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Literatur
06.09.2021

Michael Köhlmeier: Ein doppelt fabelhafter Erzähler

Michael Köhlmeier schafft mit Matou einen beispiellosen und unnachahmbaren Roman.
Foto: Anja Köhler/bregenzer Festspiel (Archiv)

Kater Matou ist Erzähler und Titel des Romans von Michael Köhlmeier. Der führt mit den sieben Leben eines Katers zu den großen Fragen des Menschseins.

Matou – das ist ein Wunder von einem Kater. Er erinnert sich über seine sieben Leben hinweg und auch an das Jenseits jeweils dazwischen; er kann lesen, und zwar gleich so, dass er für Tolstois „Anna Karenina“ nur 20 Minuten braucht und danach noch jeden einzelnen Satz weiß; er kann sprechen und auch schreiben in Menschensprache; und wird damit – weil er zwar kein Mensch sein will, aber doch wie ein Mensch sein will, bloß: Was heißt das? – zum großen Menschen-Erkunder. Wenn dieser Matou nicht zu einem unvergleichlichen Autor eines großen Jahrhunderte umfassenden Sieben-Lebens-Romans taugt? Er ist der fabelhafte Erzähler in Michael Köhlmeiers neuem Werk, der eine der beiden.

Denn Matou ist ja noch mehr. Es ist zugleich der Titel dieses Romans, in dem zwei Meisterschaften des vielfach ausgezeichneten österreichischen Autors selbst zusammenkommen. Zum einen sind da die Romane, in denen Köhlmeier virtuos Figuren und Geschichten frei in die historischen Zeitläufe einflicht – wie in „Abendland“ und „Die Abenteuer des Joel Spazierer“; oder gleich wie in „Zwei Herren am Strand“, jenem Bestseller, in dem er die tatsächlichen Charlie Chaplin und Winston Churchill mit hinzuerfundenem Geschehen in intimer Tiefe postmodern ausleuchtet. Und zum anderen ist da Köhlmeier, der leidenschaftliche Märchenerzähler – wie produktiv und vielseitig er da ist, das verdeutlichte zuletzt ein großformatiger und dabei über 800 Seiten starker Sammelband, schlicht betitelt mit „Die Märchen“, geradezu klassische Kunst, in großer Mehrheit nicht eben kindertauglich.

Bei diesem Roman kommen zwei fabelhafte Erzähler zusammen

So kommen bei diesem Roman also gleich zwei fabelhafte Erzähler zusammen. Und mit dem einen, dem Kater Matou und dessen sieben Leben, geht der andere, der 71-jährige Michael Köhlmeier, dann auf Reise von der Französischen Revolution bis in unsere Gegenwart. Manche prominente Station sucht sich das hochbegabte Tier da im Katalog der Möglichkeiten aus, die jeweils in der Zwischenwelt nach dem Tod für jede Katze und jeden Kater bereitliegt: zur freien Wahl des nächsten Zuhauses, der nächsten Lebenszeit – wie schön!

So kommt Matou nicht nur in den Kreis um Danton und Robbespierre zu Camille Desmoulins, dem begnadeten Redenschreiber der Revolution, dessen Enthauptung er 1794 miterleben muss (und dessen hinreißende Frau Lucile er vergeblich zu trösten versucht) – hier lernt Matou die Sprache und das Sprechen der Menschen. Der Kater landet nach Paris und einem kurzen Zögern vor dem Lebenskatalog, das ihn fast zum traurig todgeweihten Büchner gebracht hätte, auch bei E.T.A. Hoffmann in Berlin – bei jenem für das Tier in der Literatur maßgeblichen Fantasten lernt Matou das Schreiben. Und auch bei einem so weltberühmten wie einsamen Künstlerkauz im New York des 20. Jahrhunderts wird der Kater dann noch inkarniert, wo er selbst die Tücken der Autorenschaft in der Moderne kennenlernt und jener mit ihm seine spiritistische Sperenzchen treibt: Andy Warhol.

Aber weit über diese szenisch versierte, so amüsante wie aufschlussreiche Prominentenschau mit besonderem Blickwinkel hinaus ist Köhlmeiers Buch die Erkundung eines klassischen Kontrastes, den er erhellend vertieft und wendet. Wenn in Fabeln Tiere quasi als Spiegelcharaktere etwas über den Menschen erzählen sollen – in Matou löst das hier direkt das Tier als Erzähler ein, ohne dass es selbst dabei vermenschlicht würde. Er wird Spiegel und bleibt dabei Tier. Denn der Mensch Köhlmeier wagt durch zwei weitere Leben Matous sogar noch, das Dasein und Empfinden des Tiers als Tier unter Tieren in den Blick zu nehmen – bis hin zu herrlichen Katzen-Sex-Szenen und dem Austausch mit anderen Arten. Bewusstseinserweiternd.

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Das doppelte Erzählspiel ist beispiellos

Andererseits aber kann dieser Matou die menschliche Sprache, das Denken und auch die vermeintliche Zivilisiertheit ergründen, wie es nur ein Wesensfremder versteht. Noch dazu mit einer solchen Leseleistung, nämlich samt Studium und exakter Zitierfähigkeit der Größen in Literatur und Philosophie. Bewusstseinsvertiefend.

„Ich beginne ein Unternehmen, welches beispiellos dasteht und bei dem ich keinen Nachahmer finden werde.“ So beschreibt Matou das Wagnis selbst zu Beginn dieses Buches, das er nun in seinem siebten und letzten Dasein in Wien verfasst. Er hat sich dazu eine vermeintlich ruhige Randlage des Zeitgeschehens ausgesucht, lebt bei einem ganz alltäglich scheinenden Daniel, der ihn aber eben doch vor die Alltäglichkeit großer Fragen führt: der nach dem Selbst und der Liebe nämlich. Und dem Matou, weil jener Daniel vom Leben als Schriftsteller träumt, auch rät, er könne doch einen Roman über Chaplin und Churchill schreiben. Sollte man in diesem etwas tragischen Daniel also eigentlich einen Michael vermuten, Michael Köhlmeier? Oder ist das nur eines der zahlreichen Spielchen dieses stimmenreich versierten Autors?

Beispiellos und unnachahmbar ist jedenfalls, wie dieser hier sein doppeltes Erzählspiel treibt. Ja, auf fast tausend Seiten und mit allerhand Gedanken- und Erzählexkursen, die geradezu das Gegenteil eines bloß spannungsgetriebenen Romans ergeben. Aber „Matou“ ist kein routiniert gestricktes Event zum Weglesen, sondern eine fabelhaft gewagte Erkundung zum Draufeinlassen. Ach, könnte man „Matou“ selbst lesen wie Matou: ganz schnell und dabei doch jedes Detail behalten … Großer Köhlmeier!

Michael Köhlmeier: Matou. Hanser, 960 S., 34 ¤

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