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Interview
06.03.2022

Doris Dörrie: "Ich habe mich nie als Heldin gefühlt"

Vom Glück des Aufbruchs: Doris Dörrie legt "Die Heldin reist" vor.
Foto: Soeren Stache, dpa

Die Regisseurin und Schriftstellerin über den einzigen heldinnenhaften Moment ihres Lebens, die Sehnsucht nach dem Echten – und über den Mut beim Schreiben.

Frau Dörrie, in welchen Momenten Ihres Lebens haben Sie sich als Heldin gefühlt?

Doris Dörrie: Nur ein einziges Mal, als ich mein Kind zur Welt gebracht habe. Da dachte ich mir: Wow, das hast du jetzt wirklich geschafft! Ich dachte, ich bin zu blöd dazu.

Was ist mit Ihren großen Erfolgen als Regisseurin und Autorin oder mit Ihrem Entschluss, als junge Frau allein in die USA zu gehen – das waren doch auch heldinnenhafte Taten?

Dörrie: Nein. Das Denken in Heldinnen- oder Heldenmaßstäben liegt mir sehr fern. Erfolge sind ein kompliziertes Geflecht aus vielen Faktoren, das liegt nie nur an mir, an einer Person. Ein Held ist oft ein Einzelkämpfer oder tut zumindest so in seinem heldenhaften Gebaren, und so habe ich mich nie gefühlt. In meinem neuen Buch „Die Heldin reist“ versuche ich den Begriff genauer zu umkreisen und zu analysieren, dass der eine strahlende Held gegen den Rest der Welt als Modell überholt ist. Denn wenn einer es allein schafft, ist das das Gegenteil von Gemeinschaft. Wir brauchen aber doch die Gemeinschaft, das Team, die Nachbarn, den „Rest der Welt“ – sonst sind wir aufgeschmissen.

Das heißt, es gibt gar keine echten Helden?

Dörrie: Doch, aber oft sind sie es unfreiwillig geworden oder es wird ihnen zugeschrieben, obwohl sie es von sich weisen. Edward Snowden ist ein Held für mich. Einer, der ein enormes Risiko eingegangen ist. Echte Helden werden oft nicht belohnt. Die klassische Heldenreise im Kino hat dagegen oft mit Errettung und Belohnung zu tun. Oder nehmen Sie Schriftsteller:innen und Reporter:innen in Diktaturen – diese Menschen bewundere ich. Oder die, die in Corona-Zeiten in Krankenhäusern arbeiten. Ich habe mich oft gefragt, wann ich an ihrer Stelle davon laufen würde.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch über das Reisen mit ihren Männern und einer Freundin. Sind Sie lieber mit einem Mann oder einer Frau unterwegs?
Dörrie: Mit einer Reisegefährtin ist es meist einfacher als mit einem Partner. Da gibt es nicht so viele Erwartungen und wie wir alle wissen, sind Erwartungen sowieso der direkte Weg in die Enttäuschung. Als Paar versucht man dauernd, die Harmonie zu erhalten oder zurückzubekommen. Ständig fragt man sich: „Bleiben wir hier sitzen? Oder gehen wir weiter? Wollen wir ins Museum? Oder lieber nicht? Gehen wir in einen Laden? Wartest du auf mich? Ist dir langweilig? Was möchtest du machen? Möchtest du jetzt schlafen? Oder essen? Oder Sex haben? Oder gar nichts?“ Puh, das strengt an. Für Männer gilt das sicher genauso – unter Freunden ist das Reisen viel unkomplizierter. Da droht nicht so schnell der Verlust von Liebe.

Sie haben in den USA studiert, eine enge Beziehung zu Japan und Filme in beiden Ländern gedreht. Was reizt Sie am Reisen?

Dörrie: Unterwegs zu sein, war immer mein Idealzustand, unterwegs fühlte ich mich von mir selbst befreit und gleichzeitig träumte ich unbeirrt weiter davon, in der Fremde eine andere, bessere Version meiner selbst zu werden. Der deutsche Traum der Bildungsreise, könnte man sagen. Die ganze Welt schien mir ein aufregender, aber prinzipiell freundlich zugewandter Ort zu sein, den ich nun zu durchwandern hatte, um zu lernen und zu wachsen. Mich faszinierten früher die Wandergesellen, die wie eine Mischung aus Rockstar und Hippie wirkten, ultracool. Meine Reise nach Kalifornien fühlte sich damals auch ein wenig an, als würde ich auf die Walz gehen.

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Stimmt es, dass Sie in Ihr Einreiseformular für die USA als Berufsbezeichnung immer „Hausfrau“ schreiben?

Dörrie: Ja, das hat sich bewährt. Wenn man keinen Ärger will, ist das genau der richtige Job.

Hat denn nie jemand gesagt: So sehen Sie aber gar nicht aus!?

Dörrie: Nein. Es war genau umgekehrt. Als junge Regisseurin habe ich das Formular ehrlich ausgefüllt und musste mich prompt endlosen Verhören unterziehen. Einmal musste ich sogar eine Nacht in einer Sicherheitszelle im Flughafen von Los Angeles verbringen, weil mir die Polizisten nicht glaubten, dass ich einen Vertrag mit Columbia Pictures hatte.

Es fällt auf, dass Sie in Ihren Büchern zunehmend persönlicher und autobiografischer schreiben. War das eine bewusste Entscheidung?

Dörrie:
Es war eher ein langer Weg mit vielen Kurven. Ich habe zwar schon immer leidenschaftlich geschrieben, aber ganz am Anfang empfand ich es als zu exzentrisch und größenwahnsinnig, Schriftstellerin werden zu wollen. Insofern war es für mich folgerichtig, Film zu studieren, um mich zu verstecken. Meine Drehbücher verwandelten sich in Zelluloid, und meine Texte wurden von Schauspieler:innen interpretiert – diese Arbeit hat mir eigentlich immer am meisten Spaß gemacht, bis heute.

Doris Dörrie bei der Premiere des Films «Kirschblüten und Dämonen» in München.
Foto: Tobias Hase, dpa

Doch dann kamen auch Kurzgeschichten und Romane hinzu.

Dörrie: Das waren fiktive Geschichten, mit denen ich mich selbst weiterhin gut verstecken konnte. Der Wandel kam durch das Unterrichten an der Hochschule für Film und Fernsehen. Die Studierenden habe ich von Anfang an ermuntert, persönlicher und autobiografischer zu schreiben, um ihre eigene Stimme zu finden, und dadurch bin ich auch selbst als Schriftstellerin mutiger geworden. Denn was soll schon Schlimmes passieren, wenn man die Scham überwindet? Mehr als ein Shitstorm ist nicht zu befürchten, – der kann natürlich grässlich sein –, aber viel wichtiger ist, dass man durch die Überwindung der Scham eine wirkliche Verbindung herstellt. Auch das Älterwerden hat mir geholfen – man merkt, dass man nicht so wichtig ist, wie man dachte. Also kann man sich mehr leisten und mehr trauen. Inzwischen liebe ich das autobiografische Schreiben – vor allem, weil ich seit meinem Buch „Leben Schreiben Atmen“ auf Lesungen und Workshops direkt spüre, wie mein Blick auf die Welt ganz neue, tiefere Verbindungen zu meinen Leser:innen und ihrem eigenen Blick auf ihre Welt herstellt.

Steckt dahinter auch die Sehnsucht nach dem Echten, das in letzter Zeit häufig diagnostiziert wird?

Dörrie: Absolut, denn wir sind umstellt und überfüttert von Fiktion. Alles braucht ein Narrativ, heißt es, sogar die Politik, und bei solchen Aussagen bekomme ich Brechreiz. Denn in der Politik sollte es nicht um Geschichten, sondern um die Wahrheit gehen. Wir bewegen uns in einer komplett durchdramaturgisierten Welt und jedes Produkt hat ein Narrativ. Autobiografisches hat das jedoch nicht, denn das Leben entzieht sich der Dramaturgie. So entsteht der Wunsch nach etwas Ungefiltertem und Echtem, was auch immer das sein mag. Ich gebe jedoch zu: Das autobiografische Schreiben ist auch eine Lüge. Denn sobald ich mich erinnere, fiktionalisiere ich mich selbst und alles, was ich schreibe, ist natürlich auch geformt und gestaltet.

Das Buch „Die Heldin reist“ ist vor kurzem im Diogenes-Verlag (240 Seiten, 22 Euro) erschienen.

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