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Landestheater Schwaben

03.11.2019

Kathrin Mädler zeigt mit "Der Reisende" ein Stück zur rechten Zeit

Klaus Phillip spiel in „Der Reisende“ die Hauptfigur Otto Silbermann.
Bild: Monika Forster/LTS

Plus Die Memminger Erstaufführung von "Der Reisende" ist in der Zeit von rechtsradikaler Bedrohung der Demokratie aktueller denn je.

"Was bin ich eigentlich? Ein Schimpfwort auf zwei Beinen, dem man es nicht ansieht, dass es ein Schimpfwort ist!" Otto Silbermann ist ein jüdischer Kaufmann, der durch den nationalsozialistischen Terror seine Firma, sein Zuhause und seine Familie verliert und orientierungslos mit dem Zug durch Deutschland reist.

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"Der Reisende" erzählt von nationalsozialistischem Terror und Flucht

In dem erstmals 1939 in England veröffentlichten Roman "The Man Who Took Trains" beschreibt Ulrich Alexander Boschwitz mit der Figur des Otto Silbermann eindringlich, was es heißt, alles zu verlieren, auf der Flucht und in ständiger Erwartung von Verrat, Verhaftung, Gewalt oder Tod zu sein. Der Verleger Peter Graf hat den Roman wiederentdeckt und 2018 unter dem Titel "Der Reisende" in Deutschland herausgebracht. Wie erschreckend aktuell er ist, zeigt das Landestheater Schwaben in Memmingen in einer packenden Bühnenfassung.

Es ist ein Stück zur sprichwörtlich rechten Zeit, in der hierzulande Rechtsradikale und Rechtsextreme den gesellschaftlichen Frieden, die Demokratie und den Rechtsstaat bedrohen. So hat Intendantin Kathrin Mädler, zugleich Regisseurin des "Reisenden", ein politisch-kämpferisches Spielzeitmotto ausgegeben: "Es kommt darauf an". Im Klartext: In Zeiten wie diesen ist es wichtig, politisch Haltung zu zeigen, dem rechten Terror die Stirn zu bieten, zusammenzustehen und dem braunen Sumpf Einhalt zu gebieten.

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Braun und trist ist die Welt, in der Otto Silbermann lebt: Braun sind Schuhe, Strümpfe, Hosen, Jacken, Kleider, Röcke, Krawatten. Die Menschen tragen ihren Scheitel links, haben sich ihr strohblondes Haar streng nach rechts gekämmt. Nicht auffallen, nicht jüdisch aussehen, lautet 1938 die Devise nach den Novemberpogromen. "Das deutsche Volk wird mit Judenblut zusammengeklebt", sagt Findler, ein Arier, der die Notlage Silbermanns ausnützt und sich dessen Haus unter den Nagel reißt.

Stetig bläht sich das Monster: Otto Silbermann (Klaus Philipp, links) findet keinen Ausweg. 
Bild: Monika Forster/LTS

Wie Silbermann seine Identität, Menschenwürde und seinen Verstand verliert, geht unter die Haut

Dramaturgin Anne Verena Freybott hat den Roman klug bearbeitet. Sie kombiniert Dialoge mit Erzählpassagen, nahtlos geht es oft vom Ich zum Er. Klaus Philipp überzeugt als biederer Kaufmann, der zu einer abenteuerlichen Reise gezwungen wird und staunend die Auflösung seiner Existenz beobachtet. Sein arischer Freund und Geschäftspartner entpuppt sich als Lump, sein in Paris lebender Sohn als Enttäuschung. Selbst der Schwager, zu dem seine Frau floh, weist ihn ab: "Du kompromittierst uns! Elfriede kann bleiben. Schließlich ist sie meine Schwester, aber du …" Solche Worte treffen wie Giftpfeile. Mühelos und virtuos schlüpfen die anderen fünf Darsteller in diverse Rollen, fungieren als Erzähler und Chor.

Wie Silbermann seine Identität, Menschenwürde und seinen Verstand verliert, geht unter die Haut. Geradezu Sensationelles bietet dabei die Kostüm- und Bühnenbildnerin Mareike Delaquis-Porschka: Der Bühnenboden ist zunächst ausgelegt mit Ballonstoff. Im Laufe der zweistündigen Inszenierung (ohne Pause) bläht er sich auf. Irgendwann waten die Menschen durch aufgeblasene Schläuche und verstecken sich auch dahinter. Ganz am Ende der Transformation füllt eine riesige sitzende Bestie – irgendwo zwischen deutschem Schäferhund und Wolf – die Bühne aus und fletscht die Zähne. Gleichgültigkeit und Mutlosigkeit, Egoismus und Gier haben sie groß und fett werden – und Otto Silbermann verschwinden lassen.

Service: Weitere Termine in Memmingen wieder am 23. November, 7., 8. und 16. Januar; Gastspiel in Landsberg am 9. November.

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