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Foto: Federico Gambarini, dpa
Foto: Federico Gambarini, dpa

Viele Aspekte seines Schaffens haben der Kunst einen neuen Dreh gegeben. Er setzte sich zum Beispiel intensiv mit der Religion auseinander.

Jubiläum
12.05.2021

Joseph Beuys: Was ist dran an der Legende um die Putzfrau?

Von Stefan Dosch, Doris Wegner und Alois Knoller

Plus Joseph Beuys gehört zu den großen Künstlern: Immer wieder diskutiert wurden sein Verhältnis zu den Nazis, zur Religion und diese Geschichte mit der Putzfrau.

Wie hätten die Nazis wohl auf dieses Werk und seinen Schöpfer reagiert? Man mag den Gedanken lieber nicht zu Ende bringen. Und doch: Seit Jahren gibt es in der Wahrnehmung dieser Künstlergestalt eine Tendenz, Beuys zum Fortführer braunen Gedankenguts zu stempeln. In Teilen der Biografik werden dabei überscharf vermeintliche Auffälligkeiten in Leben und Werk herausgearbeitet und scheinbar schlagende Schlüsse daraus gezogen.

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Welches Verhältnis hatte Joseph Beuys zu den Nazis?

Ist nicht schon Beuys’ Material verdächtig? Eichen, gepflanzt von einem Deutschen – öffnet das nicht bedenkliche Echoräume von Boden, Verwurzelung und unbändiger Kraft? Oder Beuys’ Vorliebe für totes Getier, dieses Spiel mit Kultus und Opfer – fällt da nicht das unselige Fackellicht deutsch-nationaler Germanenschwärmerei auf die sich plastisch-sozial gerierende Kunst? Schließlich die Nähe zu Rudolf Steiner, dem kontrovers diskutierten Anthroposophen, der von der „Mission einzelner Volksseelen“ raunte: Spricht das, in Parallelen gesetzt zu Beuys, nicht alles eine eindeutige Sprache? Obendrein gewisse Leute um Beuys: das Ex-SS-Mitglied, das später für den Künstler Reden verfasste? Oder die Teilnahme des Weltkriegsfliegers Beuys an einem Treffen einstiger Stuka-Piloten?

Letzteres ist nicht in Abrede zu stellen. Aber daraus die Agenda zu konstruieren, dass Beuys „völkisches“ Gedankengut in einer als linksliberal getarnten Kunst weitergetragen hätte, das ist, um es mit dem Künstlerkollegen Klaus Staeck zu sagen, „Quatsch“. Beuys war nicht naiv, gewiss hat er die potenziell toxischen Aspekte seiner Kunst gesehen. Dass er sie nicht ausgesperrt, sondern mit neuer, unschädlicher Ladung versehen hat, ist kein Akt von „völkischer“ Gesinnung, sondern eine im Humanen gegründete künstlerische Tat.

Wie stand Joseph Beuys zum Thema Religion?

Hunderte Male hat Joseph Beuys Christus als Motiv gewählt, allerdings nicht in der klassischen Ikonografie eines Andachtsbildes. Sein Christus entsprang nicht dem kirchlichen Katechismus, vielmehr folgte er der Lehre des Anthroposophen Rudolf Steiner vom „Christusimpuls“. Dieser Christus ist eine allgegenwärtige heilende Kraft, ein Mittler von Energie. Oder wie Beuys 1971 zu den Herz-Jesu-Bildchen schrieb: „Der Erfinder der Elektrizität.“

Ein Bild mag dies augenfällig verdeutlichen: Ein Mädchen berührt das Herz Jesu und legt die andere Hand auf ihr eigenes Herz. Fließen kann der Strom aus der übernatürlichen Quelle. Der Jesuit Friedhelm Mennekes von der Kölner Kunststation St. Peter spricht bei Beuys von einer kosmischen Spiritualität in dem Wissen, dass die Welt eine werdende Schöpfung ist. Allerdings bedroht von Kräften der Zerstörung. Im Zeitalter des Atomkriegs zelebrierte er 1971 in einem Zivilschutzraum in Basel eine Messe, wie Jesus wusch er Besuchern hingebungsvoll die Füße. Für die Installation „Zeige Deine Wunde“ richtete Beuys 1975 ein Krankenzimmer mit zwei Totenbahren in einer Münchner Fußgängerunterführung ein, während darüber die Passanten shoppten.

Beuys sieht den Menschen als verletzliches Wesen an, das genauso wie die Gesellschaft der Heilung bedarf. Die Spiritualität dafür bezieht er von seiner „Christusarbeit“. Für Eugen Blume, der in Berlin gerade eine Ausstellung über die religiösen Wurzeln im Schaffen von Beuys kuratiert, „war das Lumen Christi die für Beuys einzige reale Möglichkeit der Erlösung aus dem geistlosen Materialismus des späten 20. Jahrhunderts“. Christus habe die Freiheit gegenüber den Weltverhältnissen vorgelebt. So frei wie er solle jeder Mensch als Künstler seine Fähigkeit zu kreativer Freiheit leben.

Joseph Beuys und die Putzfrau: Die wahre Geschichte

Manchmal laufen die Dinge bescheuert. In diesem Fall könnte man auch sagen: total gescheuert! Die Putzfrauen-Legende um die Beuys-Badewanne hält sich hartnäckig. Tatsächlich rückten aber die SPD-Frauen Marianne Klein und Hilde Müller dem Kunstwerk am 3. November 1973 zu Leibe.

Bei einer Feier der SPD Leverkusen auf Schloss Morsbroich entdeckten die Damen in einem Abstellraum die Badewanne, die mit Fett, Pflastern und Mullbinden übersät war. Dreckig, aber bestens geeignet zum Gläserspülen. Marianne Klein und Hildegard Müller schleppten die Wanne in den Festraum und holten die Scheuermilch. „Wir dachten, dat alte Ding können wir saubermachen“, erzählten sie 2006 in einem Interview.

Was die Genossinnen dabei nicht ahnten: Der Dreck war Kunst. Teure Kunst. Experten schätzten den Wert des Objekts schon damals auf 80.000 D-Mark. Joseph Beuys hatte die Badewanne erschaffen für eine Wanderausstellung. Deshalb stand sie auch im Schloss Morsbroich.

Über zwei Jahre sorgte die Wannen-Affäre für Schlagzeilen, beschäftigte Gerichte und Gutachter. Und natürlich kochte damals die Frage hoch, ob etwas Kunst sein könne, das offensichtlich nicht als Kunst erkannt worden war. Der Badewannen-Besitzer, der Kunstsammler Lothar Schirmer, forderte Schadenersatz. Beuys jedoch beharrte lange auf den „einmaligen Schöpfungsakt“, schließlich ließ er sich aber darauf ein, die saubere Badewanne „neu zu bearbeiten“.

Und wie entstand die Putzfrauen-Legende? Wahrscheinlich durch die Fernsehwerbung der Scheuermilchfirma Ata, in der zwei Putzfrauen in einem Museum vor einer Badewanne zu sehen sind. Sagt die eine Putzfrau zur anderen: Da muss mal gründlich gescheuert werden.

Joseph Beuys – Stationen eines Künstlerlebens 

Joseph Beuys wird am 12. Mai in Krefeld geboren. Aufwachsend in Kleve, zeigt er bereits als Schüler künstlerische und naturwissenschaftliche Interessen. Er war Mitglied in der Hitler-Jugend.

Joseph Beuys – Stationen eines Künstlerlebens 

1941 Verpflichtung zur Luftwaffe für zwölf Jahre. Er wird von Heinz Sielmann, der ab Ende der 1940er Jahre als Tierfilmer bekannt wurde, zum Flugzeug-Bordfunker ausgebildet. Sielmann verstärkt das Interesse Beuys’ an den Naturwissenschaften.

Joseph Beuys – Stationen eines Künstlerlebens 

Militäreinsätze ab 1942 rund um die Insel Krim, später Böhmen und Mähren, schließlich an der Adria. 1944 im Kampf um die Krim Absturz mit schweren Verletzungen.

Joseph Beuys – Stationen eines Künstlerlebens 

Beuys wird von einer deutschen Suchtruppe in ein Militärlazarett eingeliefert, das er nach drei Wochen wieder verlassen kann. Den Absturz verbrämt Beuys später mit einer Legende, wonach er von Krim-Tataren mittels alter Volksheilmittel wie Tierfett und warmhaltendem Wollfilz gesund gepflegt wurde.

Joseph Beuys – Stationen eines Künstlerlebens 

1944 erneut Kampfeinsatz, nun an der Westfront. Britische Kriegsgefangenschaft. 1945 Rückkehr nach Kleve, Eintritt in eine lokale Künstlergruppe. 1946 Immatrikulation an der Düsseldorfer Kunstakademie. Vor allem bei Ewald Mataré studiert Beuys Bildhauerei, ab 1951 als Meisterschüler neben Erwin Heerich. An der Kunstakademie kommt er vertiefend mit den spirituellen Lehren des Anthroposophen Rudolf Steiner und dessen Arbeit „Kernpunkte der sozialen Frage“ in Kontakt.

Joseph Beuys – Stationen eines Künstlerlebens 

1953 Beendigung der Meisterklasse und erste Ausstellungen, darunter im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal. 1957 Umzug zurück nach Kleve. In dieser Zeit: vor allem kunsthandwerkliche Aufträge (auch sakraler Ausrichtung) sowie ein „Mahnmal für die Toten der Weltkriege“ in Meerbusch-Büderich. In der Folge: Fett und Filz werden als künstlerisches Material eingesetzt; verstärkt Beschäftigung mit Zeichnung; weitere naturwissenschaftliche Studien.

Joseph Beuys – Stationen eines Künstlerlebens 

1961 Umzug nach Düsseldorf sowie Ruf an die dortige Kunstakademie auf den Lehrstuhl für monumentale Bildhauerei. Erste Aktionen im Bereich der Kunstbewegung Fluxus. Entwicklung von Gedanken zu einem sozialen und erweiterten Kunstbegriff.

Joseph Beuys – Stationen eines Künstlerlebens 

Als Lehrer mit hoch engagiertem Einsatz bringt Beuys einige Studenten zu erfolgreicher Künstlerschaft, darunter Katharina Sieverding, Blinky Palermo, Jörg Immendorff. 1971 nimmt er weit über hundert abgelehnte Studienbewerber in seine Klasse auf, was – nach weiteren Querelen mit dem Wissenschaftsministerium – zu seiner fristlosen Entlassung 1972 führt. Schriftsteller wie Heinrich Böll und Martin Walser, Künstlerkollegen wie Gerhard Richter und Günther Uecker treten in Protestnoten erfolglos für Beuys ein. 1974 aber erhält er eine Gastprofessur in Hamburg.

Joseph Beuys – Stationen eines Künstlerlebens 

Ab 1964 und bis nach seinen Tod ist Joseph Beuys mit seinen Werken regelmäßig – das heißt, siebenmal – auf der Weltkunstausstellung documenta in Kassel vertreten, 1972 mit „Dürer, ich führe persönlich Baader + Meinhof durch die Documenta V“ und einem Informationsbüro für die „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“, 1977 mit der von ihm initiierten „Freien internationalen Universität“ sowie der „Honigpumpe am Arbeitsplatz“, 1982 mit „7000 Eichen“, 1992 mit „Wirtschaftswerte“. Auch zur Gestaltung des Deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig ist Joseph Beuys 1976 eingeladen. Dort zeigt er seine „Straßenbahnhaltestelle“, heute im holländischen Otterlo zu sehen.

Joseph Beuys – Stationen eines Künstlerlebens 

1967 gründet Beuys die Deutsche Studentenpartei, deren Ziel u. a. die geistige Mündigkeit des Bürgers ist – neben einem geeinten Europa und deutscher Waffenächtung. Der eingetragene Verein geht letztlich auf in der „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“. Von 1977, als in Deutschland „grüne Listen“ gegründet werden, bis zu seinem Tod 1986 ist Beuys Mitglied der „Grünen“, an deren Gründungsversammlung 1980 in Karlsruhe er auch teilnimmt. Eine Bundestags-Kandidatur 1983 in Nordrhein-Westfalen zieht er zurück, nachdem er nicht auf einem der vorderen Plätzen gelistet ist.

Joseph Beuys – Stationen eines Künstlerlebens 

Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt anlässlich des 100. Geburtstag von Beuys die Ausstellung Joseph Beuys: Der Raumkurator. In ihr wird die Entstehung des Beuys-Raums in der Staatsgalerie, 1984 vom Künstler selbst mit seinerzeit sechs neuen Werken eingerichtet und bis heute unverändert, anhand von Fotografien, Filmen und Objekten erläutert.

Kuratorin Ina Conzen: „Beuys starb vor über 30 Jahren, aber als vehementer Verfechter von ökologischen, basisdemokratischen und spirituellen Belangen ist er von geradezu verblüffender Aktualität.“ Die Schau als Ort gesellschaftlicher Debatte läuft bis 18. Juli 2021.

Joseph Beuys – Stationen eines Künstlerlebens 

Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf präsentiert unter dem Titel Jeder Mensch ist ein Künstler einen Einblick in das Denken von Beuys – wie es sich in seinen Aktionen manifestierte. In der Ausstellung treten zeitgenössische Künstler neben Vertretern aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen mit Beuys als Aktionskünstler in Dialog. Dabei bildet jeweils eine Beuys-Arbeit den Ausgangspunkt für Gegenüberstellungen mit u. a. Phyllida Barlow, Angela Davis, Bob Dylan, Jenny Holzer, Michel Houellebecq, Patti Smith, Edward Snowden, Greta Thunberg. Ausstellungsdauer bis 15. August.

Joseph Beuys – Stationen eines Künstlerlebens 

Drei Buch-Empfehlungen: Die Werkübersicht 1945–1985, herausgegeben Mitte der 1990er Jahre von Lothar Schirmer im Verlag Schirmer/Mosel, gehört zur Standard-Literatur; 239 Seiten mit Einführung von Alain Borer. Zu sieben geführten Spaziergängen entlang der 7000 Eichen in verschiedenen Stadtteilen von Kassel lädt der handliche Führer Beuys to go von Karin Thielecke und Lutz Kirchner ein (145 Seiten). Erschienen im Verlag euregio. Derselbe Verlag hat auch die Dokumentation Beuys 100 mit Schwerpunkt 7000 Eichen herausgegeben. Beiträge von u. a. Johannes Stüttgen und Hans Eichel (152 Seiten).

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