1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur-Neuerscheinung "Eine Frau": Selbstbild mit Mutter

Literaturkritik

04.12.2019

Literatur-Neuerscheinung "Eine Frau": Selbstbild mit Mutter

In "Eine Frau" von Annie Ernaux geht es über das Leben ihrer aus einfachsten Verhältnissen stammenden Mutter.
Bild: Patrick Pleul, dpa

Die Französin Annie Ernaux überzeugt mit einem weiteren Kapitel aus ihrem Leben. Was ihr neues Buch "Eine Frau" so besonders macht.

Die 1940 geborene Französin Annie Ernaux hat sich mit ihren autobiografischen Werken eine Ausnahmestellung in der zeitgenössischen Literatur erschrieben. Ernaux ist eine Erzählerin und Erforscherin des eigenen Lebens – sie selbst nannte sich einmal "Ethnologin". Wie sie den Aufstieg aus ihrer kleinbürgerlichen Herkunft an die Universität schaffte (und auch als Verrat an ihren Leuten empfand), was das Denken und Fühlen ihrer Eltern bestimmte – davon erzählt Anni Ernaux in ihren Büchern "Die Jahre", "Erinnerung eines Mädchens" und "Der Platz", das dem Leben ihres Vaters nachgeht. Sie erkundet das Private immer mit Blick auf das gesellschaftliche Umfeld; Persönliches und Öffentliches sind wie kommunizierende Röhren. Und sie reflektiert stets das Schreiben selbst, ihre Motive und Zweifel.

Auch deshalb heißt das nun erstmals auf Deutsch erschienene Buch über ihre Mutter nicht "Meine Mutter" oder "Die Frau", sondern: "Eine Frau". Denn Annie Ernaux sucht im Schreiben über ihr Leben, über ihre Eltern immer auch den Abstand, der sie über das Private hinausblicken lässt. Wenn sie über das Leben ihrer aus einfachsten Verhältnissen stammenden Mutter schreibt, geht es Ernaux auch "um den Versuch, Frausein zu objektivieren".

"Eine Frau": In präzisen Sätzen skizziert Ernaux ein geprägtes Leben

Wir lesen: "Beim Schreiben sehe ich mal die ,gute’, mal die ,schlechte’ Mutter vor mir. Um diesem Hin und Her zu entkommen, das tief in meine Kindheit zurückreicht, versuche ich die Dinge so zu beschreiben, als würde es sich um eine andere Mutter handeln und um eine Tochter, die nicht ich ist."

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Das eigene Leben ist Stoff für ihre Bücher: die französische Schriftstellerin Annie Ernaux, Jahrgang 1940.
Bild: Olivier Roller, Suhrkamp

1986, wenige Tage nach dem Tod ihrer Mutter, die am Ende dement in einem Altenheim lebte, begann die Autorin mit ihren Aufzeichnungen. Es ist nicht nur der Versuch einer Bewältigung der Trauer, einer Vergegenwärtigung der abwesenden Mutter, sondern auch wahrhaftige Selbstbefragung. "Was ich zu schreiben hoffe, um ihr gerecht zu werden, liegt vermutlich an der Nahtstelle von Familie und Gesellschaft, Mythos und Geschichte", schreibt die Tochter.

In Erinnerungen und präzisen Sätzen skizziert Ernaux ein von Arbeit und Existenzängsten, aber auch von stolzer Selbstbestimmtheit geprägtes Leben. "Sie war weder glücklich noch unglücklich darüber, mit zwölfeinhalb von der Schule abzugehen, das war so üblich. In der Margarinefabrik, in der sie zu arbeiten begann, litt sie unter der Kälte und Feuchtigkeit, bekam Frostbeulen an den nassen Händen, die den ganzen Winter nicht verheilten." Annies Eltern heirateten 1928, sie führten lange einen Laden mit Café in einer Kleinstadt in der Normandie – und investierten in Annie, die es einmal besser haben sollte. Nach dem Tod ihres Ehemannes schuftete die Mutter allein weiter. "Sie war eine Mutter, die alle kannten, quasi eine öffentliche Mutter", schreibt Ernaux.

Ernaux verwendet in "Eine Frau" kein Wort zu viel

Als die Mutter das Geschäft in der Normandie aufgibt, kommen sich die beiden wieder näher. Ernaux, verheiratet, zwei Kinder, nimmt ihre Mutter zu sich – erst nach Annecy, später in einen Vorort von Paris. Das geht Jahre gut, bis die Mutter beschließt, wieder in die alte Heimat zurückzuziehen. Dort leidet sie unter der "unvermeidlichen Monotonie eines Lebens ohne Arbeit". Wie Annie Ernaux das langsame Dementwerden ihrer Mutter beschreibt, zeigt die literarische Meisterschaft dieser Autorin. Knapp, unsentimental und schonungslos klar, aber zugleich zärtlich und sensibel.

Kein Wort zu viel. "In ihren immer kürzer und seltener werdenden Briefen fehlten Wörter. In ihrer Wohnung begann es zu riechen." Und über das Pflegeheim, in das die Mutter schließlich einziehen muss, heißt es in "Eine Frau": "Sie betrat nun endgültig diesen Raum ohne Jahreszeiten, mit gleichbleibender Temperatur und gleichbleibendem Geruch, diesen Raum ohne Zeit, in dem es nur die reibungslose Wiederholung der Lebensfunktionen gab, essen, schlafen etc."

Die literarische Größe dieses klug komponierten Buches macht aus, dass wir auf nicht einmal 90 Seiten ein sehr persönliches, wahres, lebendiges Lebensbild einer Frau vor Augen haben – und zugleich teilhaben an den komplexen Gefühlen der Tochter, die am Ende ihrer Aufzeichnungen schreibt: "Ich habe die letzte Brücke zu der Welt, aus der ich stamme, verloren." Zugleich aber hat sich Annie Ernaux mit diesem berührenden, aufrichtigen Buch eine Brücke gebaut. "Durch die Gemeinschaft der Lesenden lebt meine Mutter", sagt die Autorin heute. "Durch das Schreiben habe ich sie nicht begraben." Das Buch, in dem sie ihrer Mutter nachspürt, sei eine Suche gewesen. "Nur so war es möglich, ihr nahezukommen, sie wiederzubeleben."

Annie Ernaux: Eine Frau. Aus dem Französischen von Sonja Finck, Suhrkamp, 88 Seiten, 18 Euro.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren