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Leserhilfswerk

17.11.2018

Wie die Kartei der Not verzweifelten Menschen hilft

Das Ellinor-Holland-Haus im Augsburger Textilviertel bietet Hilfesuchenden ein sicheres Zuhause auf Zeit.
Bild: Ulrich Wagner

Die Kartei der Not springt ein, wenn das Leben in der Sackgasse steckt. Zwei Schicksale aus der Region machen Mut.

Als hätten sie nicht schon genug Sorgen geplagt. Das Geld reichte schon lange nicht mehr. Schulden häuften sich an, und ihr Lebensgefährte hatte sie, die Hochschwangere und ihren gemeinsamen Sohn, sitzen lassen. Auf sich allein gestellt konnte die junge Frau ihren Beruf als Bürokauffrau nicht mehr ausüben. Aber es kam noch schlimmer. Wegen Eigenbedarfs wurde ihr die Wohnung gekündigt. Sybille Z. (Name von der Redaktion geändert) war gerade 30, da steckte ihr Leben in einer Sackgasse fest.

Die junge Frau brauchte dringend eine neue Bleibe. Was sie dann bei der Suche in Augsburg erlebte, war mehr als ernüchternd. Viele Vermieter haben sich erst gar nicht die Mühe gemacht, auf ihre Bewerbungen zu antworten. Einer tat es dann doch und schrieb: Lieber würde er einen Hund akzeptieren als zwei Kinder.

Das war der Tiefpunkt. Sie hätte nur noch heulen können. Angstträume haben sie in dieser Zeit geplagt, erzählt Sybille Z. Sie wusste nicht mehr weiter und schrieb in ihrer Verzweiflung an die Stadt. Aber auch dort konnte ihr niemand eine adäquate Wohnung für sich und die bald zwei Kinder verschaffen. Als Ausweg blieb vorübergehend ein Platz in einer Obdachlosenunterkunft. Sie war ganz unten angekommen.

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Der Hilferuf ins Rathaus hatte aber doch sein Gutes. Die zuständige Mitarbeiterin klopfte bei der Kartei der Not an, dem Leserhilfswerk unserer Zeitung. Im Textilviertel hatte die Stiftung Anfang 2016 gerade ihr bisher größtes Sozialprojekt auf die Beine gestellt: das Ellinor-Holland-Haus, das nach der Verlegerin der Augsburger Allgemeinen und Gründerin der Kartei der Not, Ellinor Holland, benannt

ist. Diesem Erbe, sich für Schwächere einzusetzen, fühlen sich auch ihre beiden Töchter verpflichtet. Ellinor Scherer und Alexandra Holland stehen nicht nur der Stiftung Kartei der Not vor. Sie haben mit viel persönlichem Einsatz auch das Ellinor-Holland-Haus auf die Bahn gebracht. „Unsere Mutter hat immer Wege gesucht, über die finanzielle Unterstützung hinaus weiter helfen zu können“, so Ellinor Scherer und Alexandra Holland. „Deshalb sind wir heute sehr glücklich, dass wir in ihrem Sinne dieses einzigartige Haus für Menschen in besonderen Notlagen verwirklichen konnten.“

Ein einzigartiges Projekt in der Region

Ellinor Holland hatte immer ein feines Gespür für die Nöte von Menschen wie Sybille Z. Sie brauchen Abstand zu ihrem bisherigen Leben, Begleitung und Zeit in einem sicheren Umfeld. So war die Idee dieses Mehrgenerationenhauses geboren, das in Bayern einzigartig ist. Wer hier einzieht, hat drei Jahre Zeit, sein Leben neu zu ordnen, um danach wieder allein klarzukommen. Sybille Z. gehörte zu den ersten, die diese Chance bekamen. Auch wenn es mit der in Aussicht gestellten Wohnung dieses Mal nicht geklappt hat. Ende des Jahres will sie ihr neues Leben mit neuem Mut angehen. Die zweieinhalb Jahre im Ellinor-Holland-Haus haben aus ihr einen anderen Menschen gemacht.

28 Wohnungen stehen im Textilviertel für 80 Menschen bereit, die sich in einer ganz besonderen persönlichen Notlage befinden. Das können chronische Krankheiten sein, das kann das plötzliche Auseinanderbrechen der Familie sein, das kann aber auch Gewalt in der Familie sein. Maximal drei Jahre werden die Bewohner von engagierten Fachkräften wie Susanne Weinreich oder Iris Bürgel begleitet.

„Ich bin hier wirklich aufgefangen worden“, sagt Sybille Z. Ihr Sohn hat die Schule gemeistert und inzwischen eine Lehrstelle als Maler angetreten. Seiner Mama hat er gesagt, er sei froh, dass er noch ein Geschwisterchen bekommen hat. Spätestens jetzt wusste sie, dass sie alles richtig gemacht hat.

Ihre neue Wohnung sucht sie selbst. „Die Vermieter waren positiv überrascht, dass ich gleich die Selbstauskunft mitgebracht habe“, erzählt die junge Frau. Wie man sich als zuverlässiger Mieter verhält, das bekommen die Bewohner in den drei Jahren von Susanne Weinreich vermittelt. Eine richtige Bewerbungsmappe hat Sybille Z. zusammengestellt mit allen Unterlagen, die benötigt werden. Die Vermieter können sicher sein, sagt Weinreich, dass sie zuverlässige Mieter bekommen.

Die Sorge, der allgemein schwierige Wohnungsmarkt werde es unmöglich machen, dass die Bewohner auf dem freien Markt unterkommen, hat sich bisher so nicht bestätigt. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, wie fit die Bewohner des Ellinor-Holland-Hauses gemacht wurden.

Das Leben kommt wieder ins Lot

Stolz auf das Erreichte ist auch Susanne Weinreich. Sie brannte von der ersten Minute an für dieses Projekt. Heute sagt sie: „Wir sind sehr stolz auf unsere Bewohner, denn sie haben in den vergangenen Jahren hart gearbeitet.“ Einige haben den Sprung zurück ins Berufsleben geschafft. Und die Jugendlichen konnten ihre Schule abschließen und fanden Ausbildungsplätze. Das große Ziel, ihr Leben wieder selbst ohne staatliche Unterstützung meistern zu können, haben die meisten geschafft, sagt Weinreich.

Manche aus der ersten Generation haben das Ellinor-Holland-Haus auch schon vorzeitig wieder verlassen. Ellen P. gehört zu ihnen. Die 45-Jährige war eine der Ersten, die eingezogen war. Sie hat heuer im Juli eine schöne Wohnung gefunden – nach zwei Jahren und fünf Monaten im Ellinor-Holland-Haus. Sie ist extra noch einmal vorbeigekommen für das Gespräch, „weil diese Geschichte hier zu wertvoll ist“. Ihr Leben ist seit dieser Hilfe, die sie hier erfahren hat, wieder im Lot.

„Es ist toll hier“, schwärmt sie. Eine richtige Gemeinschaft von Menschen sei hier entstanden, die es aus ganz unterschiedlichen Gründen aus der Bahn geworfen hat. Es werde nicht gejammert, niemand habe Vorurteile. Jeder werde akzeptiert. Auch die ehrenamtlichen Sozialpaten seien immer da und sich für nichts zu schade. Der angegliederte Hort hat geholfen, dass sie die Kinder immer bestens versorgt und betreut wusste. „Hier konnte ich einfach zu mir kommen und neu durchstarten“, sagt sie. Und sie vergisst auch nicht, wem sie das alles zu verdanken hat: „Danke Ellinor Holland, was Sie für uns getan haben!“

Noch ein Fall: Ellen P. hat vier Kinder. Ihre Ehe war das reinste Martyrium. Über Jahre wurde sie von ihrem Mann misshandelt. Sie hat sich nicht gewehrt gegen die Prügel in dem Irrglauben, so ihre Familie für die vier Kinder retten zu können. Und sie fügt noch den Satz an: „Das Leben ist die schwerste Schule.“

Erst als sie sich klargemacht hat, dass es auch für ihre Kinder besser ist, „sich am Schopf zu packen und selber aus dem Schlamassel zu ziehen“, hat sie die Kraft gefunden, nach Hilfe zu suchen. Auch ihre Kinder waren in ständiger Angst, dass ihr Vater wieder ausrastet. Dass sie jetzt ohne Angst aufwachsen können, ist der 45-Jährigen das Wichtigste.

Die gelernte Industriekauffrau hat wieder einen festen Job bei einer Speditionsfirma. Sie strahlt Zuversicht und Selbstbewusstsein aus. Frauen, die ähnlich wie sie Gewalt in der eigenen Familie erleben, rät sie, möglichst früh Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Familie lässt sich nicht retten, wenn der Mann seine Frau prügelt. Als sie schon ausgezogen war, kam sie mit ihren Kindern noch einmal zurück. Im Café des Tante-Emma-Ladens haben sie zum ersten Mal gefrühstückt. „Das haben wir uns gegönnt.“ Die Menschen hier, die große Hilfe, all das wird sie nie vergessen.

Helfen Sie uns helfen!

Seit über 50 Jahren hilft die Kartei der Not Menschen in der Region, die unverschuldet in eine schwierige Lebenslage geraten sind. In dieser Zeit hat das Hilfswerk der Mediengruppe Pressedruck und des Allgäuer Zeitungsverlags diese Menschen mit rund 42 Millionen Euro unterstützt.

Otto Eder aus Diedorf hat beim AZ-Bilderrätsel gewonnen und spendet einen Teil des Geldes an die Kartei der Not.
Bild: Marcus Merk

Die Not kann jeden treffen. Plötzlich und unerwartet, durch Krankheit, einen Unfall oder den Verlust eines Angehörigen. Sie, liebe Leserinnen und Leser, helfen durch Ihre Spende mit, dass diese Menschen wieder in ein normales Leben zurückfinden. Wir achten darauf, dass das Geld dort ankommt, wo es am dringendsten benötigt wird. Mit Ihrer Spendenbereitschaft konnte viel Gutes bewirkt werden. Darum bitten wir Sie: Helfen Sie uns helfen. Dafür danken wir Ihnen von Herzen.

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17.11.2018

Den Zirkus der Bambiverleihung, sollten die Veranstalter lieber das Geld der Kartei der Not spenden, als für dieses schaulaufen.

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