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Jahresrückblick

24.12.2017

Kultur in einer Welt des Aufruhrs

Hamburgs neues Wahrzeichen: die Elbphilharmonie. Foto: Axel Heimken
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Hamburgs neues Wahrzeichen: die Elbphilharmonie.
Bild: Axel Heimken (dpa)

2017 - ein Jahr voller Konflikte. Auch Kunst und Kultur können sich längst nicht mehr in den Elfenbeinturm zurückziehen.

Die Wahl von US-Präsident Donald Trump, das Erstarken der AfD in Deutschland und die #MeToo-Debatte um sexuelle Belästigung - wohl selten war die Kultur so stark von großen gesellschaftspolitischen Themen bestimmt wie in diesem Jahr.

Keine Preisverleihung, keine Ausstellungseröffnung, die an diesen Aufregern vorbeikam. Dabei hatten Kunst und Literatur, Film und Theater, Musik und Oper auch so schon viel zu bieten. Ein Rückblick:

GÖTTERDÄMMERUNG IN HOLLYWOOD: So etwas hat Hollywood noch nie erlebt: Bei der Oscar-Verleihung wird wegen einer Verwechslung von Briefumschlägen versehentlich das Musical "La La Land" als bester Film ausgerufen - in Wahrheit gewinnt das Drama "Moonlight" des schwarzen Regisseurs Barry Jenkins. Die Deutsche Maren Ade geht mit ihrer Tragikomödie "Toni Erdmann" leer aus. Fürs nächste Jahr gibt es neue Hoffnung: Deutschland schickt Fatih Akins NSU-Drama "Aus dem Nichts" mit Diane Kruger ins Oscar-Rennen. Doch seit die Missbrauchsvorwürfe gegen Hollywood-Mogul Harvey Weinstein eine wahre Skandallawine ausgelöst haben, scheinen selbst die höchsten Filmpreise fast schon Nebensache.

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GOLDREGEN IN EUROPA: Maren Ade wird dafür mit ihrem Publikumsliebling "Toni Erdmann" beim Deutschen Filmpreis mit der Goldenen Lola entschädigt. Diane Kruger erhält in Cannes für Fatih Akins NSU-Thriller schon mal den Preis als beste Hauptdarstellerin. Bei den Filmfestspielen in Venedig und Berlin setzen sich ungewöhnliche Liebesgeschichten durch: Der Goldene Löwe geht am Lido an den mexikanischen Regisseur Guillermo del Toro für sein bildgewaltiges und fantasievolles Märchen "The Shape of Water", die Berlinale zeichnet die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi für die einfühlsame Außenseiterstudie "Körper und Seele" aus. Beim Europäischen Filmpreis triumphiert schließlich die schwedische Satire "The Square" von Ruben Östlund mit sechs Preisen, darunter als bester europäischer Film des Jahres.

KUNST DER SUPERLATIVE: Mit documenta, Biennale Venedig, Skulptur Projekte Münster und Art Basel jagt in der Kunst ein Mega-Event das andere. Die documenta, die weltweit wichtigste Schau für zeitgenössische Kunst in Kassel, sorgt in ihrer 14. Auflage vor allem für Negativschlagzeilen. Es hagelt Kritik am künstlerischen Konzept von Kurator Adam Szymczyk, am Schluss bleibt ein Finanzloch von voraussichtlich 5,4 Millionen Euro - vor allem wegen des zweiten Standbeins in Athen. Doppelter Triumph dagegen bei der Biennale in Venedig: Die Frankfurter Künstlerin Anne Imhof bekommt für die Gestaltung des deutschen Pavillons den Goldenen Löwen, der Konzeptkünstler Franz Erhard Walther aus Fulda wird als bester Künstler geehrt.

REKORD ALLER REKORDE: 450 Millionen Dollar (etwa 380 Millionen Euro) werden beim New Yorker Auktionshaus Christie's auf den Tisch gelegt - damit ist Leonardo da Vincis Ölgemälde "Salvator Mundi" das bisher teuerste je versteigerte Kunstwerk. Als Käufer wird von Christie' s später das Kulturministerium von Abu Dhabi genannt - das Bild soll im neuen Louvre Abu Dhabi gezeigt werden. Zur Verrücktheit der Kunstwelt passt, dass auch Rankings immer wichtiger werden - sozusagen als Kursbarometer für Kunstinvestoren. Wahlweise liegen dieses Jahr Biennale-Star Anne Imhof und die deutsch-japanische Politkünstlerin Hito Steyerl vorn.

SENSATIÖNCHEN STATT SENSATION. Die wohl spektakulärste Kunstausstellung des Jahres ist die Doppelschau "Bestandsaufnahme Gurlitt". Das Kunstmuseum Bern und die Bundeskunsthalle Bonn zeigen rund 400 Werke aus dem Bestand von Hildebrand Gurlitt (1895-1956), einem der Kunsthändler Adolf Hitlers. Der Fund des mutmaßlich milliardenschweren "Kunstschatzes der Nazis" in der Münchner Wohnung von Gurlitts Sohn Cornelius galt 2013 international als Sensation. Bisher konnten allerdings erst sechs der insgesamt rund 1500 Werke klar als NS-Raubkunst identifiziert werden.

THEATERDONNER AUF OFFENER BÜHNE: In der Theaterszene sorgen Wachwechsel für massive Verwerfungen. An der traditionsreichen Berliner Volksbühne liefert sich der scheidende Platzhirsch Frank Castorf mit seinem Nachfolger Chris Dercon einen monatelangen Stellungskrieg. Seine Anhänger fürchten, der Neue könne die stramm politische Bühne in eine "Eventbude" verwandeln. Am Schluss wird das Haus sogar tagelang besetzt. Am einstigen Brecht-Theater, dem Berliner Ensemble, macht der langjährige Patriarch Claus Peymann es seinem Nachfolger Oliver Reese erklärtermaßen "so schwer wie möglich". Und in Wien kündigt der ab 2019 berufene Burgtheater-Direktor Martin Kusej an: "Ich schütte da sicher mal die Hälfte oder zwei Drittel von diesem Suppentopf aus."

ENDE GUT ALLES GUT? Gelungene Premieren gibt's dagegen in der Architektur. Als "Jahrhundertwerk" und "Klangwunder" wird die neue Elbphilharmonie in Hamburg bei ihrer Eröffnung gefeiert - die zehnjährige Bauzeit und die Kostensteigerung von 77 auf 789 Millionen Euro sind da schon fast vergessen. Von 2019 an soll US-Stardirigent Alan Gilbert nun auch das zugehörige NDR Orchester in die Spitzenliga führen. Die Berliner Staatsoper Unter den Linden kann mit ihrem Chef Daniel Barenboim ebenfalls glanzvoll Wiedereröffnung feiern - 7 statt 3 Jahre Bauzeit, 400 statt 240 Millionen Euro. Keine Angaben zu den Kosten gibt es für das Museum Barberini, das sich der Kunstmäzen und Software-Milliardär Hasso Plattner zum 73. Geburtstag schenkt - ein neuer Publikumsmagnet in Potsdams Mitte.

PREISSEGEN FÜR GUTE WORTE: Für Überraschung sorgt erneut die Vergabe des Literaturnobelpreises: Der britische Schriftsteller Kazuo Ishiguro wird für seine "Romane von starker emotionaler Kraft" geehrt. US-Songpoet Bob Dylan, im vergangenen Jahr gekürt, hat sich derweil seine Trophäe heimlich abgeholt. Der Georg-Büchner-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland, geht an den Lyriker Jan Wagner für seine "poetische Sprachkunst". Vor der Frankfurter Buchmesse wird der österreichische Schriftsteller Robert Menasse für seinen Europa-Roman "Die Hauptstadt" mit dem Deutschen Buchpreis geehrt. Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für "Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz" in ihrem gesamten Schaffen.

HAST DU TÖNE? In der Musik gibt es ein Wiedersehen mit vielen bekannten Gesichtern. Frank Castorf beschließt mit der fünften und letzten Auflage seiner umstrittenen Mammutinszenierung "Ring des Nibelungen" in Bayreuth eine skandalarme Saison. Star-Tenor Jonas Kaufmann gewinnt zum achten Mal den Echo Klassik. In Hollywood holt Opernsängerin Dorothea Röschmann mit ihrem Klassik-Album "Schumann & Berg" einen Grammy. Und Schlagerkönigin Helene Fischer, deren nach ihr benannte Platte sich im Mai schon in der ersten Woche 300 000 Mal verkauft, geht inzwischen sogar als Zirkusartistin auf Tour. Auch die Rolling Stones und Udo Lindenberg, Sting und Depeche Mode sind wieder unterwegs. Bei Aerosmith und Deep Purple ist es erklärtermaßen die Abschiedstournee. 

KUNSTFREIHEIT ADE: Mit Macht wird auch die Musik von der Politik eingeholt. Die Oper Stuttgart muss bei der ersten Premiere der Spielzeit mit "Hänsel und Gretel" ohne Regisseur Kirill Serebrennikow auskommen. Der russische Kultregisseur wird von der Justiz seit Monaten im Hausarrest in Moskau gehalten. Sein Schicksal steht für die prekäre Situation, in der sich viele Künstler in Russland, vor allem aber auch in der Türkei befinden. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International sind unter Erdogan so viele Medienschaffende im Gefängnis wie in keinem anderen Land.

ABSCHIED UND TRAUER: Der Tod von Kameramann Michael Ballhaus mit 81 Jahren in Berlin löst weltweit tiefe Betroffenheit aus. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigt den Schöpfer von Meisterwerken wie "Gangs of New York" als "einen der größten Kameramänner der Filmgeschichte". Trauer auch beim Tod von Filmlegende Jeanne Moreau (89), "Bond"-Darsteller Roger Moore (89), "Bond-Girl" Karin Dor (79), "Rosen-Resli" Christine Kaufmann (72) und US-Komiker Jerry Lewis (91). Die Musikwelt verliert mit Rock'n'Roll-Legende Fats Domino (89), Jazz-Sänger Al Jarreau (76), Soul-Diva Joy Fleming (72), Country-Sänger Gunter Gabriel (75) und AC/DC-Mitbegründer Malcolm Young (64) ebenfalls prägende Stimmen. Auch der Dramatiker Tankred Dorst (91), Autor Peter Härtling (83) und Künstler Arno Rink (76) sterben.

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