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Wissen
30.05.2022

Weltweiter Wildtierhandel ist außer Kontrolle

Der Handel mit Spinnen und Skorpionen boomt.
Foto: Andreas Lode (Symbolbild)

Exotische Spinnentiere sind für die Haltung in Terrarien sehr beliebt. Der weltweite Handel boomt. Spinnen und Skorpione werden per Post geliefert – zwei Drittel davon sind vermutlich Wildfang.

Der weltweite Handel mit Spinnen und Skorpionen boomt: Über 1200 Arten werden einer aktuellen Analyse zufolge gehandelt, zumeist unkontrolliert und ohne dass Informationen über die Bestände der Tiere in der Natur vorliegen. Gut zwei Drittel der Millionen gehandelten Tiere sind vermutlich Wildfänge, berichtet ein internationales Forscherteam in Communications Biology. Es brauche eine bessere Überwachung des Wildtierhandels, um nachteilige Auswirkungen auf die natürlichen Bestände zu vermeiden.

Der Handel mit Wildtieren gehöre zu den wesentlichen Triebkräften des weltweiten Artenverlusts, schreiben die Forschenden um Benjamin Marshall von der Suranaree University of Technology in Nakhon Ratchasima (Thailand). Für einige Arten seien die Auswirkungen des Handels zwar recht gut untersucht, wirbellose Tiere würden aber häufig übersehen – etwa Spinnen, Skorpione und andere Vertreter der Arachniden, der Spinnentiere.

Die wenigsten Arten sind hinsichtlich ihrer Gefährdung bewertet

Im Washingtoner Artenschutzabkommen Cites, das den Handel mit gefährdeten frei lebenden Tier- und Pflanzenarten regelt, seien nur sehr wenige terrestrische Wirbellose erfasst: von den 52.060 beschriebenen Spinnenarten nur 39, von den 2348 Skorpionarten nur eine. Auch bei der Weltnaturschutzunion (IUCN), die die Rote Liste erstellt, ist nur ein Bruchteil der Arten zu ihrer Gefährdung bewertet. Andererseits seien exotische Spinnentiere für die Haltung in Terrarien sehr beliebt. Da sich viele Arten zudem vergleichsweise langsam vermehrten, seien sie besonders anfällig für die Folgen eines nicht kontrollierten und nicht nachhaltigen Handels.

Um das Ausmaß des Problems genauer zu erfassen, prüften die Wissenschaftler, welche Arten online zum Verkauf angeboten werden. Zudem erfassten sie, welche Arten in offiziellen Quellen zum Handel mit Wildtieren auftauchten, zum einen in den Cites-Daten, zum anderen im Law Enforcement Management System (Lemis) – einer US-Datenbank, in der alle Importe von Wildtieren erfasst werden. Insgesamt stießen sie in ihren Quellen auf 1264 gehandelte Arten, 993 davon (79 Prozent) fanden sie ausschließlich online und nicht in den Handels-Datenbanken. Vermutlich befeuere die Möglichkeit, Jungtiere und auch ausgewachsene Exemplare per Post verschicken zu können, den Online-Handel, so die Forscher.

Am häufigsten tauchten Spinnen mit 903 Arten in der Suche auf, gefolgt von Skorpionen mit 350 und Geißelskorpionen mit elf Arten. Von der Gruppe der Taranteln gelangten die Hälfte aller bekannten Arten in den Handel. Kaum eine der gehandelten Arten tauchte in einer Roten Liste der IUCN auf: 99,34 Prozent aller Spinnen- und 99,9 Prozent der Skorpionarten waren nicht hinsichtlich ihrer Gefährdung bewertet.

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Zur Herkunft der Spinnen können die Wissenschaftler nur bedingt Aussagen treffen, weil entsprechende Angaben auf Online-Plattformen nicht erforderlich und wenig verlässlich seien. Einige Informationen entnahmen sie den Lemis-Daten zu den US-Importen. Demnach stammten im Schnitt gut 70 Prozent der importierten Tiere aus Wildfängen.

Kaiserskorpione gehören zu den meistgehandelten Tieren

Zu den meistgehandelten Tieren gehören die Kaiserskorpione, von denen im Studienzeitraum 1 Million Exemplare importiert wurden, 77 Prozent aus Wildfängen. Von den Vogelspinnen der Gattung Grammostola, zu der die beliebte Rote Chile-Vogelspinne gehört, wurden 600.000 Individuen importiert, 89 Prozent aus Wildfängen. Arten, deren Handel über das Artenschutzabkommen geregelt ist, wurden oft als „Importe von in Gefangenschaft gezüchteten Individuen“ angegeben.

Eine weitere Auffälligkeit: Viele der bei Lemis registrierten Importe stammten aus Ländern, in denen die jeweiligen Tiere nicht heimisch sind. So sei etwa von der Hälfte aller angeblich aus Chile importierten Arten nicht bekannt, dass diese dort vorkommen. Das deute entweder auf mangelnde Kenntnis ihrer Verbreitung hin – oder auf die Verschleierung der Herkunft, um etwa strengere Handelsbeschränkungen einzelner Länder zu umgehen.

Über viele gehandelte Spinnentiere ist fast nichts bekannt

Insgesamt gebe es viele Wissenslücken, die eine Kontrolle des Handels erschweren und damit einen Schutz der natürlichen Bestände erleichtern würden, so das Fazit der Forscher. So seien viele Arten noch nicht wissenschaftlich beschrieben, ihre Lebensräume und ihre Verbreitung oft unbekannt. Zudem würden die Tiere oft unter ihren Trivialnamen gehandelt, unterscheidbar seien einzelne Arten oft nur von Fachleuten. Werden Arten neu beschrieben – in den vergangenen gut 20 Jahren waren es mehr als 17.000 Arachniden – gelangen sie oft innerhalb kurzer Zeit in den Handel.

Als Beispiel nennen die Wissenschaftler Birupes simoroxigorum: Als erste Bilder der damals noch nicht beschriebenen Vogelspinnen-Art mit leuchtend blauen Beinen auftauchten, wurden sie genutzt, um die auf Borneo lebenden Tiere aufzuspüren. Sie wurden illegal exportiert, beschrieben und seien nun im Handel stark nachgefragt – obwohl über ihre natürliche Lebensweise fast nichts bekannt sei. (dpa)

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