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Kino-Kritik
17.11.2021

Verbrechen Homosexualität: Franz Rogowski ist herausragend in "Große Freiheit"

Franz Rogowski (rechts) als Hans und Thomas Prenn als Oskar in einer Szene des Films "Große Freiheit".
Foto: dpa

Hans wird in Sebastian Meises "Große Freiheit" Jahre lang verachtet und verfolgt, weil er homosexuell ist. Trotzdem gibt er seine Sehnsucht nach Liebe, Sex und Zärtlichkeit nie auf.

Die Aufnahmen einer Super-8-Kamera rattern tonlos über die Leinwand. Zwei Männer sind hier auf einer öffentlichen Toilette zu sehen, die nacheinander in derselben Kabine verschwinden. Die mit versteckter Kamera aufgenommenen Bilder dienen in der Bundesrepublik des Jahres 1968 der Beweissicherung in einem Gerichtsprozess. Auf der Anklagebank sitzt Hans (Franz Rogowski) Und das vermeintliche Verbrechen, das ihm zur Last gelegt wird, nennt sich Homosexualität.

"Große Freiheit" beschäftigt sich mit dem Schicksal von Homosexuellen in der Nachkriegszeit

Hans liebt Männer. Das war schon immer so. Und schon immer wurde er deswegen verfolgt. Der berüchtigte Paragraph 175 wurde 1872 in die deutsche Verfassung aufgenommen und erst 1992 aus dem Grundgesetz gestrichen. Über hundert Jahre wurden Schwule und Lesben durch verschiedene Gesellschaftssysteme hindurch allein wegen ihrer sexuellen Präferenz verfolgt, eingesperrt und im Dritten Reich in den Konzentrationslagern ermordet. Auch Hans trägt eine KZ-Nummer am Unterarm. Er hat die Grauen des Holocaust überlebt. Als die Alliierten 1945 die Lager befreiten, wurde er, wie die meisten schwulen Häftlinge, nicht freigelassen, sondern aus dem KZ direkt ins Gefängnis deportiert, wo er seine Reststrafe abbüßen musste.

Fast schon beiläufig verweist Sebastian Meises „Große Freiheit“ auf diese verdrängte Ungeheuerlichkeit der westdeutschen Nachkriegsgeschichte. Denn dies ist nur eine von vielen Stationen im Leben von Hans, das von der Kontinuität der Schwulenverfolgung in Deutschland geprägt ist. 1945, 1956 und 1968 landet er immer wieder für mehrere Jahre im Gefängnis und verbringt den Großteil seines Lebens hinter Gittern. „§ 175“ steht in gut lesbaren Lettern neben der Zellentür, so dass alle im Gefängnis genau Bescheid wissen.

Immer wieder landet Hans im wegen seiner Sexualität im Gefängnis

Als Hans 1945 zu Viktor (Georg Friedrich) in die Zelle kommt, will der ihn am liebsten gleich wieder raus schmeißen. Erst als er die Nummer am Unterarm sieht, wird sein Mitgefühl geweckt. Viktor sticht seinem Zellenkumpanen mit einer großflächigen Tätowierung die Nummer weg. Das ist der Beginn einer über Jahrzehnte währenden Freundschaft. Während Viktor als verurteilter Mörder nie das Gefängnis verlassen kann, ist Hans, nachdem er seine mehrjährige Strafe abgesessen hat, immer wieder für kurze Zeit frei, bis er erneut erwischt, verhaftet und verurteilt wird. Innerhalb der Gefängnismauern sucht und findet er kurze Momente der Liebe. Wenn die Männer sich dem nächtlichen Appell verweigern, müssen sie zur Strafe in der Kälte auf dem Gefängnishof übernachten. Aber gerade diese Disziplinarprozedur ermöglicht es Hans sich mit seinem Geliebten zu treffen. Später vertieft sich die Freundschaft zu Viktor, dem er beim Drogenentzug auf der Zelle zur Seite steht.

Regisseur Meise verschachtelt die Zeit- und Erzählebenen ineinander. Oftmals kann man nur an den verschiedenen Haar- und Bartmoden erkennen, in welchem Jahrzehnt sich die Filmhandlung befindet. Die Pritschen, die graue Gefängniskleidung, die vollkommen verdunkelten Isolationsbunker, in die Hans immer wieder zur Strafe für mehrere Tage eingesperrt wird, und der Paragraph an der Zellentür sind immer wieder dieselben. Franz Rogowski liefert eine herausragende Vorstellung in der Rolle des schwulen Mannes, der stets ein Verfolgter bleibt und dennoch die Sehnsucht nach Zärtlichkeit, Sex und großer Liebe nie aufgibt.

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