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Starkbierzeit

09.03.2019

Wozu fasten? Der Exzess ist doch ohnehin verpönt

Beppo Brem (Mitte) und Joe Stöckel (rechts) lassen in dem Film „Mönche, Mädchen und Panduren“ von 1952 als Paulaner-Mönche den ersten Humpen ihres selbstgebrauten Bieres testen.
Bild: imago stock&people

Verzicht ist heute allgegenwärtig und selbst der Fasching steht im Verdacht, nicht mehr korrekt zu sein. Eine starkbierinduzierte Gegenrede.

Vorweg eine Warnung: Dieser Text entstand nach reiflicher Gärung. Er kann Spuren von Weizen und Elemente, die politische, sittliche oder sonstige Gefühle berühren, sowie mindestens 6,5 Vol. % enthalten.

Man muss das ja heutzutage vorausschicken in Zeiten, in denen Wortunverträglichkeiten und Sensibilitäten aller Art dermaßen zunehmen, dass man schon gar nicht mehr weiß, was überhaupt noch schreiben, reden, essen und in denen selbst aufm Nockherberg schon Menschen mit Wasser (ohne Kohlensäure!) gesehen wurden, während sie an ihrem Radieserl lutschen.

Wobei: Jedem sein entkoffeiniertes Getränk, nicht dass wir uns da falsch verstehen. Nur: Wer es eben schwarz, stark und deftig mag, hat es mittlerweile schwer, wo sich doch auf nichts mehr geeinigt werden kann außer vielleicht den Verzicht, auf den nicht verzichtet werden darf. Und zwar in jeder, bisweilen auch hirnverbrannter Hinsicht und egal ob auf dem Teller, im Glas, ob in Politik oder Gesellschaft. Und deswegen nun hier, an dieser Stelle, statt einer Fastenpredigt das Gegenteil davon, eine starkbierinduzierte Gegenrede, wenn man so will ein anschwellender Bockbiergesang.

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Denn man kann es wirklich nicht mehr hören und plärrt einem doch schon morgens aus dem Radio entgegen: „Fasten liegt voll im Trend. Und da gibt es ja auch noch kulturelle Faktoren, wir haben gerade ja wieder die Fastenzeit…“ Kein Witz und wirklich so gefallen. „Kulturelle Faktoren“ – so hat der bußbärtige Söder, der neuerdings ausschaut, als wäre er ein Anwärter für die Oberammergauer Passionsspiele, auch schon seinen Kreuzerlass gegen die Wand gefahren und meint ja eigentlich: Religion. Aber wer traut sich schon noch, die beim Namen zu nennen? Und wer braucht das überhaupt, wo es doch Ersatz gibt und ebenjene „Trends“, die aus nichts beziehungsweise dem Verzicht ein Bohei machen, über das man bei einer Halbe vielleicht ja lachen könnte, bliebe einem beim sauertöpfischen Blick vom Nebentisch nicht gleich der Schluck im Halse stecken und käme das Ganze mittlerweile nicht so dogmatisch daher.

Im Ernst gefragt jetzt: Wer braucht denn noch die Fastenzeit, wo doch das ganze Jahr über auf alles Mögliche verzichtet wird? Außer vielleicht auf irgendwelche Kochshows und Rezept-Blogs im Netz, deren Zahl Legion ist und wo zum Beispiel zu erfahren ist: „Die Fastenzeit ist angebrochen. In diesen beiden Rezepten treiben wir sie auf die Spitze. Es gibt Schäume von Chorizo und Roquefort auf Knäckebrot.“ Ein aufgeblasener Käs’ also.

Wobei das Beispiel schön luftig illustriert, von welch leicht dekadentem Hautgout dieses ganze Gerede um bewusstes Essen bisweilen begleitet wird, wie überhaupt der ganze Diät-Irrsinn, diese ganze Verzichts-Ideologie auch Auswurf einer Wohlstandsgesellschaft ist, also zumindest des wohlständigen Teils der Gesellschaft, denn es gibt da ja auch noch andere.

Mittags an einer Dörrbirne zuzeln und abends zum Spinning ins Fitness-Studio

Die anderen aber, die sich wichtig nehmen, werkeln an ihrer Ernährung und schließen sich Glaubensrichtungen an wie Low Carb, Keto, Paleo und wie die Dinger sonst noch heißen. Das heißeste Ding ist aber momentan das sogenannte intermittierende Fasten, also Essen nur in bestimmten Intervallen, weil das hätten unsere steinzeitlichen Vorfahren schließlich auch so gemacht, nach dem Motto: Hast ein Mammut in den Taschen, haste was zu naschen, ansonsten eben: Fasten.

Auch hier geht es nebenbei um Bewusstheit und dass die Menschen auch mal wieder „Hunger spüren“, wie der Bestseller-Autor Prof. Dr. Andreas Michalsen („Mit Ernährung heilen“) betont, und triebe es einem bei solchen Aussagen nicht ohnehin den Stoffwechsel nach oben, könnte man dem Modell ja durchaus etwas abgewinnen. Sofern es konsequent zu Ende gedacht würde – und beispielsweise die Frage gestellt, ob denn unsere als Kronzeugen angeführten neolithischen Freunde damals etwa auch neun Stunden am Tag im Bürostuhl vor flimmernden Bildschirmen saßen oder auf Schicht am Band. Vorweg und bevor jemand googelt: Natürlich nicht.

Und genau deswegen muss man sich ja umso mehr in Schuss halten, morgens laufen, mittags an einer Dörrbirne zuzeln und abends zum Spinning ins Fitness-Studio an der Ausfallstraße, wo man sich abstrampelt und oft genug buchstäblich und hinter schaufensterartigen Fassaden zeigt, dass man verstanden hat und dazugehört zur Leistungsgesellschaft. Nein, wer so fastet, rostet vielleicht langsamer, rast aber um so mehr. Fast forward. Surft auf der Welle des Zeitgeists und der Selbstoptimierung und läuft doch gleichwohl Gefahr, beim steten Blick auf die Smartwatch, das Smartphone, irgendwelche Bodytracking-Apps sein Selbst aus ebendiesem zu verlieren. Da nutzen auch zwei Stunden „Digital Detox“ nichts (pro Woche natürlich).

Noch mal: gegen vernünftiges Essen, eine halbwegs verträgliche Lebensführung undsoweiter sagt doch niemand nix. Aber wenn schon Mittzwanziger klagen, aus Angst um ihre Produktivität nicht mehr über die Stränge zu schlagen, läuft etwas gewaltig schief. Oder, mit den Worten von Bianca Jankovska („Das Millennial-Manifest“): „In einer Leistungsgesellschaft, die ständige Verfügbarkeit schon für die Jüngsten predigt, ist es nicht verwunderlich, dass der Rahmen fehlt, loszulassen.“

Denn merke: Wer nur auf Party macht, ist vor Rausch bestimmt bald leer, wer nur verzichtet, rauscht im Leerlauf, wer aber beides tut und kann und also auch mal fehlt, der lebt.

Vielleicht sollte man also mal damit anfangen, auf das Verzichten zu verzichten

Und früher gab es ja auch Orte und Gelegenheiten, um so etwas wie dem geselligen Exzess einen Rahmen zu geben. Heute aber wird, wie unlängst gesehen, selbst der Fasching skandalisiert beziehungsweise die damit seit je auch einhergehenden Anzüglichkeiten, der blöde Spruch und – Beispiel AKK – der schlechte Witz. Und Rauchverbot herrscht eh.

Es ist fast so, als würde der öffentliche Raum durchgekärchert und alles Anrüchige, Ungesunde, nicht Korrekte wenn schon nicht an die Randzonen der Gesellschaft, so doch ins Private verbannt. Da kann dann jeder tun und lassen, was er will – falls er noch jemand findet, der mittun will. Aber gibt ja Internet.

Der Wiener Philosoph und Verzichts-Kritiker Robert Pfaller warnte deshalb schon vor Jahren von einer „Maßlosigkeit im Mäßigen“, dem Verlust von Kulturtechniken und einem Zeitalter der Askese. Was sich im Übrigen nicht nur mehr im Umgang mit Tabak, Alkohol und Humor zeigt, sondern auch in einer Verflachung und Verschlaffung der Debatte, der sich ausbreitenden geistigen und politischen Ödnis – denn wer partout vermeiden will, Anstoß zu erregen (was ja eigentlich und positiv gewendet auch immer heißt: etwas anzustoßen), der sagt halt nichts oder eben Nichtssagendes. Und wem jetzt nicht die Bundeskanzlerin einfällt, dem ist auch nicht zu helfen. Oder anders formuliert: Wer Angela Merkel, diese Politik mit Pflaumenkuchenbacken verwechselnde, personifizierte uckermärkische Askese, nun bald 14 Jahre ertragen und in einem Akt der müden Identifikation mit dem milden Aggressor womöglich sogar gewählt haben sollte, dem braucht man wahrlich keine Chia-Samen mehr ins morgendliche Müsli streuen.

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10 Bilder
Die Festredner vom Starkbieranstich auf dem Nockherberg

Zu komplizierter Satz? Passt aber in eine Twitter-Nachricht. Womit wir weiter im Thema wären. Denn verzichtet wird heutzutage ja wie gesagt nicht mehr nur auf den Schweinsbraten, sondern auch auf syntaktische Konstruktionen, die mit mehr als einem Hauptsatz auskommen. Und auf Argumente, die wie übrigens auch jeder Genuss immer zwei Seiten haben. Das dazu passende Fremdwort könnte Ambiguitätstoleranz heißen, aber eigentlich auch schon wurscht.

Weil stattdessen will man es eindeutig und rein und effektiv, alles andere wäre ja auch zu anstrengend. Gebückt wird sich deshalb, egal ob in Medien oder Politik, allenfalls und vorwiegend nach unten. Und von da schallt’s mittlerweile auch nicht mehr so schön zurück.

Dafür gibt es dann allerhand Klicks und Scheindebatten und schlichte Botschaften wie etwa die von der seit langem anhaltenden „schwäbischen Hausfrau“, Stichwort: Man kann nicht mehr ausgeben, als man einnimmt. Ein schönes Beispiel ist das, denn wer jetzt reflexartig nickt, der ist schon in die Falle getappt oder hat tatsächlich als einer der wenigen sein klein’ Häuschen ohne Kredit gebaut (geschweige denn jemals in der Kneipe angeschrieben). Dass aber mit der schwarzen Null mangels Investitionen seit Jahren unsere Zukunft verfrühstückt wird? Egal: der Staat verzichtet, und alleine das klingt doch schon mal gut.

Vielleicht sollte man also mal damit anfangen, auf das Verzichten zu verzichten. In jeder Hinsicht. Vielleicht ein Starkbier probieren, mal bis zum Exzess darüber nachdenken, in welch irren Zeiten wir scheint’s leben – und vielleicht nachts um halb eins zu dem Schluss kommen: Hört’s mir doch auf mit dem Schmarrn.

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