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Kinostart

29.08.2019

Kritik: Wie gut ist "Late Night" mit Emma Thompson?

Die Rolle der Katherine Newbury ist Emma Thompson in "Late-Night" wie auf den Leib geschneidert.
Bild: 2018 Concorde Filmverleih Gmbh (Archiv)

Emma Thompson spielt in "Late Night" eine TV-Moderatorin mit sinkender Zuschauer-Quote. Sie benötigt treffsichere Witze – und auch eine Quotenfrau.

Seit 28 Jahren moderiert Katherine Newbury (Emma Thompson) die „Tonight Show“. Ihre hohen Qualitätsansprüche haben sie zu einer Institution in der amerikanischen TV-Landschaft werden lassen. Ihren Mitmenschen begegnet sie mit zünftiger Grundarroganz. Die Namen der Autoren, die sich zwei Etagen tiefer Pointen für ihre Moderationen einfallen lassen, hat sie sich nie gemerkt. Der Einfachheit halber werden die Herren nach ihrer Sitzordnung durchnummeriert. Doch dann beginnt Katherines Thron zu wanken: Die neusten Umfragewerte zeigen, dass ihre Show gerade in der jüngeren Zuschauergeneration an Popularität verliert.

Ein Nachfolger mit weniger Angst vor Oberflächlichkeiten steht schon in den Startlöchern. Im Übrigen wundert sich die Presse, dass sich im Me-Too-Zeitalter keine einzige Frau in ihrem Autorenteam befindet. Auch wenn Katherine sich im männerdominierten Talk-Show-Geschäft allein nach oben kämpfen musste, hat sie mit Feminismus und Frauensolidarität nichts am Hut. Widerwillig ordnet sie an, die erstbeste Bewerberin als Quotenfrau anzuheuern.

Komödiantisch bespielt "Late-Night" das Feld der Gender-Konflikte

Das Los fällt auf Molly Patel (Mindy Kaling). Die hat bisher als Qualitätskontrolleurin in einer Chemiefabrik gearbeitet und mit dem Medienzirkus nichts zu tun. Aber Molly besitzt etwas, das Katherine längst abhandengekommen ist: Einen unverbrauchten Enthusiasmus und eine Art von Liebe für das Medium Fernsehen, wie man sie bei Digital Natives nur noch selten findet. Freilich: Die Männer im Autorenraum zeigen sich wenig begeistert von der neuen Kollegin. Zwar sind sie es gewohnt, ihrer Herrin als Wort- und Witzschmiede-Sklaven zu dienen, aber auch dieses Habitat will verteidigt werden.

Mit feinem, komödiantischem Gespür erforscht Nisha Ganatras „Late Night“ die Strukturen der Männerkumpanei in diesem kreativen Soziotop. Gut geölt und gleichzeitig eingestaubt wirken hier die maskulinen Kommunikationsformen.

Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin Mindy Karling weiß, wovon sie schreibt: 2004 stieß sie als einzige Frau zum Autorenteam der TV-Serie „The Office“. Hin- und hergerissen sind die cleveren Pointenschreiber zwischen tiefer Verunsicherung und plumper Privilegien-Verteidigung. Damit eröffnet sich ein weites komödiantisches Feld von Gender-Konflikten, das „Late Night“ genussvoll aberntet.

Aber Regisseurin Nisha Ganatra und Karling sind klug genug, sich nicht auf die klassische Geschlechterkonfrontation allein zu verlassen. Privilegien verteidigen ist hier nicht nur Männersache. Auch Katherine hat sich als beinharte Karrierefrau eine Position erarbeitet, die sie nicht aufgeben will.

Emma Thompsons Rolle in "Late Night" ist ihr auf den Leib geschneidert

Dass sich die beiden eigensinnigen Frauen schlussendlich miteinander verbünden, ist sicherlich vorhersehbar. Aber der Weg zum Ziel wurde hier mit großer Lust an treffsicheren Pointen und unkonventionellen Plotwendungen verlegt. Karling hat ihrer Kollegin Emma Thompson die Rolle der TV-Diva eng auf den Leib geschneidert.

Unübersehbar ist die hartgesottene Katherine eine Seelenverwandte von Meryl Streeps Miranda in „Der Teufel trägt Prada“. Mit sichtbarem Genuss wirft sich Thompson in die Rolle der mit allen Wassern gewaschenen Talk-Show-Moderatorin und liefert die messerscharfen Pointen mit präzisem Timing. Aber vor allem zahlt sich ihre Besetzung in den dramatischeren Szenen aus, in denen Thompson ihre Figur in die Krise führt, ohne deren innere Qualitäten zu verraten.

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