Newsticker

Bund und Länder beschränken Feiern in öffentlichen Räumen auf 50 Teilnehmer
  1. Startseite
  2. Kultur
  3. Jubel für "Der tödliche Schlag" von Walter Jens

06.03.2009

Jubel für "Der tödliche Schlag" von Walter Jens

Jubel für «Der tödliche Schlag» von Walter Jens
Bild: DPA

Tübingen (dpa) ­ Der große Kriegsheld Odysseus ist ganz friedlich. Seine Macht ist gesichert - Troja ist besiegt. Jetzt gilt es, die Toten zu betrauern.

Der Griechenfürst tut das im Theaterstück "Der tödliche Schlag" von Walter Jens auf spezielle Weise: Scheinheilig betend kippt er die Leiche seines pazifistischen Kameraden Philoktet gewaltsam von der Bahre. Den hat er kurz zuvor umgebracht, den Mord der Gegenseite angelastet und so den Kampf gewonnen. "Wir wollten zeigen, wie selbst Gegner des Krieges von ihm instrumentalisiert werden", erläutert Regisseur Axel Krauße.

Er hat am Tübinger Zimmertheater die Uraufführung des Stücks von Jens inszeniert, das am Donnerstagabend vom Publikum bejubelt wurde. Der bekannte 85-jährige Philologe und Publizist hatte es 1974 als Fernsehspiel geschrieben und eine Theaterinszenierung angeregt, als er es vor einigen Jahren in einem Manuskriptstapel wiederfand.

"Es sind zwei Idealtypen, die gegeneinander antreten", sagt Krauße. Philoktet kämpfte früher neben Odysseus gegen Troja, wurde aber als Verräter auf eine griechische Insel verbannt. Dort mittlerweile zum Pazifisten geworden, trifft er Jahre später wieder auf den kaltblütigen Odysseus, der mit dem Krieg seine eigene Macht sichern und Philoktet auf Druck der Soldaten zurück an die Front holen will. Beide debattieren über den Sinn des Krieges. Krauße lässt in seiner Inszenierung den Text beinahe ganz für sich sprechen. Mit einem minimalistischen, hauptsächlich aus weißem Tuch bestehenden Bühnenbild, wenig Licht- und Toneffekten, kaum Handlung und nur vier Schauspielern, legt er den Fokus auf die Sprache.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Robert Arnold als Philoktet und Endre Holéczy als Odysseus meistern die schwierige Aufgabe, ihre Figuren als echte Charaktere darzustellen. Ihre Rhetorik beschwört Verwüstung und Grausamkeit sehr bildlich und macht deutlich: Der Krieg dringt auch in die schönste Idylle, selbst in Philoktets lichtdurchflutete Räume ein. Eine Verweigerung ist nicht möglich.

Mehr noch als rohe Gewalt ist Krieg hier ein Wettstreit der Ideologien. Pazifist und Kämpfer begegnen sich intellektuell auf Augenhöhe. Der Regisseur lässt beide grundsätzlich sympathisch und humorvoll erscheinen ­ so erklären sie ihre jeweilige Auffassung über den Krieg mit Hilfe einer Schüssel frischer Oliven. Damit macht Krauße deutlich: Krieg ist alltäglich, erschreckend normal geworden.

"Ich war direkt begeistert vom Script", sagt Krauße, obwohl der extrem lange Text Probleme bereitet habe. "Jens ist eben Rhetoriker." Es sei schwer, das auf der Bühne wiederzugeben. Jens' Frau Inge habe ihm bei der Inszenierung jedoch ausdrücklich freie Hand gelassen. Gerade weil momentan viel über Jens als Privatmann diskutiert werde, wollte der Regisseur sich ganz auf das Werk selbst konzentrieren. Die Uraufführung zu erarbeiten sei aufregend gewesen: "Besonders natürlich, weil Walter Jens stark mit der Stadt verbunden ist".

Aus Sicht von Inge Jens kommt durch die kleine Bühne das Stück bestens zur Geltung. "Mein Mann hätte mit Sicherheit Spaß an der Aufführung gehabt", sagte sie und zeigte sich begeistert von der Inszenierung. Der an Demenz erkrankte Jens, früher Präsident der Berliner Akademie der Künste, war kürzlich wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Sein Sohn Tilman hatte in einem Buch detailliert den Krankheitsverlauf beschrieben und damit Kritiker empört. Das Tübinger Publikum ließ sich davon nicht beeindrucken. Es feierte das Theaterstück mit sehr viel Applaus.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren