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Bild: Alexander Kluge, SWR
Bild: Alexander Kluge, SWR

Es gibt Szenen in „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“, in denen man zwei Mal hinschauen muss: Das ist ein Szenenbild mit dem Schauspieler Lars Eidinger.

Interview
12.09.2018

Lars Eidinger: "Für mich ist Brecht ein Held"

Von Richard Mayr

Exklusiv Der Schauspieler stellt im Film "Mackie Messer" den berühmten Dramatiker dar. Dabei hat er erkannt: Über Brecht ist ein großes Missverständnis im Umlauf.

Herr Eidinger, macht es Ihnen gerade Spaß, so viele Interviews zum neuen Film "Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm" zu geben?

Eidinger: Ja, ist doch toll, vor allem wenn ich merke, dass man bei diesem Film schnell beim Inhalt ist und nicht darüber redet, wie ich so viel Text auswendig lernen konnte.

Sie spielen im Film Bertolt Brecht und sprechen nur in Originalzitaten. Sind Sie Brecht dadurch neu begegnet?

Eidinger: Absolut. Dadurch, aber auch generell in der Auseinandersetzung für und mit dem Film. Eine der größten Qualitäten des Films ist es, dass man Brecht so verdichtet aufbereitet bekommt. Am Ende meint man zu wissen, worum es Brecht gegangen ist. Das beeindruckt mich. Obwohl ich schon viel über Brecht wusste, war ich trotzdem überrascht, wie viel von dem, an dem man sich heute abarbeitet, Brecht vorweggenommen hat.

Brecht wird im Film nicht nur als Künstler, sondern auch inmitten seines Freundeskreises und seiner Frauen gezeigt. Haben Sie Brecht auch als Menschen entdeckt?

Eidinger: Weniger. Da war er verstrickt, auch mit seinen Frauengeschichten. Ich glaube nicht, dass er da Vorbildcharakter hat. Seine Widersprüchlichkeit hat mich dann aber doch auch beeindruckt, wenn ich ehrlich bin. Brecht, der bekanntermaßen Antikapitalist war, macht gleichzeitig Werbung für große Autofirmen. Zu erkennen, dass das Fehlerhafte und Widersprüchliche ihn geradezu ausmacht, hat mir imponiert. Und dann hatte Brecht einen sehr liebevollen Blick auf den Menschen. Was sich auch in seinen Stoffen und Figuren widerspiegelt – ob nun bei Polly, Peachum oder Macheath. Bisher dachte ich immer, dass Menschen wie Bertolt Brecht eher zynisch werden, weil sie den Menschen durchschauen.

Sie haben am Ende bei Brecht eine Liebe zu den Menschen entdeckt?

Eidinger: Eines seiner Ideale war die Freundlichkeit, was mich überrascht hat. Man würde bei ihm ja eher vermuten, dass er provozieren, aufrütteln, verstören wollte – nein, stattdessen appelliert er an die Freundlichkeit. Dies ist uns heutzutage verloren gegangen. Ein Satz wie "Der ist nett" ist ja mittlerweile eher negativ konnotiert.

Eidingers Lieblingszitat: "Die Widersprüche sind die Hoffnungen"

Haben Sie ein persönliches Lieblings-Brechtzitat?

Eidinger: Mein Lieblingszitat ist "Die Widersprüche sind die Hoffnungen". Das war schon vor "Mackie Messer" ein Credo von mir, ein Schlüssel zu einem Kosmos. Vorher dachte ich, dass der Widerspruch das Ende eines Gedankens ist. Mittlerweile verstehe ich, dass der Widerspruch der Anfang ist, weil er neue Räume aufmacht. Da ist Brecht übrigens Shakespeare sehr ähnlich. Über den Widerspruch wird eine Form von Reibung entfacht, die Energie freisetzt, von der man als Künstler profitieren kann.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Eidinger: Bei Shakespeare heißt es etwa "loving hate" – so etwas findet man bei Brecht auch häufig. Das Stilmittel des Oxymorons. Brecht sagt, dass sich die Kunst nicht an der Realität orientieren muss, dass man auch zwei Monde haben kann, und gleichzeitig sagt er: Die Kunst folgt der Wirklichkeit. Das widerspricht sich. Genau diese Widersprüchlichkeit finde ich das Interessanteste an ihm. Es ist ein großes Missverständnis, wenn Brecht als engstirniger Dogmatiker wahrgenommen wird. Für mich ist er ein Held, jemand, zu dem ich aufschaue, ein Idol. Wenn man sich wirklich die Mühe machen würde, zuzuhören, was Brecht zu sagen hat, würde die Menschheit einen guten Schritt weiterkommen.

Dann würden politische Diskussionen anders geführt, nicht mehr im Modus der Ausschließlichkeit.

Eidinger: Das glaube ich unbedingt.

Sie hatten im Film Brechts Perspektive eingenommen. Wenn Sie sich als Schauspieler vorstellen, mit Brecht als Regisseur zusammenzuarbeiten, würde das funktionieren?

Eidinger: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass man sich mit ihm gut streiten konnte – was positiv gemeint ist. Ich habe im Theater mit Thomas Ostermeier, dem Regisseur, der meine großen Erfolgsstücke an der Schaubühne inszeniert hat, die Erfahrung gemacht, dass wir uns oft reiben. Wir sind nicht immer einer Meinung und genau das ist der produktive Moment. Was auf der Bühne am Ende steht, ist weder seinem noch meinem Geist entsprungen, sondern entstammt der Auseinandersetzung. Ich glaube, das wäre bei mir und Brecht nicht anders gewesen.

Dann wäre das Potenzial da gewesen, dass etwas entsteht?

Eidinger: Genau. Mich würde auch interessieren, wie er mich sieht, wie ich ihn spiele. Vielleicht würde er, wenn er unseren Film sieht, das alles ganz schlimm finden.

Was in der langen Liste der Stücke, an denen Sie mitgewirkt haben, auffällt, ist, dass dort kein Brecht aufgeführt wird. Stimmt das?

Eidinger: Leider, ich versuche Thomas Ostermeier schon lange zu überreden, weil ich unbedingt einmal Macheath sein will.

Und dann spielt im Film Tobias Moretti Macheath.

Eidinger: Gemein, oder?

Stattdessen haben Sie sich vor dem Film mit dem Augsburger Dialekt auseinandergesetzt.

Eidinger: Ja, aber ich wollte nie Augsburger Dialekt sprechen. Es ging um Nuancen, etwa "r", aber auch das habe ich schnell verworfen. Ich setze mich dann ja jemandem wie Ihnen aus, der aus Augsburg kommt, mich hört und sich denkt, das glaube ich ihm nicht. Und darum geht es ja auch nicht. Das war im Grund schon durch die Besetzung klar. Ich bin anderthalb Köpfe größer als Brecht und sehe ihm kaum ähnlich. Ich finde es eher verblüffend, dass es im Film Momente gibt, in denen eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihm und mir entsteht.

"Ich bin in Sorge, dass die Sucht wiederkommt"

Die Momente gibt es tatsächlich! Und jetzt noch zu den Zigarren, mit denen Sie ständig im Film zu sehen sind, haben Sie die danach wieder weggelegt?

Eidinger: Zum Glück. Da hatte ich große Angst davor. Ich hatte mich sehr gequält, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich bin jetzt seit bestimmt acht Jahren trockener Raucher, aber die Sorge, dass diese Sucht wiederkommt, ist groß. Deshalb habe ich gefragt, ob es nicht entsprechend zu den Kräuterzigaretten, die oft bei Dreharbeiten geraucht werden, Kräuterzigarren gibt. Gefunden wurden sie in den USA, die mussten dann immer eingeflogen werden – für viel Geld. Eine Zigarre kostet 20 Euro. Am Anfang waren 30 Zigarren geplant. Ich habe gesagt, dass ich nicht glaube, dass wir damit für den ganzen Film hinkommen. Am Ende waren es zehn Zigarren am Tag. Das ist natürlich ein nicht unerheblicher Posten im Budget.

Zum Schluss einmal den Blick zurück: Vergangenes Jahr ist ihr Film "Mathilde" ins Kino gekommen, in dem Sie den Zaren Nikolaus spielen. Im Anschluss gab es in Russland einen Skandal, Sie sind von einer Duma-Abgeordneten als schwuler satanistischer Pornodarsteller beschimpft worden – können Sie mit Abstand jetzt darüber lachen?

Eidinger: Zu lachen war damals schon der erste Impuls. Dann habe ich gemerkt, wie ernst es ihnen damit ist. Jetzt habe ich zwar wieder die Angst verloren, allerdings habe ich mich die letzten Tage mit einem Theatermacher aus Moskau unterhalten, der meint, dass die Situation nach wie vor angespannt ist. Es gibt da nichts zu lachen. Der russische Staat ist hochgradig korrupt. Jeder, der im Staat agiert, ob er will oder nicht, macht sich dadurch im Grund angreifbar und gerät in eine Abhängigkeit. Ich kenne viele Leute, die auf der Anklagebank sitzen. Der Regisseur von "Mathilde" steht nach wie vor in der Kritik. Das ist für die Betreffenden nicht einfach. Nur die Duma-Abgeordnete, die ist nicht mehr in der Duma, wie ich jetzt gelesen habe.

Lars Eidinger, 1976 in Berlin geboren, gehört zu den herausragenden Schauspielern seiner Generation. Als Ensemblemitglied der Berliner Schaubühne hat er vor allem als Hamlet und als Richard III. nicht nur deutschlandweit, sondern international für Furore gesorgt. Als Filmschauspieler gelang ihm in Maren Ades Berlinale-Beitrag "Alle anderen" der Durchbruch, in dem er mit Birgit Minichmayr ein junges Paar spielt, dessen Beziehung auf die Probe gestellt wird. Es folgten viele weitere Film- und TV-Rollen. Eidinger tritt aber auch als Musiker auf. 1998 hat er eine EP mit dem Titel "I’ll break ya legg" veröffentlicht. Eidinger ist mit der Opernsängerin Ulrike Eidinger verheiratet und Vater einer Tochter. Die Familie lebt in Berlin-Charlottenburg.

In der Kinoproduktion "Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm" spielt Eidinger den Dramatiker Bertolt Brecht. Sein kompletter Text besteht dabei aus Brecht-Zitaten. Für das Drehbuch und die Regie ist der Fernsehredakteur Joachim Lang verantwortlich, der sieben Jahre lang künstlerischer Leiter des Brechtfestivals in Augsburg war. Der 135 Minuten lange und hochkarätig besetzte Film über Brechts Dreigroschenoper kommt am Donnerstag, 13. September, in die deutschen Kinos.

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