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Interview
04.04.2022

Atze Schröder: "Es war zu viel Party und zu viel Arbeit"

Atze Schröder hat eine Autografie veröffentlicht: "Blauäugig".
Foto: Boris Breuer

Atze Schröder spricht offen über das Leben hinter der Comedyfigur. Mit seiner Familiengeschichte war er in Therapie. Eine Reise nach Ghana hat alles verändert.

Herr Schröder, wie deckungsgleich sind die Kunstfigur Atze und ihr Schöpfer?

Atze Schröder: Den Humor teilen wir uns, das kann man schon sagen. Aber der öffentliche Atze hat immer den richtigen Spruch, er ist nicht schüchtern und auch mal zu frech. So bin ich gar nicht. Ich bin eher ein zurückhaltender, stillerer Mensch.

Sehen Sie Ihr neues Buch „Blauäugig“ eigentlich als Autobiografie?

Schröder: Ja. Ich habe natürlich Teile meiner Familie, Freunde und meine Freundin auf eigenen Wunsch nicht beschrieben. Aber man erfährt sehr viel über mein Umfeld, meine Eltern, meine Schwester, meine Großmutter und auch über meinen Werdegang vom Musiker zum Komiker. Alles entspricht tatsächlich der Wahrheit. Wenn überhaupt, habe ich etwas weggelassen. Aber alles, was im Buch steht, ist absolut wahrhaftig.

Auch über Ihre Zeugung und Geburt?

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Schröder: Ja. Da war ich zwar dabei, aber Erinnerungen daran habe ich nicht. Mein Vater war auch ein ziemlich lustiger Vogel und hat mir das in diesen blumigen Worten geschildert.

Sie schreiben, dass Sie zu Jähzorn und Rache neigten. Ist das Buch auch zu diesem Zweck entstanden?

Schröder: Aus Rachegelüsten? Nein, überhaupt nicht! Ich wollte einfach mal zeigen, dass der Eisberg auch ein bisschen was unter der Wasseroberfläche hat.

Tragen Sie es den Nonnen nach, die Sie im Kindergarten verprügelt haben?

Schröder: Nein. Die Nonnen waren hart. Ich gehörte wahrscheinlich genau dieser Generation an, die noch die Zeit erlebt hat, als in der Schule die Prügelstrafe nicht unüblich war. Ich hatte aber ein sehr liebevolles Zuhause und wenn man als Kind solche Wurzeln hat, dann schmeißen einen diese Dinge nicht um. Die sind zwar unangenehm, aber dann kommt man nach Hause und alles ist wieder gut. Da sind Menschen, die einen in den Arm nehmen und sagen: „Wir haben dich lieb.“ Das macht alles heil.

Aber auch in Ihrer Familie war nicht alles eitel Sonnenschein.

Schröder: Nein. In meiner Familie ging es in großen Teilen ziemlich tragisch zu. Vielleicht konnte ich deshalb nur Komiker werden. (lacht) Ich weiß es nicht ganz genau, das weiß man ja nie. Aber es ist schon auffällig, dass viele Komiker auch dunkle Seiten in sich tragen.

Sie bezeichnen Ihre Grundschullehrerin als „Drecksau“. Das mag vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckelt sein. Schön ist es nicht.

Schröder: Das ist aber echt bewusst gewählt, ich habe lange darüber nachgedacht. Dieses Wort steht da sehr, sehr bewusst.

Sie berichten von zahllosen Fällen schnellen, unverbindlichen Geschlechtsverkehrs. Wären Sie eine Frau, würde man Sie als Schlampe oder schlimmer titulieren, oder?

Schröder: Ja, ich weiß. (lacht) Ich weiß aber auch, dass das so ein Punkt ist, mit dem wir alle leben müssen. Wir müssen auch Frauen ihre Sexualität zugestehen. In der betreffenden Zeit – Ende der 70er, Anfang der 80er – wurde es einfach gemacht. Das war gar nicht so ein riesiges Thema. (lacht) Das hat man nicht an die große Glocke gehängt, es war einfach so.

Auf der anderen Seite sprechen Sie von Ihren Eltern, die mehr als fünfzig Jahre liebend verbunden waren. Beneiden Sie sie darum?

Schröder: Ja, das ist auch mein Ideal. Mit meiner Freundin händchenhaltend Mitte 90 noch spazieren zu gehen.

Das Buch gibt keine Auskunft: Haben Sie Wehr- oder Zivildienst geleistet?

Schröder: Stimmt, das habe ich nicht mit reingeschrieben. Manchmal muss man sich entscheiden, was man mit reinnimmt und was nicht. Aber ich habe tatsächlich Zivildienst geleistet. Ich habe mobile Altpflege gemacht und Opas von links nach rechts gefahren, aber auch mal sauber gemacht. Wie so viele, die Zivildienst gemacht haben, sage ich, dass ich die Zeit nicht missen möchte.

Kennen Sie Demut oder Selbstzweifel?

Schröder: Total, da bin ich einer der Miterfinder. Ich wollte aber auch, dass das Buch als Unterhaltungsbuch gelesen werden kann und nicht nur als Beichte. Das entspricht auch meiner Art der Auffassung von Unterhaltung: Dass man traurige Momente hat, aber hin und wieder auch lachen soll.

Sie gestehen ein, dass Sie kaum je einen Supermarkt von innen gesehen haben. Und nach dem vergeblichen Versuch, die Fenster einer eigenen Wohnung zu putzen, kommen Sie zu dem Schluss, dass Sie nicht für eine solche taugen, jedenfalls nicht als einziger Bewohner. Sehen Sie eine Mitbewohnerin als potenzielle Putzkraft?

Schröder: Na ja, sagen wir es mal so. Ich bin jetzt herangeführt worden. Wir wohnen seit knapp drei Jahren in Hamburg und durch die Pandemie war ich viel öfter zu Hause als sonst. Ich muss frei heraus gestehen, dass ich mittlerweile nicht nur ohne Herzklopfen einen Supermarkt betrete, sondern – und das stimmt wirklich, ich schwöre es! – letzte Woche die Fenster geputzt habe. Unfallfrei! Ich fühle mich wie ein König. (lacht)

Alkohol scheint im Leben des Atze Schröder eine nicht unwichtige Rolle zu spielen.

Schröder: Ja, es wurde viel gebechert. Aber immer im Zusammenhang mit Feiern, ich saß nie irgendwo alleine und habe mir einen rein gebölkt. Es ging immer um das Feiern, das waren schon mal 300 Tage im Jahr. Ich weiß auch nicht, wie ich das ausgehalten habe.

Dann haben Sie einen gesundheitlichen Warnschuss bekommen.

Schröder: Es war zu viel Party und zu viel Arbeit. Ich war mit meinem Manager am Rhein spazieren, weil wir zwischendurch eine Stunde Zeit hatten, und dann wurde mir schwarz vor Augen. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass das eine lupenreine Panikattacke war, ein Warnschuss zur richtigen Zeit. Ich habe mich dann damit auseinandergesetzt. Mittlerweile mache ich zwar genauso viel Party, trinke aber nicht mehr so viel. Das ist eigentlich noch schöner.

Sie haben sich professionelle Hilfe geholt.

Schröder: Genau. Ich habe mit einem Therapeuten auch meine Familiengeschichte aufgearbeitet. Da professionell ranzugehen war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Erst am Ende des Buches beschreiben Sie, wie Sie Ihr Leben nach einem Besuch in Ghana neu bewerten und aus Ihrem „selbst gebastelten Kokon“ ausbrechen wollten. Hat es geklappt?

Schröder: Ich weiß nicht, ob es zu hundert Prozent gelungen ist, aber ich kann jetzt frei heraus sagen, dass ich ein sehr erfülltes Leben führe. Ich freue mich, morgens die Vorhänge bei Seite zu schieben. Und egal, was der Tag so bringt: Ich habe einfach Lust darauf. Das klingt ein bisschen wie ein Klischee, aber es ist nicht nur eine Floskel. Ich habe richtig Lebensfreude, ich habe Spaß am Leben.

Haben Sie noch Kontakt nach Ghana?

Schröder: Ja, volles Brett. Alles, was ich so an Fernsehgagen und Quizsendungsgewinnen mache, geht in solche Projekte in Ghana oder an den „Roten Keil“ gegen Kindesmissbrauch. Ich will mich auch da nicht besser machen, um Himmels Willen. Aber da habe ich wirklich eine klare Meinung. Jeder, der in der Showbranche ist und viel zu viel Geld verdient, hat eine gewisse Verpflichtung, solche Sachen zu machen.

Sie bezeichnen sich als „uneitel eitel“. Wie kann man das verstehen?

Schröder: Ich habe neulich erst das Hörbuch eingelesen. Das ist fast die letzte oder zweitletzte Seite. Ich muss jetzt hier mal gestehen, dass ich gar nicht weiß, wie ich auf den Satz gekommen bin. (lacht) Nehmen wir den einfach mal als Denkanstoß, auch für mich. Was ist „uneitel eitel“? Ich trage natürlich, wie jeder Mensch, eine gewisse Eitelkeit in mir. Vielleicht kokettiere ich damit, dass mir das ja alles egal ist. Da ist aber auch ein wenig Selbstergriffenheit mit im Spiel, das gebe ich gerne zu.

Ihren Auftritten wird nun eine neue Tiefgründigkeit zugeschrieben. Sind Sie doch altersmilde geworden?

Schröder: (lacht) Ja, vielleicht. Die Wut geht mir so ein bisschen aus. Wie gesagt, ich stehe mittendrin im Leben und fühle mich mit allem sehr versöhnt. Vielleicht führt das dann dazu, dass man mehr Mut für leise Stellen auf der Bühne hat.

Zu Person und Buch: Atze Schröder wurde Mitte der 90er auf Kleinkunstbühnen geboren – jene Kunstfigur, die dann zu einer Marke der deutschen Comedy wurde, vor allem auf RTL, aber im Kino und weiter auf der Bühne. Über den Menschen war kaum etwas bekannt, bis er mit einem Psychologen den Podcast „Betreutes Fühlen“ startete und nun das Buch „Blauäugig“ (Edel Books, 240 Seiten, 22,95 Euro) zum 1. April veröffentlicht hat.

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Die Diskussion ist geschlossen.

02.04.2022

Soll das jetzt eine Schleichwerbung für H. Albers Buch sein oder was? Keinerlei kritische Auseinandersetzung mit seinen Attitüden? Erinnert sei bspw. an https://meedia.de/2018/02/01/gericht-erlaubt-nennung-des-buergerlichen-namens-so-zelebriert-bild-den-prozess-erfolg-gegen-atze-schroeder/

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