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Landestheater Schwaben

16.10.2017

Käthchen im 21. Jahrhundert

Modernisiert und trotzdem: Käthchen erscheint ein Cherub.
Bild: Monika Forster

Einen Klassiker wie Kleist modernisieren, ohne ihn an den Zeitgeist zu verramschen? Beim „Käthchen von Heilbronn“ hat es das Landestheater Schwaben geschafft.

Klassiker gehören zu den unverzichtbaren Säulen jedes Spielplans. Aber wie erzählt man sie heute? Am besten kräftig entrümpelt, wie jetzt Heinrich von Kleists „Käthchen von Heilbronn“ am Landestheater Schwaben (LTS): Intendantin Kathrin Mädler hat das üppige Personal rigoros auf sechs Schauspieler und das Stück auf eindreiviertel Stunden ohne Pause reduziert.

Und Kleists rätselhaftes Ritterspektakel aus dem vorletzten Jahrhundert mit allen Mitteln der zeitgenössischen Bühnenkunst als modernes, magisches Spiel um Sein und Schein inszeniert, mit einer Handvoll Figuren, die in unsicheren Zeiten mit großer Sehnsucht nach Identität suchen.

Ins Hier und Jetzt könnte man Kleists spannende Liebesgeschichte so übersetzen: Sie beginnt mit einem fetten Vater-Tochter-Konflikt, weil der Alte (André Stuchlik als Waffenschmied Friedeborn) seine ziemlich eigensinnige 16-Jährige (Käthchen Miriam Haltmeier) nicht ihrem – im wahrsten Sinne des Wortes – Traum-Prinzen (Tobias Loth ist der Graf vom Strahl) hinterherlaufen lassen will.

Ein paar Jungs lassen machomäßig die Muskeln spielen, während der Zickenkrieg um den Bachelor in vollem Gange ist. Die eine (Punk-Käthchen) stalkt ihn unbeirrt wie einen Popstar, obwohl ihn die andere (Claudia Frost als Vamp Kunigunde von Thurneck) bereits mit raffinierten Intrigen so gut wie rumgekriegt hat.

Aber wir sind ja nicht auf RTL, sondern im Theater und vor allem in der Inszenierung einer Regisseurin, die Kleist wegen seiner kraftvollen Sprache verehrt. Und als Dichter extremer Gefühlslagen, der uns dazu bringen soll, über unsere eigene komplizierte Welt nachzudenken. Deshalb lassen Mädler und ihr Ausstattungsleiter Ulrich Leitner die Figuren in einer ebenso zeichenhaften wie hoch ästhetischen Bühne agieren.

Zwei leicht höhenversetzte Spielflächen aus Holzplanken sind von einem überdimensionalen, beleuchtbaren Bilderrahmen durchschnitten, der Bühnenhimmel hängt voller Brautkleider, und jede der Rivalinnen darf sich am Ende eins davon pflücken (die finale Hochzeitsszene nimmt im LTS übrigens eine unerwartete, amüsante und wirklich sehr heutige Wendung).

Außer zwei Hochsitzen für die Gerichtsszene gibt es kein Mobiliar und kaum Requisiten. Szenenwechsel werden von eindringlicher Musik begleitet (viel Johnny Jewel). Das alles schärft den Blick auf die sehr sauber ausgearbeiteten Szenen, in denen ein himmlischer Helfer als Schlüsselfigur agiert. In der LTS-Fassung hat nämlich Kleists Cherub wesentlich mehr Gelegenheit, Käthchen zur Seite zu stehen, als im Ursprungstext, auch weil er Texte gestrichener Figuren übernimmt. So wird Magic Sandro Šutalo in dieser Rolle zum Spielmacher, der immer einen Zaubertrick auf Lager und überall die Finger drin hat. Und steter Begleiter vieler fantastischer Momente mit einem großartig aufspielenden Ensemble ist. Langer Applaus. Für alle.

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