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Lebensweise
30.07.2022

Jetzt! Alles! Richtig! Machen! Wie korrekt müssen und können wir leben?

23. Juli 2022: Die Regenbogenfahne weht anlässlich des Berliner Christopher Street Day erstmals auf dem Reichstagsgebäude. Aber war es überhaupt die Richtige? Und wie wichtig ist das?
Foto: Christoph Soeder, dpa

Neulich thronte über Deutschland ein Regenbogen. Gut so? Das ist, wie bei allen Moral-Debatten derzeit, nicht ganz eindeutig. Deshalb: 51 Fragen - an Sie!

Soll nicht alles möglichst richtig sein und möglichst gut werden? Waren Sie also erfreut, dass zum Christopher-Street-Day erstmals die Regenbogen-Fahne auf dem Reichstag wehte?

Soll die Gleichberechtigung aller Identitäts- und Liebesentwürfe ein höheres Prinzip dieser Gesellschaft sein? Wurde hier nicht auch selten bildhaft klar, wie fern der symbolische aufgezogene Idealismus der Wirklichkeit ist? Denn ist Ihnen aufgefallen – was freilich einerseits Wut, andererseits Häme hervorrief –, dass da einfach irgendein Regenbogen flatterte und nicht etwa der ganz richtige, offiziell queerbunte?

Wenn sich also zeigte, dass es da mindestens ein Ungleichgewicht in dieser Gesellschaft gibt, welches davon regt Sie auf?

Finden Sie, alle sollten in Freiheit über sich selbst bestimmen können, solange es die Freiheit anderer nicht beeinträchtigt?

Auch über ihr Geschlecht?

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Und wenn nicht, was stünde als Wert etwa in diesem Fall höher? Bloß der einer schöneren, sternchenfreien Sprache kann es wohl nicht sein, oder?

Zoff um einen Vortrag über Geschlechter an der Humboldt-Universität

Empört es Sie, dass neulich der Vortrag einer Biologin an der Berliner Humboldt-Universität gecancelt wurde, weil die davon sprechen wollte, dass es in ihrer Wissenschaft nur zwei Geschlechter gebe?

Und sind ebenso empört, dass die Frau, als sie nachgeholt dann doch noch sprechen durfte, sich keiner Diskussion mehr über ihre Thesen stellte?

Was trägt hier bei, dass alles richtig sein kann und möglichst gut werden wird? Und sollte es das nicht?

Überall?

Das Ziel ist der Frieden in der Ukraine - aber zu welchem Preis?

Sie sind doch wohl zum Beispiel für Frieden in der Ukraine? Aber zu welchem Preis?

Und dafür, dass Russland den Krieg nicht gewinnen sollte? Aber bis zu welchen Folgen? Auch fürs vergleichsweise existenziell wenig bedrohte eigene Wohlergehen in Sachen Wohn- und Duschwärme etwa? Eher in Kauf zu nehmen als Folgen, um zur Erreichung von Klimazielen beizutragen? Fahren Sie noch Auto? Etwa schon E? Und wissen Sie auch um die Fragen von Rohstoffen und Speicherung? Achten Sie auf den Energieverbrauch durch Streaming sowie via Smartphone gespeicherte Fotos und Videos? Achten Sie bei Einkauf und Konsum auf möglichst wenig Verpackung und Plastik? Ernähren Sie sich vegan?

Achten Sie ansonsten auf nachhaltige und regionale Lebensmittel? Wissen Sie auch die Hintergründe der Produktion etwa von Soja oder Hafermilch? Und kleiden Sie sich mit „Fast Fashion“, also Billig- und Saisonware? Aber wissen auch, dass schöne Lederschuhe nicht nur einen Preis in Euro für Menschen haben? Und Sie kennen auch die überwiegenden Umstände der Baumwoll-Gewinnung und -Weiterverarbeitung?

Heißt es Frauenfußball-EM oder Fußball-EM der Frauen?

Machen Sie Yoga? Ist das, zumindest als bloßes Fitness-Programm, nicht auch so etwas wie kulturelle Aneignung?

Sie rauchen doch nicht etwa?

Dürfen etwa weiße Musiker Dreadlocks tragen und Reggae spielen?

Und finden Sie, dass inzwischen giftig wirkende Begriffe und Bilder auch aus älteren Werken, von alten Fassaden, von eigentlich überall getilgt werden sollten? Sollen nur historische Figuren auf Sockeln oder Straßenschildern erinnert werden, die unbedenkliche Biografien haben? Sollen nur noch Künstlerinnen und Künstler, die entweder aus moralisch unbedenklichen Ländern stammen oder ansonsten eindeutig Stellung in unserem Sinne beziehen, hier auftreten dürfen? Dürfen etwa weiße Musiker Dreadlocks tragen und Reggae spielen?

Sehen Sie sich als weißer Mann aus einer christlich-abendländischen Kultur in besonderer Verantwortung, weil die bisherigen Strukturen in Gesellschaft und Welt eine deutliche Bevorzugung für Menschen ihres Typs bedeutet haben? Oder in Variation auch als Frau, die zudem mit ihrem Lebensentwurf im Spannungsfeld der doch gesellschaftlichen Aufgabe der Emanzipation steht?

Ist der Mensch, der gut sein will, ein glücklicher Sisyphos?

Soll die Gleichberechtigung aller Identitäts- und Liebesentwürfe ein höheres Prinzip dieser Gesellschaft sein?

Was trägt bei, dass alles möglichst richtig sein und möglichst gut wird? Hat dafür die Politik, der Staat, hat dafür die Gesellschaft zu sorgen?

Und kennen Sie den Mythos des Sisyphos? Hat der, der sich abmüht, einen Fels einen Berg hochzurollen, bloß damit dieser am Ende hinunterrollt, immer wieder, uns dazu etwas zu erzählen?

Und wissen Sie, was gemeint sein könnte, wenn Camus schrieb, man müsse sich Sisyphos angesichts der existenziellen Leere des Lebens in der Moderne als glücklichen Menschen vorstellen mit seiner Aufgabe?

Könnte das übertragbar sein, dass auch, wer versucht, ein guter Mensch zu sein, zu Sisyphos oder Sisypha oder Sisyvers wird? Und halten Sie das hier für eine Polemik? Für zu uneindeutig? Für zu wenig für auch nur irgendeine erhaben flatternde Fahne auf dem Reichstag? Was antworten Sie?

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30.07.2022


Zurückblickend auf über 50 Jahre, in denen ich die Verhältnisse bewusst wahrgenommen und verstanden habe, ist Queer für mich ein Hype, eine Modeerscheinung, der sich Menschen anschließen, die mit dem bösen alten weißen Mann, der Heterosexualität, einem Familienleben nichts mehr zu tun haben wollen. Queer zu charakterisieren ist schwer.. Hippie oder Woodstock extended ?

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30.07.2022

Da kann ich mich auch vom Zeitraum her anschliessen. M.e. weder Hippie noch Woodstock extended, sondernm (so sagte man früher mal (vielleicht auch noch heute)): "manchen(denen) gehts einfach zu gut".

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30.07.2022

Der Regenbogen war für mich ein gutes Signal – für Vielfalt, für Toleranz, für das Annehmen eines jeden Menschen, so wie er eben leben möchte. Aber eigentlich passt der Regenbogen nicht ganz zu userer Gesellschaft. Eine neue Art von Rassismus scheint sich breit machen zu wollen, ein Bildersturz, der vergleichbar ist mit der Vorgehensweise des Nationalsozialismus, der ebenfalls keine andere Meinung neben der offiziellen geduldet hat. Wir alle wissen, was dabei herausgekommen ist. Die Beweggründe sind natürlich andere, aber die Einseitigkeit, die sich langsam einschleicht, halte ich für äußerst bedauerlich und auch problematisch. Wenn nur noch gesagt, ausgestellt, gezeigt und performed werden darf, was der Norm entspricht und was in die richtige (?) Kiste geordnet wird – wo bleibt die Vielfalt? Warum sind wir spätestens seit den 1970er Jahren für Toleranz eingestanden, wenn nicht für den intensiven Austausch von Kultur, auch für ein respektvolles Vermischen diverser Strömungen? In Bern wurde kürzlich ein Konzert in der Pause gecancelt, weil eine Gruppe "weißer Musiker", es gewagt hat, Reggae zu spielen und einige Zuschauer sich dabei "unwohl" fühlten. Wenn ein "weißer" Musiker Reggae machen will, warum nicht? Wenn er Dreadlocks trägt, ja was ist dann schon? Eine Sängerin, die immer für Toleranz eingetretn ist, wird ausgeladen, weil sie Dreadlocks trägt – wer bestimmt, was man auf dem Kopf trägt? Wenn ein Opernsänger den Othello spielt und sich das Gesicht zumindest dunkler machen muss – ist das eine Katastrophe, nur weil unsere Vorfahren Blackfacing zur Diskriminierung missbraucht haben? Wenn jemand nicht gendern will, heißt das, er stellt sich gegen die Frauenwelt? Vielleicht kennt er nur die deutsche Grammatik besser? Wenn sich ein Mann und eine Frau für einen Job bewerben und ich kann mit einem Mann besser arbeiten – warum muss ich der Frau den Vorzug geben? Warum darf ein Hotel nicht "Drei Mohren" heißen, in Erinnerung an (hochgeschätzte!) Gäste in der Vergangenheit? Wer stellt die "neuen" Regeln auf, was richtig ist und was falsch? Alles hat zwei Seiten, und es muss erlaubt sein, selbst zu beurteilen und gegeneinander abzuwägen. Alles andere wäre eine neue Art der Zensur, gegen die ich mich vehement zur Wehr setze.

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30.07.2022

Finde ich gut geschrieben. Es zeigt doch deutlich auf, an was es dieser Gesellschaft krankt. Eine kleine Gruppe maßt sich an, darüber entscheiden zu müssen, was für die Allgemeinheit gut und richtig wäre. Und leider springen viele ohne Wenn und Aber auf diesen Zug auf. Leider vermisse ich auch in der öffentlichen Presse und bei einem Großteil unserer Politiker ein Maß an Gegenstimmen, welches diese unsinnigen und aberwitzigen Ansichten Einhalt gebieten würde.

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30.07.2022

Eine Regenbogenfahne hat nichts, aber auch gar nichts auf einem Bundesgebäude zu suchen! Ausschließlich das äußere Zeichen eines Staates - die Bundesflagge - hat gehisst zu sein. Sie alleinig ist das äußere Symbol des Staates und repräsentiert das Gebäude als dem Staat zugehörig. Es gibt so viele andere Möglichkeiten, eine Regenbogenfahne als Zeichen zu setzen, es gibt andere Arten und Möglichkeiten etc., jedoch sie als einem staatlichen Symbol gleichzusetzen ist mehr als abzulehnen. Was in den Köpfen der Politiker vorgeht, Deutschland zu repräsentieren und dem deutschen Volke zu dienen, dies scheint mehr als in Vergessenheit geraten zu sein. Politiker zu sein ist kein vergleichbarer "anderer Job"; dies scheint bei der Mehrheit der derzeitigen Politiker jedoch nicht mehr gegenwärtig zu sein.

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30.07.2022

"Eine Regenbogenfahne hat nichts, aber auch gar nichts auf einem Bundesgebäude zu suchen!"

Aber selbstverständlich hat! Auch eine Bundesregierung darf Zeichen setzen gegen Engstirnigkeit und Intoleranz, von denen Ihr Beitrag nur so trieft.

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