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Zwei Reporter unterwegs auf dem ehemaligen "Todesstreifen"

Der Mauerfall jährt sich zum 30. Mal. Unsere Reporter sind zu einer Wanderung auf dem ehemaligen "Todesstreifen" aufgebrochen. Eine Spurenlese zwischen Erinnerungskultur und Historienkitsch.

Der Weg zieht sich fast 50 Kilometer lang quer durch Berlin. Es gibt Knicke, Kurven, Richtungswechsel im Zickzack – vor allem aber lange Geraden. Wo dieser Weg verläuft, zeigt er an, was einmal eine Wunde war, entstanden durch das Auseinanderreißen einer Millionenstadt am 13. August 1961. Heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall vom 9. November 1989, ist der innerstädtisch 46,4 Kilometer lange Berliner Mauerweg eine Narbe der Geschichte. Geglättet und schrundig, öde und veredelt, bizarr und bunt, erschütternd und grotesk. Markierungen im Boden dokumentieren den Grenzverlauf zwischen Ost und West: über Friedhöfe, durch S-Bahnhöfe, mitten durch die Spree, durch Wohnstraßen, an Böschungen und Laubenkolonien entlang. Geblieben ist eine Spur der Steine, über die man stolpern oder hinwegsehen kann. Der Mauerweg ist ein Marathon der Erinnerung – oder einfach nur ein toller Radweg durch die deutsche Hauptstadt von heute. Das neue Berlin über- und verbaut die Teilung, frisst sie mehr und mehr auf: Wohnen, Verkehr, Freizeit – und ein bisschen Gedächtnis. Nicht nur die Stadtautobahn A 113 folgt dem alten "Todesstreifen". Mal führt das zweireihige Kopfsteinpflasterband vorne in einen "Vapiano" hinein und kommt weiter hinten aus einem "Starbucks" wieder raus.

Der Mauerweg ist ein Marathon der Erinnerung.
Bild: Michael Schreiner

Nicht alles ist schmerzfrei zusammengewachsen zwischen Ost und West. Die Mauer ist länger weg, als sie stand. Schwarzweiß ist die Erinnerung auf den Dokumentationstafeln entlang des Mauerwegs, farbig sind die Werbebanner der Immobilienentwickler. Die Mauer selbst ist bis auf sehr wenige, unter Denkmalschutz stehende Relikte, abgeräumt, fortgeschafft, geschliffen. Insgesamt 1,7 Millionen Tonnen Bauschutt sind weggekarrt. Die bröselnden Reste sind Gegenstand des touristischen Pflichtprogramms. Aber der breite Grenzstreifen, die Leere zwischen Hinterlandmauer und Westmauer, der Wahnsinn und die Tektonik der Trennung ist dem bauboomenden Berlin an sehr vielen Stellen noch immer eingeschrieben als eine unübersehbare Dehnungsfuge zwischen Ost und West.

Wir sind den Berliner Mauerweg von Süden hinauf nach Norden abgelaufen. Eine Spurenlese zwischen Graureihern und Graffiti, Monstrosität und Monotonie, Hochhäusern und Hotspots, Erinnerungskultur und Historienkitsch, Unterholz und Lärmschutzwand.

Michael Schreiner (links) und Matthias Zimmermann sind den Mauerweg abgelaufen.
Bild: Michael Schreiner

Unser Wundern über die Banalität der Orte, die Gnadenlosigkeit der Zeit, die langsam, aber sicher auch die Spuren eines Bauwerks tilgt, an dem so viele Leben zerschellt sind, beginnt schon beim Aussteigen aus dem Bus Linie 171, Haltestelle Hiltrud-Dudek-Weg.

 

Links der Straße erstreckt sich eine Brache bis zum Horizont. Plastiksäcke mit Grünschnitt liegen zwischen Gestrüpp und hohem Gras. Auf einem breiten Mast drehen sich hinter Glas Werbeplakate. Rechts der Straße bietet der "Stadtrandhof" Freizeiterlebnisse für Kinder und Jugendliche. Willkommen auf dem Gebiet des einstigen Todesstreifens.

Plastiksäcke im Gras: Willkommen auf dem Gebiet des einstigen Todesstreifens.
Bild: Michael Schreiner

Hier, kurz hinter dem heutigen Ortsschild von Berlin, war einst der Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee. Wer von Westberlin zum Flughafen Schönefeld wollte, musste diesen Weg nehmen. Ausländer und Bürger der DDR bekamen bei Vorlage eines Flugtickets ein Transitvisum. Trotz der gefürchteten Grenzkontrollen machten das viele. Flüge mit Interflug, der DDR-Fluglinie, waren viel günstiger. Auch die DDR hatte ein Interesse an diesem Grenzverkehr: Die Tickets mussten mit West-Mark bezahlt werden, das brachte Devisen ins Land. Fliegen kann man von Schönefeld immer noch, auch wenn am geplanten Großflughafen BER etwas weiter südlich nun schon fast halb so lange gebaut wird, wie die Mauer stand. Hier beginnt unser Lauf auf dem Mauerweg. Und hier stehen auch die ersten von noch vielen weiteren orangefarbenen Stelen, die uns immer wieder auf Geschichten von Orten und Menschen entlang dieses Wegs verweisen werden. Meist sind es Geschichten ohne Happy End. Wie die von Christel und Eckhard Wehage – sie Psychologin im Harz, er Berufssoldat in Stralsund.

An dieser Stelle begann der Bau der Mauer.
Bild: Michael Schreiner

Jahrelang bemühte sich das Ehepaar in der DDR, einen gemeinsamen Wohn- und Arbeitsort zu bekommen. Weil nichts klappte, entschieden sie sich für einen abenteuerlichen Fluchtplan. Am 10. März 1970 gingen sie am Flughafen Schönefeld an Bord einer Maschine nach Leipzig. Kurz nach dem Start zog Eckhard Wehage eine Pistole und verlangte, das Flugzeug solle Hannover ansteuern. Doch ein Land, das seine Bürger einmauert, hat auch so einen Fall vorhergesehen. Wehage schaffte es nicht ins Cockpit. Die Stewardess überzeugte ihn aber, man steuere aus Treibstoffmangel den Westberliner Flughafen Tempelhof an. Als die beiden Flugzeugentführer sahen, dass die Piloten doch wieder Anflug auf Schönefeld nahmen, erschossen sie sich selbst.

Nichts erinnert mehr an den Grenzübergang an der Waltersdorfer Chaussee, dem Startpunkt unserer Wanderung.
Bild: Matthias Zimmermann

Wir laufen los. Der Imbiss "Am Ziel" hat noch geschlossen. Dafür ist auf dem breiten Radweg, zu dem der Mauerweg gleich danach wird, schon Verkehr. Leute führen ihre Hunde aus, Radler ziehen auf dem glatten Band aus Asphalt zügig an uns vorbei. Ein Graureiher döst mitten in einem Tümpel auf einem Stein, lässt sich weder von uns noch von den Enten stören, die aufgeregt um ihn herum quaken. Neben dem Hauptweg führen kleine Pfade zu Bänken neben jungen Birken. Das Grenzgebiet ist heute Teil des Landschaftsparks Rudow-Altglienicke. Angeblich grasen hier auch Wasserbüffel, verrät ein Schild. Wenn das ständige Rauschen der Autobahn nicht wäre, die sich rechts mal hinter einer Lärmschutzwand, mal unter einer Einhausung versteckt, das Idyll wäre perfekt.

Der Berliner Mauerweg im Google-Earth-Zeitraffer.
Video: Axel Hechelmann

Es dauert ein paar Kilometer, bis wieder eine orangefarbene Stele als Störer in den Himmel ragt. Wo heute hinter Hecken schmucke Einfamilienhäuser stehen, stand einst eine Radarstation der US-Armee. Von dort aus gruben Briten und Amerikaner noch vor Mauerbau einen Spionagetunnel unter der Grenze hindurch und verschafften sich Zugang zu den Telefonkabeln, über welche die interne Kommunikation der sowjetischen Streitkräfte in der DDR lief. Elf Monate ging das gut, dann hat ein britischer Doppelagent alles an den KGB verraten. Bis April 1956 konnten die Alliierten fast eine halbe Million Gespräche aufzeichnen. Die Bänder wurden zur Auswertung täglich in die USA und nach England geflogen. Beim Bau der Autobahn A 113 wurde im Jahr 2005 das letzte Stück des Tunnels geborgen und in ein Museum gebracht. Wieder eine Spur weniger.

Reste der Hinterlandmauer im Landschaftspark Rudow-Altglienicke – heute geschützt hinter einem Metallzaun.
Bild: Michael Schreiner

Wenn keiner da ist, der sich kümmert, verschwinden die Dinge einfach. Die Öffnung der Grenze hat die Mauer überflüssig gemacht. Und fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Vorstellung, Polizisten könnten auf Menschen schießen, die Deutschland verlassen wollen, geradezu absurd. Wenn da plötzlich noch ein Stück echter Mauer auftaucht, weht einen der Hauch der Geschichte darum umso heftiger an. Kurz bevor die Autobahn nach Westen schwenkt, steht noch so ein Stück: rund 450 Meter originale Hinterlandmauer, von Osten gesehen der erste Teil, der immer zwischen 50 und 500 Meter breiten Grenzanlagen. An einigen Stellen schimmert noch der weiße Anstrich hervor, durch den sich etwaige "Republikflüchtlinge" besser vor dem Hintergrund abzeichnen sollten. Heute soll ein grüner Zaun die alstersschwach und brüchig wirkende Betonbarriere vor Vandalismus schützen. Entlang der Rudower Straße, an der ein trostloses Gewerbegebiet angrenzt, ist die Mauer hinter dem Zaun kaum noch zu sehen. Plakate werben für eine Erotikmesse und Reisevorträge über Norwegen und Südafrika. Bandenwerbung im Kapitalismus.

Mauer hinter Gitter: Die einst schier unüberwindliche Hinterlandmauer muss vor dem Verfall geschützt werden.
Bild: Matthias Zimmermann
Bandenwerbung im Kapitalismus: Ein Plakat wirbt für eine Erotikmesse.
Bild: Matthias Zimmermann
Die Mauer als Bandenwerbung: In einem Gewerbegebiet sind die denkmalgeschützten Reste kaum noch zu sehen.
Bild: Matthias Zimmermann

Weiter geht’s. Der "antifaschistische Schutzwall", wie die Mauer in der offiziellen DDR-Sprachregelung hieß, ist jetzt durch einen Lärmschutzwall ersetzt worden. Kilometerlang zieht sich eine hohe Wand entlang der A 113, die nach dem Mauerfall auf dem alten Grenzstreifen gebaut worden ist. Ab und zu sieht man vom Mauerweg aus ein blaues Autobahnschild hervorlugen – sonst ist nur das Rauschen des Verkehrs jenseits der Wand zu hören.

Eine öde Gegend, ein Niemandslandkorridor mit Radweg. Rechts die Lärmschutzwand, fast immer deutlich höher, als es einst die Mauer mit ihren 3,60 Metern war. Links hinter meterhohem Dornengebüsch der Teltowkanal. Immer geradeaus verläuft dazwischen der geteerte Mauerweg. Radfahrer sausen vorbei – hier hält sich niemand lange auf. Auf Höhe der Massantebrücke dann zwei Fotos, die an DDR-Grenzsoldaten erinnern.

Auf Höhe Adlershof erinnern drei Stelen an Maueropfer. Dahinter erhebt sich ein Turm, in dem Neuwagen gestapelt sind.
Bild: Michael Schreiner

Siegfried Widera der eine. Er ist 22 Jahre alt, als ihn drei DDR-Flüchtlinge am 23. August 1963 mit einer Eisenstange niederschlagen. Widera erleidet einen Schädelbasisbruch, an dem er zwei Wochen darauf stirbt. Georg Feldhahn der andere. Der junge Grenzpolizist ertrinkt bei einem nächtlichen Fahnenfluchtversuch über den Teltowkanal. Er wird 20 Jahre alt. Sein Schicksal kann wie das so vieler Toter an der Mauer erst nach der Wiedervereinigung aufgeklärt werden.

Auf der Westseite ragen riesige weiße Tanks auf, weiter dahinter die Hochhäuser von Gropiusstadt. Später eine Siedlung mit weißen neuen Einfamilienhäusern am Teltowkanal – auf der anderen Seite, die einmal das "rettende Ufer" war für jene, die hier an diesem Grenzabschnitt die Flucht aus Ostberlin wagten. Am Britzer Zweigkanal, der rechtwinklig vom Teltowkanal abgeht, nahm die Mauer einst eine Kurve ostwärts. Heute ist hier unmittelbar neben dem Mauerweg dichtes Unterholz, der Todesstreifen ist zugewuchert wie Ruinen der Maya im Dschungel von Mexiko. Wer sich durch Schlingpflanzen und Wildwuchs schlägt, stößt auf ein Hundegrab und einen schrundigen, halb im Erdreich versunkenen Rest Betonmauer und sieht freies Feld östlich der A 113.

Immer geradeaus geht es über Kilometer parallel zur Autobahn A 113, auf dem früheren Todesstreifen, Richtung Stadtmitte.
Bild: Matthias Zimmermann

Direkt am Britzer Zweigkanal steht eine rostfarbene Gedenkstele. "Hier wurde am 5. Februar 1989 der zwanzigjährige Chris Gueffroy getötet. Er war der letzte Flüchtling, der erschossen wurde, als er versuchte, die DDR-Grenzanlagen zu überwinden." Jemand hat einen Zweig buntes Herbstlaub am Fuß des Denkmals abgelegt. Von der Ferne sehen wir eine Frau und einen Jungen auf Fahrrädern vor der Stele anhalten. Als wir aufschließen, fahren sie wortlos weiter. Chris Gueffroy fehlten sieben Monate und vier Tage. Auf der gegenüberliegenden Seite des Stichkanals eine Lagerhalle, ein Lastwagen wird beladen. Etwas weiter rechts eine riesige Wandwerbung für "Jacobs Krönung".

"Hier wurde am 5. Februar 1989 der zwanzigjährige Chris Gueffroy getötet."
Bild: Matthias Zimmermann

Wer von hier weitergeht, stößt auf die Chris-Gueffroy-Allee. Rechts Datschen einer Kleingartenkolonie mit dem Namen "Harmonie". Von hier ist es nicht mehr weit zum ehemaligen Grenzübergang "Sonnenallee" zwischen Neukölln (West) und Treptow (Ost). Kennt man von dem Kinofilm, in dem Detlev Buck einen etwas trotteligen Grenzer spielt.

Heute ist das hier so unspektakulär wie ein Zebrastreifen. Zwei Fernrohre, wie man sie von Aussichtspunkten kennt, stehen sich auf beiden Straßenseiten gegenüber: "Übergänge" nennt sich das Kunstwerk von Heike Ponwitz.

"Das war schrecklich, die Schreie und das Schießen, wenn einer versucht hat abzuhauen."

Die vierstöckigen Plattenbauten direkt am ehemaligen Grenzstreifen sind frisch gestrichen, mit idyllischen Wandgemälden aufgehübscht. Hier wohnten zu DDR-Zeiten zuverlässige Mitarbeiter der Gewerkschaftszeitung Tribüne. Heute prangt das Logo der "Wohnungsbaugenossenschaft Treptow Nord" auf den Fassaden. Der Mauerfall hat den Menschen, die heute hier wohnen – noch hier wohnen? – einen lang gezogenen Park direkt vor der Haustüre beschert. Auf einer Bank sitzt ein Rentnerpaar, und als wir schon fast vorbeigegangen sind, weht noch ein Gesprächsfetzen zu uns herüber: "Die stand da hinten, die Mauer …" Moment mal, können Sie das bitte noch einmal erzählen?

Henry und Waltraud Carmichael hatten aus ihrer Westberliner Wohnung den direkten Blick nach Osten, auf die Mauer.
Bild: Matthias Zimmermann

Henry Carmichael, so heißt der Mann, der da sitzt, lässt sich nicht lange bitten. "Wir wohnen gleich da drüben", sagt er und zeigt mit dem Finger nach Westen. Wenige Meter Luftlinie, aber damals doch in einer anderen Welt. "Die erste Häuserreihe da vor dem schmalen Kanal stand damals noch nicht. Unsere Wohnung ging direkt raus auf die Mauer. Wir haben die Amis in ihren Jeeps an der Grenze Patrouille fahren sehen. Im Osten haben sie dann immer "Ami go home" vom Balkon geschrien", erinnert sich Carmichael, Jahrgang 1938 und gebürtiger Schotte. Ein Wachturm stand hier auch. Und seine Waltraud ergänzt: "Unser Schlafzimmerfenster ging raus auf die Grenze. Das war schrecklich, die Schreie und das Schießen, wenn einer versucht hat abzuhauen. Bei Bekannten unseres Sohnes ist sogar einmal eine Kugel durch das Fenster gegangen." Heute sei das ganz anders. So schön grün und viele Tiere: "Ich habe kleine Krähen großgezogen. Und für die Igel stelle ich auch immer was raus, manchmal kommt auch ein Fuchs", schwärmt der hagere Mann.

Das Gefühl, in einer Großstadt zu sein, stellt sich auch danach nicht ein. Kleingartenanlagen säumen den ehemaligen Grenzstreifen an vielen Stellen. Die meisten gab es wohl schon früher, so wie die Kleingartenkolonie "Sorgenfrei" im Osten. Im Frühsommer 1962 zeigen Grenzpolizisten hier spielenden Kindern ihre Maschinenpistolen. Dabei löst sich ein Schuss und verletzt den 13-jährigen Wolfgang Glöde am 11. Juni tödlich. Kein Unfall ist, als DDR-Grenzer am 14. März 1966 nicht weit davon entfernt zwei Kinder erschießen. Jörg Hartmann, 10, und Lothar Schleusner, 13, hatten sich nach Einbruch der Dunkelheit ins Grenzgebiet geschlichen, weil sie wohl heimlich Jörgs Vater in Westberlin besuchen wollten. Wir schauen noch einmal hin, auf grüne Hecken und gepflegte Gärten und laufen schweigend weiter.

Ein neues Stück Autobahn wird gleich neben den Kleingärten in den Boden versenkt.
Bild: Matthias Zimmermann

Eine riesige Baustelle reißt uns aus unseren Gedanken. Ein neues Stück Autobahn wird gleich neben den Kleingärten in den Boden versenkt. Bis 2022 soll die Verlängerung der A 100 fertig sein. Sechs Spuren breit, ein Betonbecken so tief wie ein Fluss. Berlin kann keine Großprojekte? Vielleicht. Aber in welcher anderen Stadt könnte man so ein 500-Millionen-Euro-Projekt noch in die bestehende Bebauung einpassen? Beinahe hätten wir es übersehen: Halb versteckt unter einer rot-weißen Absperrung und welken Blättern kommt die uns schon so vertraute Mauerlinie aus einer zweireihig verlegten Granitsteinreihe wieder zum Vorschein. Ein paar Meter weiter endet sie an der Mauer, die zum S-Bahn-Damm führt.

Bis 2022 soll die Verlängerung der A 100 fertig sein.
Bild: Matthias Zimmermann

Wir müssen einmal links, einmal rechts und sind jetzt in der Heidelbergerstraße. Hier ist noch nicht alles geschleckt. Aber mit jedem Häuserblock, den wir vorankommen, werden die Wohnungen schicker und die Mieten teurer. Eine unauffällige Tafel an Hausnummer 35 lässt uns kurz innehalten.

Vom Keller dieses Hauses wurde im März 1962 ein Fluchttunnel zum gegenüberliegenden Haus in Ostberlin gegraben. 50 Menschen haben es so rausgeschafft aus der DDR. Bis der Stasi-Spitzel "IM Naumann", der in dem Haus im Osten wohnte, den Tunnel verraten hat. Heinz Jercha will an diesem Abend weitere Flüchtlinge rüberbringen. Doch die Stasi wartet schon. Ein Schuss trifft Jercha in den Rücken. Er robbt zwar noch zurück in den Westen, stirbt aber kurz darauf an inneren Blutungen. Sieben Monate steht die Mauer da erst. Aber Hoffnung, ihren Fall zu erleben, hatten wohl nicht viele.

Mittendurch: Heute teilt die Mauer die Stadt nur noch symbolisch.
Bild: Michael Schreiner

Tunnel gab es jedenfalls noch viel mehr, wie wir noch lernen werden. Nirgends waren es so viele wie in der Heidelberger Straße. Gescheitert sind die meisten aber nicht an der Ausführung, sondern weil sie verraten wurden. Dem Verlauf des Kopfsteinpflasterbands folgend biegen wir von der Heidelberger Straße in Neukölln in die Bouchéstraße. Auch wenn die Mauer nicht mehr steht: Die Vorstellung, dass hier Westberliner gelebt haben, keine sieben Meter zwischen Haustüre und Mauer, macht fassungslos. Aber so war es.

Alte Fotos zeigen die Absurdität des Mauerverlaufs über die Fahrbahn. Traten die Menschen aus ihren Häusern, konnten sie auf dem Gehsteig nur nach rechts oder links. Wenn die Bewohner der Erdgeschosswohnungen aus dem Fenster blickten, sahen sie nur die Mauer. Man gewöhnt sich an alles. Sogar daran, die Mauer direkt vor der Nase zu haben. Eigentlich gehörte die Bouchéstraße nicht nur zu zwei Dritteln, sondern in ganzer Breite zum sowjetischen Sektor. Denn die Sektorengrenzen der Siegermächte orientierten sich an den alten Berliner Bezirksgrenzen von 1920. Aber damit Wachposten, Arbeiter und Material beim Bau immer im Osten waren, rückte die Mauer in die Mitte der Straße.

Geteilter Weg: Der frühere Verlauf der Mauer nimmt heute teils kuriose Formen an.
Bild: Michael Schreiner

Auf der Harzer Straße überschreiten wir noch eine Grenze. Unklar markiert beginnt hier ein neues Berlin, das alternative, die Heimat von Hipstern und Partygängern. Je näher wir dem Landwehrkanal kommen, desto auffälliger wird das auch an den Leuten, die wir sehen. Auf einer Grünfläche direkt am Wasser genießen viele, wie scheinbar überall in Berlin, vorwiegend junge Menschen noch die letzten Sonnenstrahlen. Alles wirkt entspannt und friedlich. Etwas weiter runter den Weg trotzt eine Wagenburgsiedlung der "Entwicklung" des Viertels. Ringsum ist alles mit einem kreuz und quer genagelten und gestapelten Holzzaun abgeschottet.

Wir gehen weiter. In der kleinen Parkanlage, die heute auf dem ehemaligen Grenzstreifen liegt, spielen Eltern mit ihren Kindern – ein paar Meter weiter wird gedealt. Ein Nicken, ein kurzes Abtauchen in ein Gebüsch, ein kurzer Handschlag, schon geht der Kunde weiter. Zur Straße hin steht ein eckiger Turm, der auf den ersten Blick aussieht wie ein Umspannhäuschen. Beim zweiten Hinsehen erkennt man den Suchscheinwerfer auf dem Dach. Von der ehemaligen Führungsstelle Schlesischer Busch wurden 18 Wachtürme und die elektronischen Sicherungsanlagen dieses Grenzabschnittes beaufsichtigt. Ein Verein hat sich um seinen Erhalt verdient gemacht, sonst wäre er weg.

Das Ufer des Landwehrkanals ist heute ein beliebter Ort, um sich zu treffen und in der Sonne zu liegen.
Bild: Matthias Zimmermann

Zwischen E-Scootern, Schulklassen und Selfiefotografen muss man sich mühsam seinen Weg entlang der East Side Gallery bahnen. 1,3 Kilometer Mauer sind hier, gleich hinter dem ehemaligen Grenzübergang Oberbaumbrücke, stehen geblieben. Es handelt sich um einen Torso der "Hinterlandmauer", die eigentliche Grenze verlief auf dem gegenüberliegenden Ufer der Spree. Restaurants und Imbisse, die Spitze einer Werbeeiswaffel reicht bis auf Mauerkronenhöhe.

Zur East Side Gallery, die 1990 erstmals von Graffitikünstlern aus aller Welt bemalt wurde, kommen die Leute in Reisebussen angefahren. Vor dem Wandgemälde der sich küssenden Staatslenker Breschnew und Honecker drängen sich die Leute wie im Louvre vor der Mona Lisa.

Beliebtes Fotomotiv an der East Side Gallery: der Bruderkuss zwischen Breschnew und Honecker.
Bild: Michael Schreiner

Alles sehr bunt hier. Rummelplatzatmosphäre, englische, spanische, italienische Wortfetzen vermengen sich mit Beatles-Songs, die irgendjemand zur Gitarre singt. Eine Gruppe Hütchenspieler packt misstrauisch zusammen, über allem steht hoch im Himmel der Stern auf der Videowand der Mercedes-Benz- Arena. Die East Side Gallery ist umstellt von neuen Bürohäusern – und Luxuswohnungen wie denen mit der Adresse Mühlenstraße 60. Hier ist sogar die Mauer schön weiß gestrichen. Für die Einfahrt zu dem Gebäude, in dem sich die Wohnungen übereinanderstapeln wie aufgezogene Schubladen mit viel Glas, mussten sechs Meter Mauer weichen. Im Internet wird eine 60-Quadratmeter-Wohnung für knapp 2000 Euro angeboten – Warmmiete.

Teures Pflaster: Eine Wohnung in Berlin - das kann sich nicht mehr jeder leisten.
Bild: Michael Schreiner

Wir wechseln über die Schillingbrücke wieder an das andere Ufer der Spree. Hier an der Grenze von Kreuzberg und Mitte ist der Mauerverlauf auch gut dokumentiert, aber deutlich weniger frequentiert. Der ehemalige Luisenstädtische Kanal wurde Mitte des 19. Jahrhunderts erst als Schifffahrtskanal angelegt. Dann wurde er eine Parkanlage und nach dem Krieg mit Bauschutt zugefüllt. Die DDR baute schließlich den gesamten Bogen bis zur Spree zur Grenzbefestigung aus. Wir laufen heute wieder unter dem Niveau der umliegenden Straßen, zwischen den wiederhergestellten Kanalwänden – und blicken aus der Froschperspektive auf was wohl? Natürlich neue und kernsanierte Häuser auf der ehemaligen Ostseite.

Langsam geht die Sonne unter. Der erste Tag auf dem Mauerweg neigt sich dem Ende zu, aber eine Entdeckung wartet noch auf uns. Ein dreieckiger Platz, begrenzt von großen Granitblöcken, historischen Fassaden und parkenden Autos. Es ist der heutige Alfred-Döblin-Platz. Franz Biberkopf, die Hauptfigur aus dem Epochenroman "Berlin Alexanderplatz" des Autors, besucht an der hier angrenzenden Dresdner Straße die Heilsarmee. Viel spannender aber das: Unter dem Platz liegt der nie fertiggestellte U-Bahnhof "Dresdner Straße". Der Wertheim-Konzern hatte auf die Verlegung der Haltestelle gedrängt, da er am nahe gelegenen Moritzplatz ein neues Kaufhaus eröffnet hatte. Das war 1913. Es folgten zwei Weltkriege, die NS-Herrschaft und der Untergang des real existierenden Sozialismus. Es gibt noch eine fest verschlossene Klappe am Boden, die in den Untergrund führt. Eine Tafel auf dem Platz öffnet diesen Deckel zur Geschichte ein wenig.

Der heutige Alfred-Döblin-Platz: Ein dreieckiger Platz, begrenzt von großen Granitblöcken, historischen Fassaden und parkenden Autos.
Bild: Matthias Zimmermann

Zur U-Bahn Moritzstraße gehen wir jetzt auch gleich, ab zurück ins Hotel. Davor müssen wir ein Stück die Sebastianstraße hinunter. Auch hier gab es einen Tunnel unter der Mauer durch, auch der wurde verraten. Ergebnis der Stasi-Aktion, mit der die Fluchthelfer "unschädlich gemacht werden" konnten: ein Toter, mehrere teils schwer Verletzte und eine "Verdienstmedaille der NVA in Gold", auf persönliche Anweisung von Stasi-Chef Erich Mielke.

Der ehemalige Minister für Staatssicherheit der DDR, Erich Mielke, vor dem Schalk-Untersuchungsausschuss 1992 in Berlin.
Bild: Wolfgang Kumm, dpa (Archiv)

Tag zwei. Axel Springer baute sein Verlagshaus an der Ecke der Zimmerstraße unmittelbar an die Mauer. Seine Bild-Zeitung war eine Art publizistischer Vorposten Westberlins. Dass der Springer-Konzern nun gegenüber auf der Ostseite der Zimmerstraße/Ecke Axel-Springer-Straße spektakulär neu baut, wäre für den Verleger ein später, symbolträchtiger Triumph.

Symbolträchtig auch die riesige Skulptur "Balanceakt" eines Mauerläufers von Stephan Balkenhol – die 2009 enthüllte Figur ragt zwischen alten Mauerelementen auf, die an Grabsteine erinnern. Auf einer Bodenplatte der berühmte Satz des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan: "Mister Gorbatschow, tear down this Wall!".

Balancieren auf der Mauer: Ein Kunstwerk von Stephan Balkenhol vor dem Springer-Haus, das einst direkt an der Mauer stand.
Bild: Michael Schreiner
"Mister Gorbatschow, tear down this Wall!"
Bild: Michael Schreiner

In der Zimmerstraße steht in einem metertiefen Loch ein Bauarbeiter und verlegt Betonringe. Unwillkürlich denkt man: "Tunnelbau". Nach 20 Kilometern auf dem Mauerweg interpretiert man einfach anders … Aber tatsächlich gab es einen Fluchttunnel unter der Zimmerstraße. Im Sommer 1962 hatte der 31-jährige Rudolf Müller von der damaligen Springer-Baustelle einen Tunnel zu einem toten Keller in der Zimmerstraße gegraben. Durch ihn kroch er in den Osten, um seine Frau und Kinder vom Dönhoff-Platz abzuholen und zum Fluchttunnel zu bringen. Plötzlich stand der Grenzer Reinhold Huhn vor ihnen, mit angehobener Waffe. Müller schoss. Huhn starb, wurde ein DDR-Held. Im Jahr 2000 wurde Rudolf Müller in letzter Instanz wegen Mordes zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt.

In der Zimmerstraße steht in einem metertiefen Loch ein Bauarbeiter und verlegt Betonringe.
Bild: Michael Schreiner

Die Zimmerstraße ist eine lange innerstädtische Mauergrenze gewesen. Mittendrin ein Mahnmal mit schlichter Inschrift: "Peter Fechter (1944–1962). Er wollte nur die Freiheit." Dahinter die Markise des Lokals "Caramel – Coffee & Sandwich", gegenüber ein Teeladen. Peter Fechter verblutete am 17. August 1962, ein Jahr nach dem Mauerbau, während einer Stunde im Todesstreifen. Drei Grenzer hatten auf ihn geschossen. Als er bewegungsunfähig von der Mauer auf die Ostseite herunterfiel, kam ihm niemand zur Hilfe. Fechters Schicksal wurde zum Fanal für die "Schandmauer", wie die Grenze in Westberlin hieß. Bunt wie die Graffiti an der East Side Gallery sind heute die Häuser auf der Ostseite der Zimmerstraße – grellgrün, blau, rosa.

Wir sind am Checkpoint Charlie, einem populären "Mythos" Berlins, einem "Besucher-Muss", umkreist von Reisebussen, umlagert von Touristen, die Erinnerungsfotos machen an der nachgebauten weißen Grenzbude. Gegenüber die Rotunde mit dem Versprechen in Riesenlettern: "The Berlin Wall. See it Here". Ein 360 Grad Mauerpanorama von Yadegar Asisi, das einen Tag in den 1980er Jahren nachstellt. Checkpoint Charlie ist umgeben von McDonald’s und Kentucky Fried Chicken, Souvenirläden, die "The Wallstore" heißen.

Checkpoint Charlie: Ein populärer "Mythos" Berlins, ein "Besucher-Muss".
Bild: Michael Schreiner

Berliner Radfahrer, stets flott und unduldsam unterwegs, klingeln sich den Weg frei – irgendein "Touri" steht immer falsch an diesem Kontrollpunkt der touristischen Attraktivität der Mauergeschichte. Checkpoint Charlie strahlt aus. Es gibt in der Nähe das Viersternehotels "The Wall" mit der Bar "Sektor" und das Spielvergnügen "Escape Room" mit der zynischen Werbefrage: "Checkpoint Charlie: Auf welcher Seite stehst Du?". Nebenan lockt die "Trabiworld" mit Berlintouren im Plasteauto. Ein gelber Trabi mit Posthorn ist aufgebockt auf einem hohen Sockel. Aufschrift: "Postblock". Nostalgische Fröhlichkeit dominiert.

Bild: Michael Schreiner

Bleigrau, von Mauerspechten an vielen Stellen abgeklopft und aufgerissen bis auf die rostige Eisenarmierung im Beton, steht hinter einem Schutzzaun in der Niederkirchnerstraße ein 200 Meter langes, kerzengerades Stück der Mauer – 1990 unter Denkmalschutz gestellt. Auf seiner Westseite befindet sich die Ausstellung "Topographie des Terrors", die Mauer endet vor dem Martin-Gropius-Bau, einem Ausstellungshaus für Kunst. Gegenüber: das alte Preußische Abgeordnetenhaus, heute Abgeordnetenhaus von Berlin. Davor stehen große Würfel, die die Geschichte der Mauer erzählen.

Auf Luftbildern ("Mauerlandschaften" übertitelt) wird noch einmal die Ödnis der Grenzstreifen, dieser kahlen Unorte, deutlich. An der Niederkirchnerstraße ist eine Verdichtung deutscher Geschichte. Die Gestapo-Zentrale, das Reichssicherheitshauptamt und die SS hatten hier ihren Sitz.

Gegenüber der Mauer, auf der damals Ost-Berliner Seite, befindet sich heute das Bundesfinanzministerium – im Gebäude des 1935 erbauten Reichsluftfahrtministeriums. Zwei schwarze Limousinen biegen ein – im Fonds der einen sitzt Minister Olaf Scholz. Infantil wirkt in diesem schlauchartigen, düsteren Straßenzug der blaue "Europa-Buddy-Bär", eine winkende, lebensgroße Figur aus Kunststoff, verloren auf dem leeren Gehsteig stehend.

Bild: Michael Schreiner

Potsdamer Platz: Nirgendwo ist die Leere der Teilung so aufgefüllt worden wie hier. Glastürme, Hochhäuser, Shoppingmalls, wo einst eine der bizarrsten Brachen Europas gähnte.

Wo verlief die Mauer? Die Markierung kommt aus einem Eckhaus in der Köthener Straße. Unweit von ein paar Mauerelementen, die hier abgestellt sind, als würden sie morgen von einer Spedition abgeholt, steht ein koreanischer Holztempel – die Nachbildung des Pavillons Sangnyangjeong auf dem Gelände des Königspalastes in Seoul. Die Koreaner wollen an diesem Ort mit ihrem "Pavillon der Einheit" genannten Haus daran erinnern, dass auch sie auf eine Wiedervereinigung von Süd- und Nordkorea warten. Ein Stück weiter über den Platz steht eine Reihe von sechs Mauerelementen – über und über beklebt mit Kaugummis aus tausenden Touristenmündern. Wenn einer mal anfängt … Das "Cafe Lebensart", die Ebertstraße aufwärts, wirbt in seiner Karte mit dem Attribut: "Das Cafe auf der Mauer".

Der Potsdamer Platz hat seit der Wende die wohl radikalste Umgestaltung erfahren: von der Brache zur Hauptverkehrsachse und Top-Büroadresse.
Bild: Matthias Zimmermann

Neu. Neu. Neu. Bis zum Brandenburger Tor hört die Reihe teurer und moderner Nachwendebauten nicht auf. Davor außerdem das Denkmal für die ermordeten Juden und gleich anschließend die amerikanische Botschaft. Damit liegen als wichtige Landmarken jetzt auf dem Gebiet des ehemaligen Ostens: der Axel-Springer-Neubau, die US-Botschaft und, wie wir später zumindest aus der Ferne noch sehen, die neue Zentrale des Bundesnachrichtendiensts an der Chausseestraße.

Vor dem Brandenburger Tor, einst Osten, stehen Metallabsperrungen zusammengefaltet an einen Fahnenmasten gelehnt. Lohnt sich wohl nicht, die jede Woche für ein anderes Event wieder her- und wegzufahren. Autos, Laster, Busse, Fahrräder – wo früher die Grenze jeden Austausch blockierte, die Lebensadern Westberlins abschnitt, fließt heute der Verkehr. Nur für uns ist vor dem Reichstag Schluss.

"Nur mit Dienstausweis", sagt ein groß gewachsener bärtiger Polizist so bestimmt, dass wir ohne Diskussion den Umweg um das Jakob-Kaiser-Haus nehmen. Die einzige Stelle, auf der wir auf unserem Weg durch ganz Berlin nicht dem Verlauf der Mauer folgen können, ist also der Sitz des Deutschen Bundestags. Wir finden den Mauerverlauf wieder auf der Marschallbrücke über die Spree. Nun geht es immer am Wasser entlang. Hier sind heute wieder die politischen und wirtschaftlichen Schaltstellen des Landes. Ministerien, Hauptstadtbüros von Firmen und Medien; Forschungseinrichtungen und Universitäten; der gigantische Hauptbahnhof. Unvorstellbar, dass Berlin eine Zeit lang nicht die deutsche Hauptstadt gewesen ist. Was muss das für ein provinzielles Land gewesen sein? Was müssen das für zwei komische Länder gewesen sein, die sich da brüderlich-feindlich gegenüberlagen?

"Excuse me, ist that Richthofen, the red baron?"

Wasserläufe sind in Berlin oft Grenzverläufe gewesen. So auch der Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal gegenüber des Hamburger Bahnhofs. Drüben, am Westufer, wird ein Hauswürfel nach dem anderen gebaut – gut und teuer, das Gegenteil von Sozialwohnungsbau auf jeden Fall. Auf der Ostseite liegt der Invalidenfriedhof – einer der gar nicht wenigen Friedhöfe, die von den DDR-Grenzziehern zum großen Teil eingeebnet wurden, um Platz zu schaffen für die an der Mauer gewünschte Friedhofsruhe. Laufgasse für Wachhunde, Kontrollstreifen, Lichttrasse und Kolonnenweg für Fahrzeuge … Von dem 2,5 Hektar großen Friedhof, auf dem 1748 die erste Beerdigung stattfand, sind noch 230 Gräber erhalten – und ein Abschnitt der Mauer. Direkt davor, groß wie ein Kleintransporter, ein Sandsteinblock mit der Inschrift "RICHTHOFEN". Ein Mann kommt auf uns zu und fragt: "Excuse me, ist that Richthofen, the red baron?" Wir wissen es nicht, lesen es später aber nach. Ja, er ist es. Manfred von Richthofen, der vielfach verklärte Fliegerheld aus dem Ersten Weltkrieg ruhte hier lange Zeit besonders ruhig.

Unweit des Friedhofs, am "Kieler Eck", steht zwischen pastellfarben gestrichenen Wohnhäusern ein alter Wachturm – einer der wenigen erhaltenen aus der innerstädtischen Grenzbefestigung. 280 Wachtürme gab es entlang der Berliner Mauer. Im Fenster oben eine Puppe in Uniform und Beobachterhaltung. Am Himmel überfliegen Wildgänse in V-Formation das Kieler Eck. Wie haben die Ost-Berliner zu Mauerzeiten solchen Schwärmen wohl nachgesehen? Der Wachturm ist auch Gedenkstätte für Günter Litfin, laut Plakette "Ersterschossener am 24. 8. 1961".

Kurz vor dem Nordhafen im Wedding blieb einer der wenigen Wachtürme erhalten, nun umgeben von Wohnungen.

Folgt man dem Mauerweg, kommt unweit des ehemaligen Grenzübergangs Chaussee-straße/Liesenstraße (dort prägt jetzt eine große Tankstelle das Straßenbild) der nächste Friedhof, über den 1961 ohne Rücksicht auf Gräber die Grenze gezogen wurde. Folge: Es gab kaum noch Bestattungen. Der weitgehend verwaiste und "stillgelegte" Evangelische Domfriedhof an der Liesenstraße wurde zum Biotop. Auf dem Friedhof überlebten die blauflügelige Ödlandschnecke und der kleine Feuerfalter die Mauer. So poliert wie der schwarze Grabstein schimmert, ist die Ödlandschnecke schon länger nicht über Theodor Fontanes letzte Ruhestätte gekrochen. Der Großschriftsteller liegt hier begraben.

Weiter hinten, mitten auf dem Friedhof, parkt ein feuerroter Wartburg. Und vor dem Tor ein Telekom-Kombi mit der Aufschrift: "Erleben, was verbindet." Auf dem Domfriedhof hat sich auch ein Mauerrest erhalten, der nahe der sogenannten Schwindsuchtbrücke mächtig aufträgt. Die pittoreske Eisenbahnbrücke war im Krieg beschädigt worden – und ist seit 1961, als im Zuge des Mauerbaus auch die Gleise des Stettiner Bahnhofs gekappt werden, dem Verrosten anheimgegeben.

An der sogenannten Schwindsuchtbrücke lässt sich gut erkennen, wie gewaltsam die Mauer die Stadt auseinanderriss.

Diese Ecke Friedhof/Schwindsuchtbrücke/Gartenstraße ist terrain sauvage, wildes Gelände. Auf dem Bahngelände oberhalb der Gartenstraße ist entlang der S-Bahn-Gleise auf dem mindestens 100 Meter breiten Mauerstreifen ein sich selbst überlassener Dschungel als Naturpark entstanden. Mehrere hundert Meter der alten Hinterlandmauer stehen noch. Das etwa einen Kilometer lange und 5,5 Hektar große Gelände zwischen Schwindsuchtbrücke und Bernauer Straße im Wedding nennen sie auch "verlorene Welt". Birken wachsen hier, wo sie wollen. Mittendrin in dieser Verlorenheit die toten Gleise des Stettiner Bahnhofs.

Wie perfide durchorganisiert bis in den Untergrund die Mauer in Berlin war, zeigt sich am S-Bahnhof Nordbahnhof, der in Teilen zugemauert und zum hermetisch abgeriegelten Sperrgebiet wird, nachdem es nach dem Mauerbau zahlreiche Fluchtversuche dort gibt. Viele Bahnhöfe in Berlin werden zu Geisterbahnhöfen. Wer sich an das leichenblasse Funzellicht erinnert, die bewaffneten Posten und die surreale Leere und gespenstische Stille in den Bahnhöfen, durch die die S-Bahnen in DDR-Zeiten im Schritttempo fuhren, den packt die Beklemmung bist heute.

An der Bernauer Straße im Wedding, wo die "Gedenkstätte Berliner Mauer" eingerichtet ist, ist ein ganzes Areal des alten Grenzstreifens in voller Breite erhalten.

Am Nordbahnhof beginnt die "Gedenkstätte Berliner Mauer" an der Bernauer Straße. Es ist ein 1,4 Kilometer langer Parcours, der auf ernsthafte Weise, ohne touristischen Kitzel, über die Mauer informiert, die hier verlief und die Bernauer Straße in eine Westberliner und eine Ostberliner Seite trennte. Ein langes Stück der Mauer samt tiefem Grenzstreifen steht noch – auf dem kahlen Gelände zwischen Frontmauer zum Westen hin und Hinterlandmauer zum Osten stehen ein Wehrturm und die Originallichtmasten. Zahlreiche Infotafeln erklären, ein Mahnmal gibt den Mauertoten ein Gesicht. Wie durch ein Album mit Schwarz-Weiß-Bildern führt der Weg entlang der Bernauer Straße, wo sich vor allem unmittelbar nach dem 13. August 1961 dramatische Szenen abgespielt haben. Die Besucher sind still – von Trubel wie an der East Side Gallery oder am Checkpoint Charlie keine Spur.

Über die genaue Zahl der Mauertoten gibt es bis heute Streit: Ist etwa jemand, der in der Warteschlange vor der Grenzkontrolle an einem Herzinfarkt stirbt, ein Mauertoter? Unzweifelhaft sind die Fälle von 136 Menschen, die zwischen 1961 und 1989 an der Mauer getötet wurden oder in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben kamen. 98 von ihnen starben bei dem Versuch, die Grenzanlagen zu überwinden. 30 Menschen aus Ost und West wurden erschossen oder verunglückten tödlich, obwohl sie gar nicht die Absicht hatten, zu fliehen. Acht DDR-Grenzsoldaten wurden im Dienst durch Fahnenflüchtige, Kameraden, Flüchtlinge oder einen Westberliner Polizisten getötet. Außerdem starben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach der Kontrolle an Berliner Grenzübergängen.

Bild: Michael Schreiner

Angst vor Kontrollen hat im Mauerpark heute wohl keiner. Der Mauerrest dient seit der Wende als Leinwand für Graffitikünstler oder solche, die es noch werden wollen. Gerade streicht wieder einer ein großes Stück, um Platz zu machen für ein neues, vergängliches Werk. Hip-Hop-Musik dröhnt aus einem tragbaren Lautsprecher, die Luft riecht nach Acrylfarbe und Hasch. Hier ist noch ein Biotop jenes freien, ungezügelten und etwas rauen Berlins, das seit der Wende so viele junge Menschen angezogen hat. Nach dem Park geht es wieder an den S-Bahn-Gleisen entlang. Auf dem endlosen Schwedter Steg steht ein Paar in der Abendsonne, trinkt Wein und schaut zurück Richtung Fernsehturm.

Wir gehen weiter durch die Norweger Straße, wo Mütter Kinderwagen schieben und Berlin harmlos-gemütlich wie die Lindenstraße aussieht und kommen an die Bornholmer Straße. Der ehemalige Grenzübergang über die Bösebrücke war am 10. November 1989 auf der ganzen Welt im Fernsehen zu sehen. Hier fielen in der Nacht die ersten Grenzschranken. Wo einst eine riesige Abfertigungsstation war, steht heute ein Lidl-Markt. Gegenüber, auf der anderen Seite der Straßenbahngleise, zeigt eine kleine Ausstellung lebensgroße Bilder dieser Nacht, die Geschichte machte. Die Straße vor der Brücke zu überqueren ist heute nicht so einfach – zu viel Ost-West-Verkehr.

Tag drei. Wir starten, wo wir am Abend zuvor Schluss gemacht haben: S-Bahnhof Wollankstraße. Er lag auf DDR-Gebiet, durfte aber nur von BRD-Bürgern betreten werden. Die Westberliner Züge nach Norden sind teils über Ostberliner Gebiet gefahren. Wir folgen den Gleisen und stellen fest: Wollte man heute einen Film über das Leben in der DDR drehen, die Häuserzeile hier wäre eine gute Kulisse. Im Minutentakt dröhnen die Flieger vom nahen Tegel im Tiefflug über das Viertel. Sehen kann man sie nicht, so dicht verhangen ist der Himmel. Als wir wieder auf die andere Seite der Gleise wechseln, stoßen wir unvermittelt auf ein Stück Mauer, bunt verschmiert und angeklebt an die Außenwand eines Hauses. Auf der Brache gegenüber steht noch eine große Laterne im ehemaligen Todesstreifen. Auf einer Reihe davor stehen blaue Bienenkästen.

Je weiter man auf dem Mauerweg nach Norden kommt, desto ländlicher wird die Stadt. Da ist der "Pankow Park" mit seinen Klinkersteinhallen, bevor es an Hochhäusern des Märkischen Viertels vorbei, die unmittelbar an der Mauer standen, auf freies Feld geht. Ein Bahngleis, ein Weg, Landschaft. Von der Mauer ist nichts mehr übrig, sogar hier draußen hat man alles abgeräumt. Wie absurd die Grenze war, offenbart sich hier dennoch: Rechts grüne Wiesen, links grüne Wiesen. Im Gras liegt ein Stapel Betonelemente – vermutlich ein paar Meter Hinterlandmauer. Eine Birkenallee markiert den Verlauf der Mauer.

Das Tegeler Fließ markiert die Grenze Berlin–Brandenburg. Matthias Zimmermann (links) und Michael Schreiner.
Bild: Michael Schreiner

Wir sind im Naturpark Barnim zwischen Blankenfelde (Ost) und Lübars (West). Auf dem Köppchensee Enten und Schwäne. Die Infotafeln befassen sich jetzt nicht mehr mit der Teilung Berlins, sondern mit Rohrammer und Ringelnatter. Der Weg führt bergab zu einer Brücke über ein kleines Bächlein, das Tegeler Fließ. Hier endet das Berliner Stadtgebiet, man betritt Brandenburg. Ein aufgeschreckter Graureiher fliegt auf. Ein Land-idyll? Nicht am Mauerweg. Die Reste einer Gewässersperre stehen wie eine kleine Schleusenwand am Tegeler Fließ. Noch das kleinste Schlupfloch haben sie verriegelt.

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