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27.11.2018

Letzter Tango, letzter Kaiser

Bernardo Bertolucci war der letzte der großen Autorenfilmer des italienischen Nachkriegskinos. Einer seiner Filme wurde zum Skandal – und ist es bis heute

Mit neuen Filmen hat Bernardo Bertolucci in seinen letzten Jahren nicht mehr von sich reden gemacht, wohl jedoch mit einem alten. Mit einer einzigen Szene daraus, um genau zu sein: Jener Sequenz in „Der letzte Tango in Paris“ (1972), in welcher der 47 Jahre alte Marlon Brando der damals 19-jährigen Maria Schneider die Anweisung gibt, Butter aus der Küche zu holen – um die zurückgekommene junge Frau dann anal zu vergewaltigen. Die Szene, beklagte sich Maria Schneider später, sei nicht mit ihr abgesprochen, sei allein zwischen den beiden Männern verabredet gewesen. Und bis heute empören sich viele mit der Schauspielerin über diese Männerkungelei, zuletzt ihre Cousine, die ein Buch über Maria Schneiders Leben veröffentlicht hat.

Tatsache ist, dass die Schauspielerin seit dem „Letzten Tango“ oftmals sehr eindeutige Rollenangebote erhielt und mit Alkohol und Drogen zu kämpfen hatte. Allerdings hat sie selbst bestätigt, dass der Sex im Film kein realer, sondern gespielt gewesen sei. Und Bertolucci bestand später darauf, dass die Szene sehr wohl im Drehbuch gestanden habe und nur die Sache mit der Butter allein zwischen ihm und Brando besprochen gewesen sei. Er habe, rechtfertigte er sich, ihre Reaktion „als Mädchen, nicht als Schauspielerin“ mit der Kamera einfangen wollen.

Der „Letzte Tango“ war ein Skandal, schon als er anfangs noch in zensierter Fassung im Kino lief. Seither war Bertolucci einem größeren Publikum bekannt, und von da an verfügte er über genügend Produzentengeld und die Möglichkeit, mit internationalen Stars zu drehen. Seine nachfolgenden Projekte sind dann auch eine Spur kommerzieller ausgefallen, was viele der Intellektuellen, die bis dahin seine Gefolgschaft bildeten, die Nase rümpfen ließ. Zuvor war Bertolucci einer der ihren, ein Filmemacher, der seine ersten cineastischen Schritte bei einer Galionsfigur des Klassenkampfes unternommen hatte, bei der italienischen Literaten- und Regie-Legende Pier Paolo Pasolini.

Bertolucci hat wiederholt Wandlungen vollzogen. 1941 geboren, wuchs er vor den Toren Parmas in ländlicher Umgebung auf. Wie stark der Gegensatz zum großstädtischen Leben war, erfuhr er, als er als Jugendlicher mit seinen Eltern nach Rom zog. Den Konflikt zwischen bäuerlichem und bürgerlichem Lebensentwurf machte er zum Thema seines Fünfstünders „1900“, in dem Stars wie Burt Lancaster, Robert De Niro und Gérard Dépardieu mitwirkten. Bertolucci selbst wandte sich in den 1960er Jahren dem Marxismus zu, träumte wie jeder Linksorientierte vom gesellschaftlichen Umbruch und gab Jahrzehnte später seinem filmischen Rückblick auf die Pariser 68er-Unruhen doch den bezeichnenden Titel „Die Träumer“.

Wie das Politische sich mit dem Einzelschicksal verschränkt, hat er in seinem erfolgreichsten Film erkundet. „Der letzte Kaiser“ erzählt die Geschichte des letzten Thronfolgers von China, der schon bald abdanken und unter den Kommunisten eine Umerziehung erdulden muss. Bertolucci erhielt eine Drehgenehmigung in Pekings Verbotener Stadt; bei der Oscar-Verleihung 1988 gab es für das bildgewaltige Opus satte neun Auszeichnungen. Nicht weniger wuchtig gelang zwei Jahre später die Verfilmung von Paul Bowles’ Roman „Himmel über der Wüste“, eine verstörend aus der Realität ins Unwirkliche trudelnde Variation der großen Bertolucci-Themen Werden und Vergehen, Liebe und Hass, Sex und Gewalt.

Bernardo Bertolucci war der letzte der großen italienischen Film-Autoren der Nachkriegszeit: Antonioni, Visconti, Fellini, Pasolini. Seine Werke waren komplexe Erzeugnisse, in die Zitate aus anderen Filmen eingeflochten waren, abgelichtete Kunstwerke zusätzliche Beziehungslinien herstellten und der Tonspur keineswegs nur eine begleitende Funktion zukam. Damit seine Filme trotzdem nicht gedankenüberfrachtet wirkten, animierte er seine Schauspieler zur Improvisation, zur Aktion aus dem Moment heraus – wobei er, siehe den „Letzten Tango“, einmal zu weit gegangen ist. Am Montag ist Bernardo Bertolucci, der zuletzt im Rollstuhl saß, im Alter von 77 Jahren in Rom gestorben.

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