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Interview
28.05.2022

Amy Schumer: "Du wirst versagen. Das musst du akzeptieren"

Amy Schumer ist zu einem der großen Comedy-Stars unserer Zeit geworden.
Foto: Jordan Strauss, Invision, dpa

Amy Schumer ist zu einem der großen Comedy-Stars unserer Zeit geworden. Die Amerikanerin spricht über Lehren des Lebens, den Umgang mit sich selbst, mit Männern – und mit dem Erfolg.

Miss Schumer, Sie spielen in „Beth und das Leben“ eine Weinhändlerin, die ihr Leben umkrempelt. Wäre es für Sie eigentlich denkbar, so einen Beruf zu wählen?

Amy Schumer: Durchaus. Es gab Zeiten, da habe ich mein Geld im New Yorker Dienstleistungsgewerbe verdient. Sprich: Ich war eine Kellnerin und dann eine Barfrau. Da kamen immer die Weinhändler und haben uns zu Verkostungen eingeladen. Ich habe auch verschiedenste Weingüter besucht, und ich kann Ihnen sagen, ich habe sehr viel getrunken. Eigentlich habe ich damals schon die Recherchen für die Serie abgeschlossen. Um genau zu sein: Es war zu viel der Recherche. Aber ich liebe immer noch einen guten Barolo, und ich habe die Provinz Rioja ausgiebig erkundet.

Aber die Ära Ihrer großen Weinrecherchen ist jetzt vorbei?

Schumer: In der Serie bekommt Beth nicht umsonst einen guten Gesundheitstipp: „Kaue gut und trinke weniger.“ Es gibt natürlich mal Phasen, speziell wenn ich unterwegs bin, wo ich zu viel esse und trinke. Wobei ich es liebe, Weingüter in Europa zu besuchen. Ich hätte mir gewünscht, dass man mich für dieses Interview an so einen Ort eingeflogen hätte. In den USA ist das wie in Disneyland. Da darfst du 20 Dollar hinblättern, nur damit du an einem Glas Merlot riechen kannst. Und in Europa wirst du wie ein Familienmitglied behandelt. Da lädt man dich sogar zum Mittagessen mit den Besitzern ein.

Aber Sie bekommen es schon hin, richtig zu kauen?

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Schumer: Ich habe da schon Nachholbedarf. Ich habe diesen Rat auch schon bekommen, was auch sinnvoll war, denn mit meiner Verdauung habe ich durchaus Probleme. Und als ich dann mein Essverhalten beobachtete, habe ich gemerkt, dass ich ganze Stücke Fleisch unzerkaut hinunterschluckte.

Die Serie handelt ja freilich nicht wirklich von Essen und Trinken, sondern von einer Frau, die auf einen Selbstfindungstrip geht. Haben Sie auch so einen absolviert oder liegt Ihnen das fern

Schumer: Ich habe das zum einen in Vorbereitung auf die Serie gemacht. Da habe ich einen Ort besucht, an dem ich viel Zeit in meiner Jugend verbracht hatte. Ich habe an diesem Ort auch noch meine alten Tagebücher gelesen. Und mir war es auch wichtig, dass ich mich mit meinem Verhältnis zu meiner Mutter auseinandergesetzt habe, weil das auch für die Figur wichtig ist. Die Beziehung zu meinem Vater hatte ich bereits unter die Lupe genommen, jetzt wollte ich die amerikanische Elena Ferrante werden. Doch schon vorher hatte ich mich mit meinen Jugendkomplexen konfrontiert. Es gab Verhaltensweisen, für die ich mich geschämt habe. Und das tue ich nicht mehr.

Was haben Sie über Ihre Mutter verstanden?

Schumer: Ich habe zum Beispiel verstanden, dass Mütter gerne perfekt sein möchten. Ich bin ja auch selbst Mutter. Aber das Leben ist nun mal viel zu kompliziert. Du wirst versagen, und das musst du akzeptieren. Wie gesagt, ich bin mir gegenüber nachsichtiger geworden, was für meine persönliche Entwicklung wichtig war.

Sie sind in den vergangenen zehn Jahren zu einer der meistgefeierten weiblichen Comedians der USA avanciert – haben in diesem Jahr auch die Oscars moderiert. Hilft dieser Erfolg bei der Selbstakzeptanz?

Schumer: Absolut nicht. Entscheidend war, dass ich einfach mein Leben gelebt habe, ohne auf die Meinung anderer zu achten und ohne mir vorschreiben zu lassen, wie ich aussehen soll. Die reine Physis spielt heutzutage ohnehin eine viel geringere Rolle, wenn man nicht gleichzeitig etwas zu sagen hat. Für mein Wohlgefühl ist es auch wichtig, einfach gesund zu sein. Außerdem möchte ich Zeit mit Menschen verbringen, die authentisch und ehrlich sind.

Sind die in Ihrer Branche, die den schönen Schein propagiert, nicht etwas rar?

Schumer: Ich kann nur von meinem Umfeld sprechen. Da ertrage ich keinen Bullshit. Wenn mir jemand mit „Oh mein Gott, du bist so toll“ kommt, dann funktioniert das bei mir nicht. Ich umgebe mich mit Leuten, auf die ich mich voll verlassen kann. Ich glaube auch, dass ich deshalb bislang eine erfolgreiche Karriere hatte, weil ich diesen Menschen vertraue – und meinen Instinkten.

Wie wissen Sie, ob ein Mensch authentisch ist?

Schumer: Wenn diese Person mit mir auf Augenhöhe spricht. Ich mag Leute, die etwas im Leben durchgemacht und von diesen Konflikten gelernt haben. Denn von denen kann ich wiederum was lernen.

Welche Vorbilder fallen Ihnen denn da ein?

Schumer: Zum Beispiel jemand wie Gloria Steinem. Sie hat sich so lange für die feministische Bewegung eingesetzt, wurde boykottiert und ausgegrenzt, aber deshalb sprudelt sie über vor Weisheit. Jetzt sieht sie, was unsere Generation von Generation gerade durchmacht, und ist richtig stolz auf uns.

Doch Ihre Generation von Frauen ist in Ihrem Kampf um Gleichberechtigung ja auch erfolgreich

Schumer: Absolut, und das begeistert mich auch. Diese Veränderungen mögen manchen Leuten Angst machen, doch damit müssen sie leben. Wobei ich glaube, dass dieser Kampf so lange dauern wird, so lange ich lebe. Aber die Welt wird auf jeden Fall ein besserer Ort sein, und dafür werden wir jetzt weitere Riesenschritte machen. Und zwar mit den Männern zusammen. Deshalb erziehe ich auch meinen Sohn nach diesen Werten.

Sie haben selbst von Männern viel Leid erfahren. In Ihrer Autobiografie „Inside Amy Schumer“ schilderten Sie zum Beispiel, wie sie von Ex-Freunden psychisch misshandelt oder nahezu vergewaltigt wurden. Diese Offenheit war für Sie kein Problem?

Schumer: Nein. Das Ziel meiner Arbeit ist, dass es den Menschen besser geht. Ich wollte diese Erfahrungen teilen, damit sich Frauen, denen Ähnliches passiert ist, nicht alleine fühlen. Es ist ganz wichtig, zu verstehen, dass sich solche Erfahrungen nicht mit simplen Schwarz-weiß-Kategorien beschreiben lassen. Aber gleichzeitig dürfen derartige Verhaltensmuster nicht die Norm werden. Und nur wenn ich mich offen dazu äußere, kann ich etwas bewirken.

Schauspielerin und Komikerin Amy Schumer hier bei einer Demo für das Abtreibungsrecht.
Foto: Milo Hess, ZUMA Press Wire/dpa

In der Regel greifen Sie ja nicht zu persönlichen Erfahrungsberichten, sondern den Mitteln der Komödie. Haben Sie es nicht so mit dramatischen oder tragischen Geschichten?

Schumer: Ich habe mal einen Film des Titels „Thank You For Your Service“ gedreht – da ging es nur um Soldaten mit posttraumatischer Belastungsstörung – ich habe darin eine Witwe gespielt. Das war sehr schwerer Stoff. Allerdings muss ich sagen: Ich bin jetzt 40, bin glücklich verheiratet, habe einen kleinen Sohn, und ich möchte mich einfach wohlfühlen und mich um meine Freunde und Familie kümmern. Manche Kollegen denken sich: „Ich habe zwei Jahre lang in den finnischen Wäldern gedreht und dafür hole ich mir den Oscar.“ Das ist ihr gutes Recht, und ich bin froh, dass sie das tun, denn ich schaue solche Filme gerne an. Aber ich für meinen Teil lasse es mir lieber gut gehen und drehe einen Film, der den Leuten Spaß macht und der mir keine heftigen psychologischen Opfer abverlangt. Ich denke mir dann, wenn ich so etwas sehe: „Das muss schon ätzend gewesen sein, das zu spielen. Zum Glück ist mir das erspart geblieben.“

Ist Humor für Sie das beste Instrument, um mit dieser Welt klarzukommen?

Schumer: Für mich ist er das auf jeden Fall. Es ist großartig, wenn du es schaffst zu lachen, egal was passiert. Sobald du dich selbst dazu bringst oder wenn jemand anders das tut, dann hast du das Gefühl, dass alles okay ist.

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