenpol im polizeilichen Umfeld. Über Leander kann ich Denkanstöße geben, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Wäre es denn möglich, dass ein Mensch mit Asperger bei uns Kommissar werden könnte?

Schmidt: Nein, das ist völlig unrealistisch. Aber, ehrlich gesagt, kein Tatort ist wirklich realistisch.

Ribeiros Kommissar Leander Lost hat Asperger, was ihm bei der Lösung seiner Fälle manchmal hilft.
Bild: Kiwi

In Portugal wird der Kommissar, der gerne Espadrilles zum schwarzen Anzug trägt, nach einigen Missverständnissen von seinen Kollegen akzeptiert. Anders als in Deutschland.

Schmidt: Ja, insofern ist dieser Kommissar auch ein Statement zur Frage der Inklusion. Leander ist ein Sonderling. Aber die Portugiesen gehen auf ihn zu. Ich mag Portugal und die Portugiesen, diese freundlichen Menschen im ehemaligen Armenhaus Europas.

Leander Lost. Nomen est omen: Der Titel des ersten Krimis „Lost in Fuseta“ ist ziemlich zweideutig. Man denkt zuerst an den Film „Lost in Translation“, aber in Fuseta kann man wohl nicht verloren gehen?

Schmidt: (lacht) Nein, überhaupt nicht. Das Örtchen hat man in 25 Minuten erkundet. Und verloren kann man sich hier schon gar nicht fühlen, weil man sich im Gegenteil überall gut aufgehoben fühlt.

Sie leben nicht in Portugal. Ihre Ortskenntnisse haben Sie sich im Urlaub erworben. Trotzdem hat man das Gefühl, die salzige Luft der Algarve zu spüren, wenn man die Krimis liest.

Schmidt: Das gehört dazu. Ich besuche ja auch die Schauplätze, um die Atmosphäre einzufangen. Die Gerüche, die Geräusche, das Licht … Alles soll so authentisch wie möglich sein. Als Sechsjähriger habe ich mal für eine Kurzgeschichte einen Tiger nach Island versetzt. Inzwischen haben sich meine Geografie-Kenntnisse deutlich verbessert.

Und nun locken Sie mit den Algarve-Krimis auch Touristen nach Fuseta.

Schmidt: Fuseta ist eigentlich das Gegenteil einer Touristenhochburg. Und ehrlich: Touristisch will ich mit meinen Krimis nichts bewirken. Ich habe einen Urlauberblick auf diese Gegend. Grundsätzlich aber wäre mir ein nachhaltiger Tourismus wichtig, an dem die Leute hier auch teilhaben können. Ferienappartements und Hotels, die den Einheimischen den Blick auf die Ria Formosa verstellen und anderswo auf die Küste, finde ich inakzeptabel.

In Ihren Krimis geht es um ganz aktuelle Themen: Um den schmutzigen Handel mit sauberem Wasser etwa im ersten Band. Beim dritten Krimi „Weiße Fracht“ steht der Drogenhandel im Fokus. Da erfährt man, dass Portugal einen Sonderweg eingeschlagen hat, was Drogen angeht.

Schmidt: Einen erfolgreichen Sonderweg. Der Besitz von Drogen zum Eigenbedarf wird seit 17 Jahren nicht mehr bestraft. Im Gegensatz zu Deutschland sind die Konsumenten in Portugal nicht Kriminelle sondern Patienten. So wird den organisierten Dealern der Boden entzogen. Man konzentriert die Kräfte, auf die kriminellen Drogenhändler, statt am Bahnhof Leuten die Hosentaschen umzudrehen, um ein paar Gramm Haschisch zu finden.

Drei Krimis sind in der Reihe bisher erschienen.
Bild: Kiwi

Sie sind ja unter Ihrem offiziellen Namen ein erfolgreicher Drehbuchautor. Was unterscheidet denn ein Drehbuch von einem Roman?

Schmidt: Drehbücher haben einen sehr begrenzten finanziellen Rahmen. Im Roman kann man sich buchstäblich alles leisten. Und ich habe inzwischen herausgefunden, dass mir Romane liegen, weil ich da meine Fantasie besser ausleben kann. Außerdem ist der menschliche Umgang im Belletristik-Bereich wesentlich angenehmer als etwa beim Tatort.

Inwiefern?

Schmidt: Ins Drehbuch reden vielleicht zwölf Leute rein – nicht immer zum Wohl der Geschichte. Das kann sehr stressig sein. Und mein Seelenfrieden ist mir unbezahlbar. Ich könnte mir also vorstellen, in Zukunft mehr Lost und weniger Tatort zu schreiben.

Noch eine letzte Frage: Wie viel Leander sind Sie selbst?

Schmidt: (stutzt und überlegt) Eher wenig. Ich kann Mimik und lache gern. Aber hin und wieder ergänzt Leander mich, denn ich kann über ihn meine naiven Fragen stellen.

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