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Weihnachten
19.12.2021

Die Bedeutung des Schenkens – jetzt ist sie besonders groß

Alles bereit für den großen, kurzen Auftritt der Geschenke? Gleich liegen hier nur noch Papierhäufen. Und hoffentlich alle sind glücklich.
Foto: Josef Hillenbrand, dpa

In diesem Jahr fallen die Geschenke besonders üppig aus. Warum das - und was es mit dem Schenken auf sich hat: Eine Erkundung mit dem deutschen Geschenkeguru.

Es ist dieser Moment: Das Wohnzimmer von Kerzenlicht erleuchtet. Gerade hat vielleicht das Glöckchen geläutet. Endlich. Endlich! Die Tür öffnet sich und dann liegen sie da, wie von Zauberhand hingebreitet unterm Christbaum. Glänzend, voller Geheimnisse: die Geschenke! Egal, wie oft man in seinem Leben schon Weihnachten gefeiert hat, und egal, wie alt man ist: ein Ach-wie-schön-Moment. Alle Jahre wieder. Es ist dieser eine Moment, auf den alle gewartet und auf den viele seit Wochen so sehr hingearbeitet haben. Und es ist der Moment, in dem alle Mühe dann – hoffentlich – vergessen ist.

Ein paar Mal noch schlafen, dann ist es soweit. Im Moment jedoch ist die Jagd nach den passenden Geschenken noch in vollem Gange, ja in der Hochphase angekommen. Die Autos drücken morgens schon in die Parkgaragen der Innenstädte. „Last Christmas“-Gedudel auf den Kaufhaus-Rolltreppen, volle Taschen, schwere Arme. Der vierte Adventssamstag. Allmählich wird es hektisch, der Stresslevel steigt in diesen Tagen. Gegen Nachmittag werden die Schlangen vor den Geschäften noch länger. Aufpasser kontrollieren inzwischen nicht nur, ob nicht zu viele Leute auf einmal in der Buchhandlung oder Parfümerie sind, sondern auch 2G+-Nachweise. Geschenke finden war schon romantischer. Auch die Normalität hat gerade einen Lieferengpass. Die irdische „Christkinder“ benötigen heuer viel Geduld – oder wühlen sich gleich durchs Internet.

Nicht mehr als 20 Euro pro Person? Oder eine Tasche für 16.000 Dollar?

Natürlich gibt es alle Jahre wieder die (meist leisen) Vorsätze, diesen Konsumwahnsinn nicht mitzumachen. Egal, ob man ausmacht „Dieses Jahr schenken wir uns nichts“ oder „Kein Geschenk darf mehr als 20 Euro kosten“, es scheitert meist daran, dass sich doch nicht alle daran halten. Tja, und dann ist es auch wieder irgendwie schwierig. Also rein in den Geschenke-Taumel!

US-Rapper Kanye West schenkte seiner Frau eine Tasche im Wert von 16.00 US-Dollar..
Foto: Michael Wyke, dpa

Schenken gehört schließlich zu Weihnachten seit die Heiligen Drei Könige Weihrauch, Myrrhe und Gold an den Stall von Bethlehem getragen haben. Niemand muss es übertreiben, wie der Sänger Kanye West, der seiner Frau Kim Kardashian eine handbemalte Birkin Bag im Wert von 16.000 Dollar unter den Weihnachtsbaum legte. Warum so teuer? Der US-Künstler George Condo hatte den Luxus-Taschentraum mit Fratzen und Nackedeis von Hand bemalt.

Auch hierzulande wird immer kostspieliger geschenkt. Und in diesem Jahr so viel wie nie zuvor. Laut Statista werden die Deutschen 111,7 Milliarden Euro im Einzelhandel ausgeben. Was das mit der Corona-Pandemie zu tun hat, weiß Oliver Gansser vom Institut für Empirie & Statistik, das seinen Sitz an der FOM Hochschule in München hat und gemeinnützig arbeitet. Wohl kaum jemand kann das Shoppingverhalten der Deutschen an Weihnachten besser beurteilen als der 50-Jährige. Seit zehn Jahren befragen die Studentinnen und Studenten der Hochschule Verbraucherinnen und Verbraucher zu ihrem Einkaufsverhalten an Weihnachten. Manchmal bis zu 60.000 Personen pro Jahr. „Das schafft kein Marktforschungsinstitut“, betont Gansser, der Marketing an der Augsburger Universität studiert hat. Aus den Zahlen kann er sogar regionale Besonderheiten herauslesen. Der schwäbische Mann etwa gibt sein Geld gerne für Delikatessen aus. Gansser weiß, was gekauft wird und wann eingekauft wird. Er weiß, dass 46 Prozent der Deutschen sich dabei entspannt fühlen und immerhin 15 Prozent damit rechnen, überfordert zu sein. Er ist, wenn man so will, der Guru der Weihnachtseinkäufe.

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Die Pandemie hat das Konsumverhalten total befeuert“, sagt er am Telefon. „Man schenkt sich seit Jahren immer mehr – und durch Corona noch mehr.“ Die meisten wollen sich und ihren Liebsten eine Extraportion Gutes tun. Geschenke als Weihnachtsbonus für die Herausforderungen des Pandemie-Jahres. Weil viele ihre Kontakte reduziert haben – auch innerhalb der Familie – soll durch schöne Gaben an Weihnachten dieses Defizit wieder wettgemacht werden, erklärt der Marketing-Experte. Gleichzeitig hätten viele gerade wegen der Pandemie mehr Geld auf dem Konto, da andere Ausgaben – etwa für Reisen oder Kleidung – weggefallen seien. Auch deshalb seien die Deutschen wohl in diesem Jahr besonders spendabel. 522 Euro werden im Durchschnitt für Weihnachtsgeschenke ausgegeben. Die Augsburgerinnen und Augsburger legen da sogar noch was drauf. Sie planen im Schnitt 594 Euro ein. Ganz exakt: die Frauen 618 Euro und die Männer 572 Euro. Am sparsamsten ist man in Münster. Dort werden für Weihnachtsgeschenke durchschnittlich 428 Euro eingeplant. Vor zehn Jahren, als Gansser mit den Umfragen startete, planten die Deutschen noch durchschnittlich 338 Euro ein. Und auch das weiß Professor Gansser: Geschenke kaufen macht Frauen (49 Prozent) deutlich mehr Spaß als Männern (36 Prozent). Aber fast alle freuen sich darauf, an Weihnachten Zeit mit der Familie zu verbringen. Die Männer brechen zum Geschenkekauf meist erst dann auf, wenn der Countdown fürs Fest schon läuft. Die Frauen haben das ganze Jahr ein Auge drauf, beziehungsweise starten schon im Oktober mit ersten Einkäufen. „Na klar, die haben ja auch viel mehr zu organisieren“, erklärt Gansser. 81 Prozent der Befragten beschenken übrigens andere gern.

Marketing-Experte und Fachmann des deutschen Weihnachts-Shoppings: der Münchner Professor Oliver Gansser.
Foto: FOM München

„Das ist für dich“ – anders als bei Geburtstagen ist an Weihnachten jeder Empfänger auch ein Gebender. Eine Idealsituation. Wären da nicht die bekannten Untiefen. Weil die Wahnsinns-Lego-Titanic-Edition für fast 500 Euro doch nicht unterm Weihnachtsbaum liegt, obwohl sie ganz oben auf dem Wunschzettel stand. Weil sich der eine mehr Gedanken gemacht hat als der andere. Ein Schal – öhäm, der passt aber gut zu meiner Sammlung … Die klassischste aller Weihnachtspannen. Kann im Gegenzug nur noch durch weiße Sportsocken getoppt werden.

Nicht jeder schenkt eben so einfühlsam wie Angelina Jolie, die sich wohl den inoffiziellen Spitzenplatz der ausgefallensten Weihnachtsgeschenke gesichert haben dürfte. Sie überraschte – als die Zeiten mit Brad Pitt noch besser waren – ihren Mann mit einem Wasserfall, weil dieser schon immer „von einem Haus mit dem Geräusch eines Wasserfalls“ geträumt haben soll. Ob unter den Geschenken 27 bis 35 im Hause Jolie/Pitt auch weiße Socken oder ein Schal dabei waren, wurde der Öffentlichkeit natürlich nicht bekannt. Das Ende der Ehe aber sehr wohl. Merke: Auch teure Geschenke können eine Beziehung nicht retten.

Ein neuer Spitzenreiter auf der Liste der beliebtesten Geschenke

Professor Gansser kann aus den Zahlen nicht herauslesen, wie viele Deutsche tatsächlich Schals und Sportsocken schenken. Aber er hat in seinen Umfragen festgestellt, dass die Deutschen mehrheitlich ausgesprochen vernünftige Gabengeber sind. Bücher sind in diesem Jahr zum ersten Mal das beliebteste aller Weihnachtsgeschenke. All die Jahre zuvor Platz vier. Auch hier könnte die Pandemie das Verhalten beeinflusst haben. Mit Theater- und Konzertkarten – den Spitzenreitern früherer Jahre – sind heuer vielleicht zu viele Unsicherheiten verbunden. Elektronische Geräte, Smartphones oder Tablets sind in diesem Jahr deutlich weniger gefragt. Was ansonsten gekauft wird, findet man meist auch unter dem eigenen Weihnachtsbaum: Kosmetik, Feinkost, Spielzeug, Gaming, Kleidung – manchmal Schmuck. Die gute Nachricht für alle, die das richtige Geschenk nicht mehr bekommen oder denen partout nichts einfällt: Gutscheine finden ein Drittel der Befragten in Ordnung. Geldgeschenke hingegen kommen meist weniger gut an und werden auch nicht so gerne gemacht. Ausnahmen bestätigen immer die Regeln.

Chefs, die folgende Zeilen lesen und inspirierend finden, sollten deshalb nicht zögern und sich ein Beispiel an Lawrence Maykrantz, dem Inhaber der US-Immobilienfirma St. John Properties nehmen, der vor zwei Jahren bei der Weihnachtsfeier für den Gute-Taten-Knaller schlechthin sorgte. Er verteilte zehn Millionen Dollar auf seine 198 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und machte weltweit Schlagzeilen. Das Geld, gestaffelt nach Dienstjahren, steckte adrett verpackt in roten Briefumschlägen. Dieses Geldgeschenk kam natürlich unheimlich gut an. Stundenlang seien die Angestellten von Maykrantz angestanden, um ihn zu umarmen und zu erzählen, wofür sie das Geld verwenden wollten.

Geht es nach den Erkenntnissen des Hirnforschers Jordan Grafman, hat der großzügige Herr Maykrantz übrigens die Formel fürs Glück gefunden. Für eine Studie am Rehabilitation Institute of Chicago gab er Probanden Geld, das sie an Hilfsorganisationen spenden durften. Manchmal bekamen sie auch selbst etwas auf ihr Konto gezahlt. Der Hirnscan zeigte: Wenn Teilnehmer der Untersuchung Geld bekamen, reagierte ihr Belohnungssystem und sorgte für ein wohliges Gefühl. Gaben sie das Geld aber für einen guten Zweck aus, war das Belohnungssystem noch viel aktiver. Der Beweis dafür, dass Schenken glücklich macht. Alle Jahre wieder.

Dass wir Menschen schenken, das hat eine lange Geschichte. Ob rund um Weihnachten die Heiligen Drei Könige in Spanien, die Hexe Befana in Italien, das Christkind in Süddeutschland oder der Coca-Cola-Weihnachtsmann im Fernseher aktiv werden: Der Glaube, dass Geschenke von mythischen Figuren überbracht werden, geht bis in die vorchristliche Zeit zurück. Legenden über die Ursprünge gibt es viele, eine davon ist diese: Weil man in Kindern die Wiedergänger von Ahnengeistern gesehen hat, wurden sie einst in den Rau- und Weihnächten stellvertretend beschenkt – um die Geister gütig zu stimmen.

Warum das Beschenken glücklicher macht als beschenkt zu werden

Noch im Mittelalter beschenkte der Heilige Nikolaus am 6. Dezember die Kinder. Weil die Protestanten jedoch jegliche Heiligenverehrung ablehnten, ersetzte mit hoher Wahrscheinlichkeit Martin Luther im 16. Jahrhundert den Nikolaus durch das Christkind und verlegte die Beschenkung auf den Heiligen Abend. Das Weihnachten, wie es heute gefeiert wird, entstand also erst mit der Reformation. Es sollte eine Umkehr des Alltäglichen sein: ohne Knappheit, voller Verausgabung und Hingabe, einmal im Jahr.

Das Phänomen des Schenkens war für Charles Darwin ein großes Rätsel, weil es nicht mit seiner Theorie vom Leben als Überlebenskampf zusammenpasste. Soziologen sehen in dem Austausch von Gaben übrigens den Kern friedlichen Zusammenlebens. Durch Geschenke werden Beziehungen geknüpft, gepflegt und vertieft. Es steckt also tief in uns drin, dass wir uns nicht nur an Weihnachten viele Gedanken über das Schenken machen. Der französische Ethnologe, Soziologe und Religionswissenschaftler Marcel Mauss sah darin folgenden Zweck: ein Band herzustellen, das noch in schlechten Zeiten hält. Sein Buch „Die Gabe“ gilt als das einflussreichste Buch über das Schenken. Mauss hat dafür Rituale verschiedener Völker studiert. Ein Präsent nicht anzunehmen oder nichts zu schenken, das gleicht seinen Erkenntnissen zufolge einer Kriegserklärung. Das wäre dann wohl die falsche Weihnachtsbotschaft …

Und jetzt? Was tun mit diesem Moment, wenn die Geschenke endlich unter dem Baum liegen? Geduldig eins nach dem anderen auspacken? Alles wie im Rausch aufreißen? In den Familien gibt es so viele Rituale, wie Kugeln am Christbaum hängen. Die einen zögern raus, singen erst mal und bestaunen den Christbaum. Die anderen kommen sofort zur Sache. Die nächsten suchen Namenschilder auf den Geschenken und beschenken sich der Reihe nach. Andere haben feste Plätze unter Christbaum und packen aus, wann immer sie mögen, manchmal tagelang, weil die diesen Moment konservieren und sich möglichst lange beschenkt fühlen wollen. Manche wollen sofort als Schenker honoriert werden und vergessen dabei ganz, dass doch ganz offiziell das Christkind am Werk war. Und einige versuchen mit unschuldigem Gesicht zu kaschieren, dass sie die Geschenke im Keller schon längst entdeckt hatten.

Ein paar Mal noch schlafen, dann ist er da, dieser Moment. Und egal, wie es kommt, da ist dieser schöne Satz, der kürzlich mit der Weihnachtspost ins Haus flatterte: „Weihnachten ist, wenn die besten Geschenke am Tisch sitzen und nicht unterm Baum liegen.“

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