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Wissenschaft
12.05.2022

Vogelgrippe wütet weltweit: So gefährlich ist sie für Menschen

Wie hier im Naturschutzgebiet am Hula-See hat die Vogelgrippe in Israel Tausende von Zugkranichen getötet.
Foto: Ilia Yefimovich, dpa

Eine verheerende Vogelgrippe kursiert weltweit und auch in Deutschland. Auch zahlreiche Säugetiere sind betroffen. Besteht eine Pandemie-Gefahr auch für Menschen?

Millionen Vögel sterben bereits seit Monaten – in Deutschland, ganz Europa und darüber hinaus. Ursache des Massensterbens unter Enten, Gänsen, aber auch Pelikanen, Rotkehlchen und Kranichen ist die Vogelgrippe, ausgelöst vom Virus H5N1. Die aktuelle Infektionswelle sei mit ihrer raschen Ausbreitung und der extrem hohen Häufigkeit von Ausbrüchen bei Geflügel und Wildvögeln beispiellos und stelle eine anhaltende potenzielle Bedrohung für den Menschen dar, schreiben Michelle Wille und Ian Barr von der University of Melbourne in Science.

Übertragungen des Erregers von Vögeln auf Menschen seien in den letzten zwei Jahrzehnten zwar selten gewesen und eine dauerhafte Übertragung von Mensch zu Mensch noch nicht dokumentiert – Vogelgrippeviren wie das jetzige aber stellen durch weitere Mutationen ein potenzielles Pandemierisiko dar.

Zwei Ansteckungsfälle mit der Vogelgrippe bei Menschen sind bislang bekannt

Zunächst war weltweit nur der Fall eines 79-jährigen Mannes aus Südwestengland bekannt, der sich nach direktem und anhaltendem Kontakt mit erkranktem Geflügel mit dem derzeit kursierenden Vogelgrippe-Erreger angesteckt hatte. Die britische Gesundheitsbehörde UKHSA warnte deshalb Anfang des Jahres davor, kranke oder tote Vögel zu berühren. Vergangene Woche meldete die US-Gesundheitsbehörde CDC dann einen weiteren Nachweis bei einem Menschen, der sich bei der Tötung infizierten Geflügels in Colorado angesteckt habe. Der Patient habe Erschöpfung als einziges Symptom genannt und sich inzwischen wieder erholt.

Vielfach nachgewiesen sind in der aktuellen H5N1-Welle Übertragungen auf fleisch- und aasfressende Säugetiere wie Füchse und Fischotter. Die Zahl liege höher als bei vorherigen Infektionswellen, heißt es vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI). „Unklar bleibt, ob dies auf eine erhöhte Empfänglichkeit von Säugetieren für das zirkulierende Virus zurückzuführen ist oder auf ein erhöhtes ‚Angebot‘ virusinfizierter Vogelkadaver.“ Mutationen, die eine erhöhte Anpassung an Säugetiere beziehungsweise den Menschen belegen, seien bislang nicht gefunden worden. Das FLI, das für Tiergesundheit zuständige Bundesforschungsinstitut, hatte schon Ende vergangenen Jahres von der „stärksten Geflügelpest-Epidemie überhaupt“ in Deutschland und Europa gesprochen. Und im März aktualisiert, es würden weiterhin fast täglich Ausbrüche und einzelne Fälle bei Hausgeflügel und Wildvögeln in Europa gemeldet. Es ist eine weitere Verschärfung. Schon von Herbst 2020 bis April 2021 hatte Europa die bis dahin schwerste Geflügelpest-Welle erlebt.

Zigtausende tote Vögel an den Küsten Nordeuropas

Seit Ende 2021 wurden an den Küsten Nordeuropas erneut zigtausende tote Vögel gefunden, wie das FLI berichtete. In Frankreich gab es seither Meldungen zu Hunderten toten Gänsen und Schwänen, in den Niederlanden wurden mehrere tausend Knutts tot aufgefunden. An der Westküste Englands starben geschätzt 10 Prozent der dort rastenden Nonnengans-Population, in Griechenland in diesem Jahr bereits hunderte Krauskopfpelikane. Aus Israel kamen Berichte über rund 10.000 tote und sterbende Kraniche in einem Nationalpark im Hula-Tal. Sie kommen als Zugvögel aus Südeuropa nach Israel, um dort auf dem Weg nach Afrika Station zu machen.

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„Überraschend hat sich herausgestellt, dass das Virus bereits im Sommer 2021 über den Nordatlantik, aller Wahrscheinlichkeit nach durch Wildvögel, nach Nordamerika eingeschleppt wurde“, teilte das FLI mit. Zum Jahreswechsel seien erste Infektionen im Nordosten Kanadas nachgewiesen worden. „Von dort aus breitet sich das Virus in einem fulminanten Seuchenzug entlang der Ostküste der USA nach Süden aus sowie in voller Breite auch nach Westen.“ Es habe den Mississippi bereits überschritten und in Einzelfällen die Pazifikküste erreicht. Hunderte Fälle infizierter Wildvögel seien nachgewiesen worden, zudem seien Geflügelhaltungen massiv betroffen. „Bereits mehr als 30 Millionen Stück Geflügel mussten in den USA getötet werden.“

In Deutschland gibt es vor allem Infektionen bei Wildvögeln

In Europa lägen die Hotspots von Infektionen bei Geflügel derzeit wohl in Frankreich, dem Vereinigten Königreich, Ungarn und Italien, hieß es vom FLI. In Deutschland gebe es weiterhin in erheblichem Maße Infektionen bei Wildvögeln, aber vergleichsweise wenige Ausbrüche bei gehaltenen Vögeln, insbesondere in kommerziellen Geflügelhaltungen. Die genaue Ursache sei unklar, Anteil hätten womöglich die besseren Sicherheitsmaßnahmen zum Verhindern einer Einschleppung des Virus in Haltungen. Bei Wildvögeln bedrohe der Erreger ganze Populationen, insbesondere solche, die bereits gefährdet sind, warnen Wille und Barr. Es müsse kontinuierliche Investitionen in die Überwachung von Wildvögeln und Geflügel sowie von Menschen an der Schnittstelle zwischen Mensch und Geflügel geben. Um die Risiken zu mindern, seien Maßnahmen wie die Verringerung der Bestandsgröße und -dichte und die Vermeidung der Geflügelproduktion in Gebieten mit vielen Wasservögeln sinnvoll.

Die Vogelgrippe, fachsprachlich aviäre Influenza, kommt natürlicherweise vor allem in wild lebenden Wasservögeln vor. Die Erreger enthalten auf ihrer Oberfläche bestimmte Eiweiße, die mit der Abkürzung H (für Hämagglutinin) und N (für Neuraminidase) bezeichnet werden und die jeweils in verschiedenen Subtypen vorkommen (H1 bis H16 und N1 bis N9). Der Name H5N1 bedeutet also die Kombination der Eiweiße H5 und N1 auf der Oberfläche der Variante. Unterschieden werden bei der Vogelgrippe zudem geringpathogene und hochpathogene Varianten. Geringpathogene Formen (etwa H5 und H7) verursachen kaum oder nur milde Krankheitssymptome, können sich aber über Mutationen zu hochpathogenen Varianten entwickeln. Für solche, oft ganze Geflügelbestände vernichtenden, Formen wird der Begriff Geflügelpest verwendet. Einige Vogelgrippe-Varianten können auf den Menschen übertragen werden und – bisher in seltenen Fällen – tödlich verlaufende Erkrankungen auslösen.

In Europa ist noch kein passender Impfstoff für Geflügel zugelassen

Nur zwei H-Subtypen – H5 und H7 – seien bisher wiederholt als hochpathogene aviäre Influenza aufgetaucht, erläutern Wille und Barr in Science. Dies passiere in der Regel, wenn niedrigpathogene H5- oder H7-Viren von Wildvögeln auf Geflügel übertragen werden, wo sich das H-Protein verändert. „Obwohl der N-Subtyp eine gewisse Rolle bei der Übertragbarkeit des Virus spielen kann, bestimmt er nicht die Schwere der Erkrankung.“ Impfungen von Geflügel gegen Influenza bieten aufgrund der hohen Variabilität der Viren häufig unzureichend Schutz, in der EU wurden sie anders als etwa in China bisher nicht breit eingesetzt. Vermutlich bieten laut FLI schon länger existierende Impfstoffe aus anderen hochpathogenen H5-Formen auch Wirksamkeit gegen das aktuelle Virus. „Allerdings ist derzeit kein passender Impfstoff zur Anwendung im Geflügel in Europa zugelassen.“ In verschiedenen EU-Ländern gebe es aber Feldversuche zur Erprobung spezifischer Vakzine, auf EU-Ebene würden Möglichkeiten zum Einsatz von Impfstoffen diskutiert.

Die derzeit zirkulierende Linie von H5 entstand laut Wille und Barr bereits 1996 in Asien und wird Gänse/Guangdong-Linie genannt. Ihre Varianten hätten sich in Asien, dem Nahen Osten, Afrika und Europa ausgebreitet, hunderte Millionen Hühner, Puten und Hausenten seien gekeult und mehr als 600 Fälle von H5N1 beim Menschen registriert worden. Die nun kursierende Nachfolgeform sei offenbar weit weniger gefährlich für Menschen. Möglicherweise aber kann die Variante ein breiteres Spektrum von Wildvögeln infizieren oder sie ruft eine höhere Viruslast hervor, was zu erleichterten Übertragungen führt. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch gelte bei der aktuellen Form als weitgehend ausgeschlossen. Zu hoffen sei, dass es so bleibt: Wie bei Corona wäre es praktisch unmöglich, das Virus unter Kontrolle zu bringen, wenn es zu einer solchen Anpassung käme und das Virus durch die Luft von Mensch zu Mensch übertragen würde.

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