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Gesellschaft
15.05.2022

Beim Recycling von Japan lernen? Müll wird dort genau getrennt

Fans der japanischen Fußball-Nationalmannschaft sammeln Müll ein, nachdem sie beim Public Viewing das Spiel zwischen Japan und Belgien im Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft gesehen haben.
Foto: kyodo, dpa

Das Land produziert unfassbar viel Müll, trennt aber auch besonders sauber: Bis zu acht verschiedene Müllbehälter muss ein Haushalt managen.

Es ist ein Prozess, durch den wohl jeder muss, der in Japan eine Wohnung mieten will. Man verpflichtet sich hier nicht nur dazu, die Wände nicht zu beschmieren und keinen Hausfriedensbruch zu begehen, sondern eben auch, seine Abfälle verantwortungsvoll zu entsorgen. Und diese Aufgabe ist keine kleine. An der Innenseite der Eingangstür ist in Tokioter Mietwohnungen oft erklärt, welche Müllarten es alles gibt und was mit ihnen zu tun ist. Bis zu acht verschiedene Müllbehälter muss ein Haushalt in Japan managen.

„Bitte binden!“, heißt es da zum Papiermüll, der in Tokios Stadtteil Shinjuku am Freitag dran ist. Glasflaschen, PET-Flaschen, Dosen, Sprays und Batterien sowie Plastikbehälter werden ebenfalls freitags abgeholt, haben aber jeweils eigene Tüten. Jeden zweiten Dienstag darf der nicht recycelbare Müll vor die Tür – zum Beispiel zerbrochenes Geschirr oder kleine Geräte. Mittwochs und samstags kommt alles Kompostierbare. Auf dem Merkzettel sind jeweils noch die Stellen draußen vorm Gebäude abfotografiert, wo der Müll bitte um acht Uhr abends des Vortags abgestellt wird.

Das wohl Unglaublichste an all den minutiösen Vorgaben ist aber: Es funktioniert. An den Abenden vor der jeweiligen Abholung türmen sich draußen regelmäßig die Mülltüten, die dann am nächsten Morgen verschwunden sind. Bis auf diese Abende ist es auf den Straßen des Großraums Tokio, dem mit rund 37 Millionen Menschen größtem Ballungsraum der Welt, erstaunlich sauber. Auch deshalb gilt Japan als Weltmeister des Mülltrennens.

Mancherorts gibt es in Japan schon keine Müllabfuhr mehr

Die wichtigsten Gründe, warum dies hier besser funktioniert als in anderen Ländern, sind wohl kulturelle. Die Urreligion Shinto, in der jeder Person und jedem Gegenstand etwas Göttliches und Schätzenswertes innewohnt, legt großen Wert auf Reinlichkeit. Das japanische Wort für „schön“, „kirei“, bedeutet zugleich sauber. Hinzu kommt, dass Regeln in Japan tendenziell stärker respektiert werden als in westlichen Ländern.

Auch lästige Notwendigkeiten werden eher beherzigt, zumal dann, wenn sie dem Allgemeinwohl dienen. So hat das 1600-Einwohner-Dorf Kamikatsu im Südwesten des Landes sogar schon erklärt, der erste Ort Japans werden zu wollen, wo jeder Müll recycelt werden soll. Eine Müllabfuhr kommt im Ort nicht mehr, die Bewohnerinnen und Bewohner müssen selbst dafür sorgen, dass der Abfall, den sie produzieren, auch geordnet und weggebracht wird. In Japan erfährt dies Bewunderung.

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Japan produziert viel Müll: Obst und jeder einzelne Keks sind verpackt

Allerdings wäre es ein Trugschluss anzunehmen, dass Japan wegen des konsequenten Mülltrennens auch eine wirklich saubere Wirtschaft hat. Laut einem Vergleich der internationalen Umweltorganisation „UN Environment“ produziert das ostasiatische Land hinter den USA pro Kopf am meisten Plastikmüll weltweit. Paradoxerweise liegt das insbesondere an der Liebe zu Sauberkeit. Wer einmal einen japanischen Supermarkt betritt, wird einzeln in Schaumstoff verpacktes Obst entdecken, frisches Essen in Plastikboxen oder Kekspackungen, in deren Innerem noch einmal jeder Keks einzeln verpackt ist.

Einen Großteil des Mülltrennens könnte man sich sparen, wenn nicht so viel davon produziert würde. Wobei auch ein Großteil des Mülltrennens selbst am Ende nur begrenzt dem Ziel der Kreislaufwirtschaft dient. Nach offiziellen Zahlen werden zwar rund 86 Prozent recycelt, nur acht Prozent werden verbrannt oder auf Mülldeponien gebracht. Allerdings besteht der Recyclinganteil auf einer kreativen Rechnung: Mehr als die Hälfte davon wird zur Energieverbrennung verbrannt.

Bis 2050 will Japan CO2-neutral werden

Zwar haben japanische Unternehmen über die vergangenen Jahrzehnte die Schadstoffausstöße dieser energieorientierten Verbrennung durch neue Technologien offiziell auf ein kleines Maß reduziert. Aber der ökologische Fußabdruck ist weiterhin nicht annähernd null, wie man beim Begriff Recycling vermuten könnte. Zumal: Je weniger vom verbrauchten Müll verbrannt wird, desto weniger neues Plastik muss für neue Produkte eingesetzt werden. In dieser Sache hat auch Japan – anders als beim Mülltrennen – noch einen weiten Weg vor sich.

Immerhin wird dieser schon bestritten. Seit die Regierung Ende letzten Jahres beschloss, bis 2050 CO2-neutral werden zu wollen, wurden mehrere neue Regeln beschlossen. So dürfen Supermärkte nun keine Gratisplastiktüten mehr an ihre Kunden ausgeben. Und auch Unternehmen müssen fortan ihren Müll recyceln. Die sind darin bisher nämlich weniger vorbildlich als die privaten Haushalte.

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