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Hört das denn nie auf? Blick auf ein Jahr, das uns alle fertiggemacht hat

Essay Von Gregor Peter Schmitz
30.12.2021

In seinem Essay zum Jahr 2021 blickt Chefredakteur Gregor Peter Schmitz nicht nur auf die ewigen Corona-Wellen, sondern auch auf politische Wendungen zurück.

Wir Deutsche lieben Traditionen. Eine, an der wir unbeirrt festhalten, ist das alljährliche Anschauen einer TV-Sendung namens „Dinner for One“. Diese Sendung ist eine britische Idee, wurde aber höchst erfolgreich eingedeutscht, was sich schon daran zeigt, dass ein krasser Fehler in der britischen Diktion erst nach vielen Sendungsjahren ausgemerzt wurde. Vermutlich ist die Sendung in Deutschland aber so populär, weil sie ausschließlich um Tradition kreist. „The same procedure as last year?“, dieselbe Prozedur wie voriges Jahr, so fragt der arme Butler immer wieder Miss Sophie – nur um korrigiert zu werden: The same procedure as EVERY year.

Jedes Jahr lachen Millionen Deutsche herzhaft darüber. Es bleibt zu hoffen, dass ihnen dies auch in diesem Jahr gelingt. Denn wer würde sich nicht beim Gedanken erwischen, ob das schalkhafte, aber irgendwie auch schreckliche Endlosschleifenmotiv der Sendung unser alltägliches Leben übernommen hat. Schon wieder Angst vor Weihnachten, dem möglichen Infektionstreiber. Schon wieder Feiern auf Abstand, wenn überhaupt. Schon wieder die Sorge, dass gleich nach den Feiertagen das Leben zum Erliegen kommen wird. Und stets die Frage, unter jedem Weihnachtsbaum diskutiert: Hört das denn nie auf?

Olaf Scholz, der Neue nach Angela Merkel

Es ist eine Frage, die man bis zur Erschöpfung diskutieren kann. Und vielleicht ist Erschöpfung auch das Wort dieses Jahres, selbst wenn es in keiner Bestenliste dazu gekürt werden wird. Olaf Scholz, der neue Bundeskanzler mit alten Pandemie-Herausforderungen, spricht lieber von „Respekt“ – er und seine Einflüsterer (die interessanterweise fast ausschließlich männlich sind, worüber Scholz aber nicht so gerne öffentlich redet) halten dies für den Zauberbegriff, der ihm den Weg ins Kanzleramt geebnet hat.

Und doch sagte ebendieser Kanzler zum Jahresende auch voller Respekt: „Wir alle sind mürbe und der Pandemie müde.“ Erschöpft halt vom endlosen Reigen der Hiobsbotschaften, unterbrochen nur von kurzen Phasen der meist sommerlichen Hoffnung (die oft, sehr menschlich, sehr stark auch mit Verdrängung, Vergessen und fehlender Vorbereitung einhergingen).

In der Politik ist Schwäche zeigen verboten – auch in der Pandemie

Es soll an dieser Stelle aber nicht darum gehen, wer wie viel Schuld an welcher Umdrehung der Corona-Krise trägt, dafür ist in anderen Texten genug Gelegenheit. Es soll eher darum gehen, was dies mit einer Gesellschaft, mit einer Gemeinschaft macht – und auch mit jenen, die von dieser Gesellschaft den Auftrag erhalten haben, sie zu regieren. Dass auch diese bisweilen Gefühle von Verzweiflung, von Sprachlosigkeit überkommen, dürfen sie selten erkennen lassen. Die Bürgerinnen und Bürger reden oft von „Politikerinnen und Politikern zum Anfassen“, aber menschlich-verzweifelt wollen sie diese dann auch nicht haben.

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Zu viel offen gezeigte Schwäche schwächt die politischen Karrierechancen. Umso bemerkenswerter war daher, dass zuletzt ausgerechnet Bayerns Ministerpräsident Markus Söder – Politikertyp deutsche bzw. bayerische Eiche – Einblicke in die fragileren Momente des politischen Wirkens gewährte. In einem Interview mit unserer Redaktion sprach Söder davon, wie er Ex-Kanzlerin Angela Merkel (die Söder, wir erinnern uns, vor einigen Jahren in der Flüchtlingskrise noch mit Ideen wie einem „nationalen Abschiebeplan“ triezte …) als Beraterin, als Mentorin, ja gar als Mutmacherin in der Corona-Krise kennen- und schätzen gelernt habe. Offenbar schickte ihm Merkel kurze Aufmunterungsnachrichten per Telefon, „Konfuzius-SMS“ nannte Söder diese. Eine lautete etwa: Regieren heißt leiden. Und offenbar, so Söder, haben sie ihm Mut gemacht in dunklen Stunden.

Markus Söder stellte sich im Live-Interview den Fragen von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz und unserer Leser. Er gewährte auch Einblicke in politisch schwierige Momente.
Foto: Ulrich Wagner

Nun stellt sich natürlich im Jahresrückblick die Frage, ob das größte Leiden des Markus Söder nicht eher das Nicht-Regieren-Können war und ist. Dass er sich nach wie vor nicht nur als Kanzlerkandidat der Herzen sieht, sondern auch als Kanzlerkandidat des Geistes, der Brillanz, der Kanzlertauglichkeit sieht, darf er zwar nicht sagen, aber selbst Söders wohlgesonnenste Claqueure gehen davon fest aus.

Zwar hat er zuletzt vorsichtig erkennen lassen, ihm sei es nicht so hundertprozentig gelungen, im Wahlkampf immer offen Unterstützung für den unglückseligen Merkel-light-Kandidaten Armin Laschet erkennen zu lassen (was in Söders Welt als bemerkenswerte Selbstkritik zu werten ist). Aber auf die Frage, ob das mit der Ausrufung zum Kanzlerkandidaten der Herzen so eine tolle Idee war, kommt als Konter: Na ja, das hätte man ja lösen können, wenn man sich für einen anderen Kanzlerkandidaten entschieden hätte. Für wen wohl?

Markus Söder und die Frage: Ist Regieren oder Nicht-Regieren mehr Leiden?

Immerhin ist Söder bei aller Konfuzius-Nachdenklichkeit kurz vor dem Weihnachtsfest keineswegs zu erschöpft, um sich, wieder einmal, politisch neu zu erfinden. Der Mann, der Deutschland regieren und modernisieren wollte, hat nun Bayern wieder als politische Lebensaufgabe entdeckt, sein Platz ist halt in Bayern, hat er ja in diesem Jahr, bis auf ein paar Wochen Abweichung, immer wieder gesagt. Nun geht es ihm um die Weckung des speziellen Lebensgefühls, das mit „Mia san mia“ gar nichts zu tun haben soll. Auch möchte er sicherstellen, all jenen, die dies vielleicht vergessen oder aber niemals erfahren haben (diese Zugezogenen!), zu vermitteln, dass ausschließlich die CSU für dieses bayerische Lebensgefühl verantwortlich zu machen sei.

Und schließlich probiert er schon aus, wie sich der geniale Bayern-Modernisierungsslogan „Laptop und Lederhosen“, der ja leider schon einem Vorgänger eingefallen war, in die Neuzeit beziehungsweise Söder-Zeit übersetzen lässt, etwa in „Leberkäs und Lasern“. Genial. Wer will dem widersprechen? Mit der anstehenden bayerischen Landtagswahl und dem Umstand, dass der Umfragekönig Söder noch kein einziges Mal ein Wahlergebnis-König Söder war, hat all dies natürlich nichts zu tun.

Ein Grüner feiert am Ende eines fordernden Jahres sein politisches Comeback

Er kann sich ja Inspiration holen bei jemandem, den der Söder von einst vermutlich als ein bisschen cremig eingestuft hätte, im Zweifel auch etwas wehleidig, jedenfalls nicht Typ deutsche Eiche, höchstens schleswig-holsteinische Fichte: Robert Habeck. Der ist in diesem Erschöpfungsjahr vielleicht das Comeback-Kid der deutschen Politik. Nach dessen unendlicher Erschöpfung (wer erinnert sich nicht an das larmoyante Zeit-Interview, er habe Deutschland gerne dienen wollen, am allergernsten natürlich als Kanzler?) über den Umstand, dass ein so progressiver und moderner Mann natürlich keinen Moment daran denken darf, die Kanzlerkandidatur nicht im entscheidenden Moment einer Frau zu überlassen, kam die unerschöpfliche Genugtuung, da Erkenntnis: Frau kann es nicht. Frau kommt vom Völkerrecht, aber irgendwie nicht richtig. Frau hat einen Lebenslauf, aber keinen richtigen. Frau schreibt ein Buch, aber nicht selber. Am Ende des Jahres ist Frau also „nur“ Außenministerin und muss sich sagen lassen, Außenpolitik werde im Kanzleramt gemacht.

Robert Habeck war zwar nicht Kanzlerkandidat, konnte 2021 seine Macht aber trotzdem ausbauen.
Foto: Kay Nietfeld, dpa

Mann hingegen ist Vizekanzler, zuständig für die Versöhnung von Wirtschaft und Klima, jede Menge Staatssekretärinnen und -sekretäre, „Jahrtausendaufgabe“ ist dafür nicht zu hoch gegriffen. Wer dient eigentlich jetzt Deutschland?

Mit Angela Merkel verschwindet ein politisches Urgestein von der Bühne

Wer Deutschland nicht länger dienen darf und will, ist Angela Merkel. Sie hat dies ja auch immerhin 16 Jahre lang getan, ein paar Wochen kürzer nur als einst Helmut Kohl. Ganz im Gegensatz zu diesem hat sie dabei stets gekonnt den Eindruck erweckt, sie habe den Machtjob wirklich ausgeübt, weil es jemand ja machen muss und irgendwie regiert werden muss, keineswegs aus eigenem Machtstreben. Diesen Eindruck bestätigen alle Menschen, bis auf jene, die jemals den leisesten Versuch unternommen haben, die (Vor-)Macht von Angela Merkel infrage zu stellen. Von denen war bald nichts mehr zu sehen und zu hören, oder sie brauchen zwanzig Jahre und drei Machtanläufe, um sich davon zu erholen, wie Friedrich Merz. Merkel hat angekündigt, ein Buch zu schreiben, was jeden, der jemals eine längere Textpassage von Angela Merkel studiert hat, in akute Vorfreude versetzen dürfte.

Ansonsten will Merkel vor allem viel schlafen, dann noch ein wenig mehr schlafen, und schließlich noch etwas mehr. Wie war das noch mal mit Erschöpfung als Thema des Jahres? Ohnehin haben wir uns ja immer gefragt, wie gesund Politik ohne Schlaf sein kann, nur die immer fürsorgliche Bild-Zeitung hat zuletzt öffentlich infrage gestellt, ob der Lebenswandel von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach eigentlich gesund sei: kein Salz, zu wenig Schlaf jede Nacht …

Angela Merkel winkt zum Abschied nach der Amtsübergabe an den neu gewählten Bundeskanzler Olaf Scholz.
Foto: Michael Kappeler, dpa

Immerhin war Merkel nicht zu erschöpft, um ihrem auserkorenen Nachfolger Olaf Scholz den Weg ins Kanzleramt zu bahnen. Ist natürlich Quatsch, denn wir alle wissen, wie leidenschaftlich Merkel Aspiranten ihrer Partei protegiert hat. Aber die versuchten sich ja entweder von ihr zu distanzieren (AKK) oder ein bisschen wie sie zu sein, dann aber doch irgendwie wieder nicht (Laschet). Nur Scholz hatte den Mumm, sie einfach zu kopieren und laut zu sagen: Sie kennen mich – Foto mit Raute inklusive.

Ja, wir professionellen Beobachter haben schallend darüber gelacht, dass Herr Scholz und seine engsten Berater seit vielen Jahren immer wieder den irren Plan erzählt haben, irgendwann sei Frau Merkel weg und dann falle den Deutschen auf, dass das nicht gut sei und sie jemanden im Kanzleramt sehen wollten, der irgendwie so weiterregiere wie sie, eben Olaf Scholz. Das Lustigste und das zum am lautesten drüber lachen Tauglichste ist aber der Umstand, dass es einfach genau so gekommen ist.

Spannung zwischen Joe Biden, Wladimir Putin und Xi Jinping

Der neue Kanzler hat ja jetzt viel zu tun. Viele Medien, darunter auch diese Zeitung, weisen ihn etwa auf den Umstand hin, dass nun nicht mehr bloß Deutschland, sondern gleich die ganze Welt auf ihn schaue – und Führung erwarte, von der Scholz in jüngeren und wilderen, nicht merkelhaften Jahren mal bemerkt hatte, die bekomme auch, wer sie bestellt habe. Oft ist in diesem Zusammenhang vom Putin-Test die Rede – der in der Vorstellung bestehe, wie ein neuer Kanzler wohl bei einem Gespräch mit Russland-Präsident Wladimir Putin (bekanntermaßen Ex-KGB-Agent, Judokämpfer, Syrienkriegsanheizer und nach übereinstimmenden Geheimdienstberichten auch einer der korruptesten Staatsmänner aller Zeiten) bestehen könne.

Interessanterweise ist von einem vergleichbaren Biden-Test selten die Rede. Offenbar gehen die Deutschen davon aus, dass so eine Teestunde mit dem netten „Uncle Joe“ im Weißen Haus nur eine höchst einfache und zudem vergnügliche Angelegenheit darstellen könne. Dabei ist die Frage, wie der nächste Kanzler mit Biden umgeht, eigentlich die weitaus spannendere, schon wegen der ganzen Ungewissheit. Damit ist nicht die Frage gemeint, die bei jedem einzelnen Biden-Auftritt mitschwingt, nämlich wie viele Herzschläge seine (leider mittlerweile herzlich unbeliebte) Vizepräsidentin Kamala Harris vom Oval Office entfernt ist. Nein, es geht um die Ungewissheit, wie lange Biden noch jene abhalten kann, die Amerika wieder ganz, ganz great machen wollen, und zwar NOW.

Ex-Präsident Donald Trump spricht bei einer Veranstaltung der Republikaner im Norden Alabamas. Trump macht sich Hoffnungen, bei der nächsten Wahl wieder Präsident zu werden.
Foto: Robin Rayne, dpa

Die muss man sich buchstäblich als Mob vor dem Weißen Haus vorstellen, schon allein deswegen, weil das Auftreten der meisten republikanischen Politikerinnen und Politiker von ihnen kaum noch zu unterscheiden sind. Spätestens zu den Zwischenwahlen im November 2022 dürfte ihr Gedankengut den Kongress wieder erobern – und bei der Präsidentschaftswahl danach könnte auch endlich wieder der Mann antreten, der sonst in keinem Jahresrückblick hätte fehlen dürfen: Donald Trump.

War dann nicht Trump die Episode, sondern Biden? Und müssen wir ein Stück weit unabhängiger werden, wie Merkel einst gesagt hat – oder gleich eine ganze Armlänge? Nach Schloss Elmau zum G7- Gipfel Mitte 2022 kommt jedenfalls wohl noch Biden, und Chinas Präsident Xi Jinping vermutlich auch. Vielleicht kommt der aber auch nicht, weil er daheim zu sehr damit beschäftigt ist, seine Macht noch etwas unerschöpflicher und über die schnöde eigene Lebenszeit hinaus auszubauen.

Das Politische hat das Private längst erobert

Nun haben wir viel über Erschöpfung geschrieben, auch auf allerhöchster Ebene. Was es mit einer Gesellschaft macht, wenn sie im Dauerzustand Krisenmanagement betreibt, bleibt zu klären. Jedenfalls sind wir alle erschöpft von vielen Corona-Debatten, von all den Hakenkreuz- oder Sophie-Scholl-Vergleichen. Schon haben wir erreicht, was die Amerikaner seit Jahren pflegen: Bloß keine Politik unter dem Weihnachtsbaum, sonst droht akute Gesprächs- und Familienerschöpfung.

Was bleibt dann? Stimmt, „Dinner for One“. In diesem Jahr besteht der deutsche Fernsehhöhepunkt am Silvesterabend nicht in der Ausstrahlung des Klassikers auf gefühlt allen Kanälen – sondern in einer Sendung, in der die beiden Entertainer Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf den 60 Jahre alten Klassiker nachspielen werden, ausgestrahlt vom Privatsender Pro7 Sat1. Damit ist endgültig der Beleg erbracht, dass das Private politisch geworden ist. Aber das wissen wir seit Corona ja ohnehin. Wir wünschen Ihnen ein ganz unerschöpftes neues Jahr.

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