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Umwelt

07.04.2020

Wie retten wir die Letzten ihrer Art?

Unter den final Gefährdeten: das Breitmaulnashorn
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Unter den final Gefährdeten: das Breitmaulnashorn
Bild: Foto: dpa

Der weltweite Artenschwund ist dramatisch. Der Mensch ist in vielen Fällen Auslöser - doch er ist es auch, der teils aufwendige Rettungsversuche unternimmt

Etwa eine Million Tier- und Pflanzenarten könnten in den nächsten Jahrzehnten aussterben. Mit dieser alarmierenden Zahl schockte eine Studie des Weltbiodiversitätsrat im vergangenen Jahr die globale Öffentlichkeit: Mehr als 40 Prozent aller Amphibien, 25 Prozent der Säugetiere sowie erschreckend hohe Anteile an Vögeln, Reptilien und Fischen seien bedroht. Insekten wurden in der Studie gar nicht erfasst. So viele unterschiedliche Arten das potenzielle Massensterben betrifft, so verschieden sind auch die Maßnahmen, die zum Schutz einiger von ihnen getroffen werden.

Für manche Spezies scheint es schon fast zu spät, so wie für das Nördliche Breitmaulnashorn. Aber obwohl nur noch zwei dieser Tiere, beides Weibchen, in einem Safaripark in Kenia leben, macht ein Projekt namens „BioRescue“ Hoffnung, dass deren Verschwinden noch einmal abgewendet werden könnte. Es zeigt zudem, welche Möglichkeiten im Artenschutz mittlerweile genutzt werden.

Denn die beiden Nashörner sind zwar aufgrund ihres Alters und ihres Gesundheitszustandes nicht mehr in der Lage, trächtig zu werden. Doch Wissenschaftler unter der Leitung des Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung arbeiten emsig daran, mit Hilfe von künstlicher Befruchtung und Stammzellentechnologie Nachkommen zu erzeugen. Bereits vor 20 Jahren wurde begonnen, Sperma von männlichen Artvertretern einzufrieren. Dieses Sperma wird zur Befruchtung von Eizellen der beiden noch lebenden Weibchen genutzt.

Wie retten wir die Letzten ihrer Art?

Für deren Entnahme mussten die Forscher erst ein spezielles Gerät entwickeln, da die Eierstöcke anderthalb bis zwei Meter tief in der Bauchhöhle der Tiere liegen. Mittlerweile konnten so bislang drei lebensfähige Embryonen geschaffen werden. Diese warten nun in flüssigem Stickstoff, bis sie einer Leihmutter – einem Weibchen des artverwandten Südlichen Breitmaulnashorns – eingepflanzt werden können. Das Team hofft, dass das noch in diesem Jahr gelingt. Ob tatsächlich ein Jungtier geboren wird, bleibt offen.

Wie viele gibt es überhaupt noch?

Bei den Jangtse-Riesenweichschildkröten scheiterte der Versuch chinesischer Wissenschaftler, eines der letzten Weibchen zu befruchten: Das Tier starb während des Eingriffs im vergangenen Jahr, sodass nun weltweit nur noch drei lebende Exemplare bekannt sind. So dramatisch diese Zahlen sind, erlauben sie doch zumindest, den Ernst der Lage genau einzuschätzen und entsprechend aufwendige Erhaltungsmaßnahmen in Angriff zu nehmen.

Bei anderen bedrohten Arten ist es schwer, überhaupt zu ermitteln, wie viele Exemplare es noch gibt – und wie dringend Schutzmaßnahmen ergriffen werden müssen. Etwa beim Palmerklarino. Dieser braun gefiederte, unscheinbare kleine Singvogel aus der Familie der Drosseln lebt endemisch auf der hawaiianischen Insel Kauai. Da er hier dicht bewaldete und kaum zugängliche Schluchten bewohnt, ist seine Erforschung schwierig.

US-amerikanische Biologen kamen daher auf die Idee, Bioakustik einzusetzen. Sie platzierten Audio-Rekorder an den Rändern der Schluchten und nutzten dann Algorithmen, die eigentlich für Internetsuchen entwickelt wurden, um die langen Tonaufnahmen nach dem markanten Gesang des Palmerklarinos zu durchforsten. Noch ist die Auswertung nicht abgeschlossen, doch ähnliche Versuche zur Bestandsbestimmung des Fleckenkauzes in Kalifornien oder des Wellentinamus in den Anden stimmen optimistisch.

In anderen Fällen kann die Auswertung alter Datenquellen dabei helfen, die Entwicklung von Artbeständen besser zu verstehen. So griffen die beiden Wissenschaftler Yusuke Miyazaki und Atsunobu Murase auf die knapp 200 Jahre alte japanische Tradition des „Gyotaku“ zurück, was so viel wie „Fischabdruck“ bedeutet: Japanische Fischer tauchen dabei besonders beeindruckende Fänge in Tinte und drücken diese dann auf Papier, um sie zu erhalten. Eben diese Fischdrucke nutzten Miyazaki und Murase, um die Veränderungen der Biodiversität an den japanischen Küsten besser abschätzen zu können, wie sie im vergangenen Jahr im Fachblatt ZooKeys berichteten: Die Vielfalt und Zahl der auf diese Weise dokumentierten Arten gebe Aufschluss darüber, welche Populationen heute besonders gefährdet seien.

Manche Arten sind „Schlüsseltierarten“ 

Unzweifelhaft ist indes die Gefährdung des australischen Great Barrier Reefs: Schon seit Jahren sterben die fragilen Korallen in Folge der globalen Erwärmung ab, erst im August 2019 wurde der Bedrohungsstatus des Riffs auf „sehr schlecht“ und damit auf das niedrigste Niveau zurückgestuft.

Eine ungewöhnliche Schutzmaßnahme präsentierten britische und australische Forscher nun Ende vergangenen Jahres im Fachblatt Nature Communications: Sie hängten zwischen Oktober und Dezember 2017 für sechs Wochen Lautsprecher in zerstörte Riffbereiche. Aus diesen erklangen Aufnahmen eines gesunden Riffs. Dieser Sound lockte doppelt so viele Fische an wie geschädigte Korallenbänke ohne entsprechende Geräuschumgebung – und eben jene sind wichtig für die Renaturierung der empfindlichen Korallenlandschaften.

Für die australische Regierung hat der Schutz des Riffs nicht nur ökologische Gründe. Das Great Barrier Reef stellt auch einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar, obwohl gerade die Touristenmassen eine Belastung für das Unesco-Weltnaturerbe bedeuten. Neben ökonomischen Motivationen kann aber auch der symbolische Wert über den Schutz einer Art entscheiden – wie auch beim Weißkopfseeadler, dem Wappenvogel der USA.

In anderen Fällen spielt die Bedeutung einer Art für ein Ökosystem die entscheidende Rolle, wie sich beim Nördlichen Breitmaulnashorn zeigt: Bei diesen Tieren handelt es sich um eine sogenannte Schlüsseltierart. Bevor die Tiere vom Aussterben bedroht waren, zogen sie in großer Zahl durch Ost- und Zentralafrika, wo sie die Samen hunderter Pflanzenarten verteilten. Vögel ernährten sich von den Parasiten in ihrer Haut, Antilopen nutzten die Schneisen, welche die Nashörner durch den Dschungel schlugen. Ähnlich ist es auch beim hawaiianischen Palmerklarino: Dieser verteilt mit seinem Kot die Samen zahlreicher Pflanzen auf der ganzen Insel und ist deswegen für die tropischen Wälder vor Ort essenziell.

Stirbt der Vogel aus, ist das auch der Tod der Parasiten

Nicht minder einflussreich ist schließlich die öffentliche Meinung, die meist besonders beeindruckende oder schlichtweg niedliche Tiere wie Pandas, Tiger oder Elefanten bevorzugt. Insekten, Amphibien oder Reptilien haben es im Vergleich dazu schwerer – obwohl in diesen Gruppen zum Teil wesentlich mehr Arten gefährdet sind. Nicht wenige von ihnen finden sich im Fokus von „Edge“: Das Programm der Zoologischen Gesellschaft von London konzentriert sich auf Arten, die sowohl bedroht als auch besonders einzigartig sind in dem Sinne, dass sie optisch, in ihrem Verhalten oder genetisch herausstechen.

Beispiele für derartige Spezies sind Nasikabatrachus sahyadrensis, eine bizarr aussehende Art der Froschlurche, die an einen unförmigen Matschklumpen erinnert und im Südwesten Indiens vorkommt. Aber auch das markante Chinesische Schuppentier sowie mehrere Korallenarten stehen auf der mehr als 2000 Spezies umfassenden „Edge“-Liste. Im Rahmen des Projekts werden 79 Stipendien zur Erforschung einiger dieser Arten gefördert, was diesen auch mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit verschaffen soll.

Noch mehr außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung befinden sich Parasiten, die gleich doppelt gefährdet sein können. So wird ihnen zum einen die Lebensgrundlage entzogen, wenn ihre Wirtstiere aussterben, paradoxerweise zum anderen aber auch, wenn diese gerettet werden, wie das Beispiel der Kalifornischen Kondorlaus zeigt. Diese befiel den Kalifornischen Kondor, der bis in die 1980er Jahre als fast ausgestorben galt. Die noch existierenden Exemplare wurden in Zoos gebracht, um eine Aufzucht in Gefangenschaft zu ermöglichen. Das Projekt hatte Erfolg – da die Vögel in den Tierparks allerdings entlaust wurden, starb die Kondorlaus aus.

Anlass genug für mehrere kritische wissenschaftliche Beiträge: So forderte etwa der Evolutionsbiologe Donald Windsor vom US-amerikanischen Smithsonian Tropical Research Institute bereits 1990 in der Fachzeitschrift Nature „gleiche Rechte für Parasiten“. Und eine 2012 erschienene französische Studie warnte, dass das Aussterben einer Korallenfischart zum Aussterben von zehn Parasitenarten führen würde, was Folgen für das ökologische Gleichgewicht der Korallenriffe und die Evolution der Arten hätte.

Dennoch ist der Schutz von Parasiten immer noch ein Randthema. Eine Lösung wäre der Aufbau genetischer Datenbänke für Parasiten, so wie er für Pflanzen bereits betrieben wird. Tatsächlich gibt es weltweit etwa 1700 Pflanzen-Genbänke, die bekannteste auf der Arktisinsel Spitzbergen. Um die 900000 Saatgutproben lagern hier im vermeintlich ewigen Eis. Ein bewusst gewählter Standort, der eigentlich garantieren sollte, dass die Anlage auch ohne Kühlung auskommt. Doch seit einigen Jahren gibt es immer wieder Meldungen über Probleme mit Schmelzwasser – das in Folge des Klimawandels verstärkt entsteht.

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