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Stille erzeugen

06.12.2014

Leiser als leise

Das große Tonstudio der Bauer Studios in Ludwigsburg liegt hinter der Glasscheibe. Vorne sieht man das mächtige Regiepult.
Bild: Tonstudio Bauer

Im ältesten Tonstudio der Republik wird seit 1949 Musik produziert. Aber auch: Stille. Warum Ruhe nicht gleich Ruhe ist - und wir ohne Schall verrückt würden.

Lärm macht krank, Lärm nervt, und es gibt immer mehr davon, Lärm überall. Das ist nicht nur ein ungefähres Gefühl. Der Autor Rüdiger Liedtke hat bereits vor zehn Jahren in einem Buch die "Vertreibung der Stille" beklagt und Beispiele angeführt, die belegen, dass unser Alltag immer lauter wird: Sirenen, die so viel Krach machen wie ein startender Düsenjäger. Brummende Klimaanlagen. Permanente Berieselung mit Musik: im Supermarkt, beim Arzt, im Büro. "Musik und Geräusch begleiten uns tagein, tagaus", schrieb Liedtke.

Musik und Geräusch begleiten auch Johannes Wohlleben tagein, tagaus, aber er würde es gar nicht anders wollen. Wohlleben ist Tonmeister von Beruf, seit fast 30 Jahren schon arbeitet er für die Bauer Studios in Ludwigsburg, das älteste private Tonstudio in ganz Deutschland. Wohlleben hat mit Größen wie dem Jazz-Trompeter James Morrison und dem Komponisten Mikis Theodorakis zusammengearbeitet und ist in der Branche eine Institution. Zu seinem Job gehört es, die Tonqualität bei Aufnahmen zu kontrollieren, er mischt sie ab und bearbeitet sie nach, er perfektioniert den Klang. Sein Beruf dreht sich um Musik, um Geräusche. Und um Stille. Das gilt schon für seinen Arbeitsplatz. Tonstudios sind verdammt ruhige Orte, wenn hier nicht gerade die Musik spielt, und das große Tonstudio in Ludwigsburg ist da keine Ausnahme.

Den Regieraum dominiert ein beeindruckendes Pult mit einer unübersichtlichen Anzahl an Knöpfen und Reglern, im Studio selbst stehen Mikrofone, ein Flügel und verschiebbare Wände, die Schall speziell absorbieren oder reflektieren, je nach Bedarf. Das alles sind Anzeichen dafür, dass es hier auch sehr laut werden kann, aber in diesem Moment ist es sehr still: kein Straßenlärm von außen dringt herein, keine Gespräche, kein Garnichts. Was natürlich Sinn ergibt. Man stelle sich vor, Vogelgezwitscher oder Autohupen würden die Konzentration der Musiker stören oder gar mit aufgenommen werden und müssten im Nachhinein aufwendig rausgefiltert werden. Eva Bauer-Opelland, die Geschäftsleiterin der Bauer Studios, sagt zwar, dass man für absolute Stille vermutlich auf einen Berg in Island steigen müsse. Aber das stimmt wohl nicht. Auf Gipfeln stürmt es. Im Studio ist es windstill.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich auch Künstler mit der speziellen Stille eines Tonstudios befasst haben. Eine CD des verstorbenen kanadischen Pianist Glenn Gould trägt den Titel "The quiet in the studio", auch wenn die Aufnahme genau genommen nicht still ist, sondern voller Mozartstücke und Interviews mit Gould. Der Künstler Dave Allen war da konsequenter: Für das Klangkunstprojekt "Silent Recordings" nahm er 26 Minuten lang die Stille in den verlassenen Berliner Hansa-Tonstudios auf.

Von Kurt Tucholsky stammt der Satz, dass es vielerlei Lärm gebe, aber nur eine Stille. Und damit irrte er sich. Man muss sich nur mal die Gedichte anschauen, die es zu den unterschiedlichsten Stillen gibt, etwa zur Meeresstille (Eichendorff), zur Windstille (Arnfrid Astel) und zur Bergesstille (Goethe, Wandrers Nachtlied). Und eine Tonstudiostille, die gibt es eben auch.

Elektronen, die rumsausen, machen auch Geräusche

Zumal Stille hier noch eine weitere Rolle spielt. Tonmeister wie Wohlleben kümmern sich an ihrem Arbeitsplatz nicht nur darum, dass der Klang einer Aufnahme möglichst gut ist. Sie kümmern sich auch darum, dass es dort still ist, wo es still sein soll. Dass manche Geräusche gar nicht erst auf die Aufnahme kommen. Das gilt vor allem fürs Rauschen. Wohlleben sinkt in einen Stuhl im Aufenthaltsraum des Tonstudios und erzählt, was es damit auf sich hat. "Wenn ein Musiker etwas aufnimmt, rauschen alle Glieder der Übertragungskette", sagt er. Das Mikrofon etwa, aber auch das Tonstudio selbst. Es habe ein minimales Eigengeräusch. Wohlleben fährt mit dem Finger durch die Luft. "Dort sind permanent Ströme und Spannungen vorhanden", erklärt er. "Elektronen, die rumsausen. Für die Ohren ist das in Aufnahmen manchmal als leises Rauschen hörbar oder auch als Knacken." Und da das gemeinhin als störend empfunden werde, müsse es auf einer Aufnahme minimiert werden, zumal, wenn es an einer Stelle still sein soll. Außer, man wolle das Rauschen bewusst als Ausdruck von Authentizität erhalten. Es aus dem hörbaren Bereich zu entfernen, sei im digitalen Zeitalter mit entsprechender Software kein großes Problem mehr, sagt Wohlleben.

"Der Vorzug von Digitaltechnik ist ja, dass sie in der Übertragungskette für Musik kein eigenes Störgeräusch hinzufügt." Soll heißen: Eine Musikdatei rauscht und knackt nicht von alleine, nur weil sie eine Musikdatei ist. Eine Schallplatte hingegen hat an sich schon ein Eigengeräusch, etwa wenn die Nadel über die Rille fährt. "Selbst wenn auf der Scheibe noch keine Musik drauf ist, knarzt und knackt es gewaltig", sagt Wohlleben. Es habe früher kaum eine Möglichkeit gegeben, das beim Abspielen zu unterdrücken. Bei Kassetten habe man immerhin die Dolby-Taste drücken können. In dem Verfahren wurden leise Töne bei der Aufnahme in einer gewissen Lautstärke angehoben und bei der Wiedergabe um den gleichen Betrag wieder abgesenkt. Das minderte das Rauschen.

Und heute, im Zeitalter der Digitaltechnik? Muss Tonmeister Wohlleben für Aufnahmen manchmal eine besondere Art der Stille herstellen. Denn Stille ist eben nicht gleich Stille. "Nehmen wir zum Beispiel eine Sinfonie mit mehreren Sätzen", sagt Wohlleben, "die Live-Aufnahme eines Konzertes. Zwischen den Sätzen der Sinfonie gibt es kurze Pausen. Was soll man mit denen in der Aufnahme machen?" Man müsse die Pausen für die Hörer irgendwie darstellen, es müsse dort halbwegs still sein, aber die tatsächlichen Pausengeräusche des Konzertes könne man nicht nehmen, da sie eben nicht still und für den Hörgenuss eher hinderlich seien: Stühle- rücken, sich räuspernde Menschen, Getuschel, Husten. "Man kann nun zwischen die einzelnen Sätze Null-Informationen schneiden, ein Nichts", sagt Wohlleben. "Aber wer aufmerksam zuhört, findet das widernatürlich, befremdlich."

Denn nicht nur Lärm, auch absolute Stille zerrt an den Nerven, sie macht krank. Was daran liegt, dass sie in der Natur nirgends vorkommt und man sie nur künstlich erzeugen kann, in schalltoten Räumen etwa. Der leiseste davon steht in Minneapolis im US-Staat Minnesota, er absorbiert 99,99 Prozent aller Geräusche. Seine Wände sind 30 Zentimeter dick, eine Spezialkonstruktion aus Glasfaser, Stahl und Beton. Sie schlucken die Schallwellen. 2004 wurden dort minus neun Dezibel gemessen. Menschen, die einmal in dem schalltoten Raum waren, erzählen, dass er so leise sei, dass sie ihren eigenen Körper plötzlich überdeutlich wahrgenommen hätten. Sie hörten mangels anderer Geräusche ihren Herzschlag oder Darmbewegungen. Nach einer Weile halluzinierten sie. Länger als 45 Minuten hielt es noch keiner aus.

So eine drastische Reaktion hat natürlich niemand, der nur mal in eine Aufnahme einer Sinfonie hineinhört und in der Pause zwischen den Sätzen eine Stille wahrnimmt, die es im Konzertsaal in Wirklichkeit niemals gegeben haben kann. "Aber mit der totalen Stille tut sich der Mensch schwer", sagt Wohlleben. Wer als Tonmeister sorgfältig arbeite, mache stattdessen Folgendes: Er nehme das Geräusch des Konzertsaales auf, bevor ein Mensch ihn betreten hat - und schneide es in die Pausen der Aufnahme. Es ist ebenfalls eine Stille, aber eben keine künstliche, sondern eine natürliche. Ein kaum hörbares Raumgeräusch, dass wir bereits als still empfinden.

Zur Aufnahme von Musik gehört die bewusste Verwendung von Lautstärke

In den beiden Aufnahmeräumen der Bauerstudios kann man zwar keine totale Stille, keinen Schalltod erzeugen. "Aber im Tonstudio und im Regieraum sollte es eigentlich totenstill sein, abgesehen von der Musik, an der man arbeitet", sagt Wohlleben. Eigentlich könnte es ein Sehnsuchtsort für Menschen sein, die nach Ruhe suchen. Wären die Räume nicht so funktional eingerichtet, und würden hier nicht sehr oft Musiker die Stille zerreißen.

Die Bauer Studios produzieren hier in Ludwigsburg vor allem Jazz, Klassik, kubanische Musik, aber auch Blasmusik. Die Art von Musik, bei der es auf Dynamik ankommt, die bewusste Verwendung von Lautstärke. Die gebe es in der Pop-Musik doch fast gar nicht mehr, sagt Wohlleben. Sie sei heute oft ein stets gleich lauter Soundbrei, in der Stille nichts verloren habe. Er sagt es nicht verächtlich, aber auch nicht gerade wohlwollend. Für Lärm ist er der falsche Mann.

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