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Literatur
06.09.2017

Sven Regener, der Meister in der Kunst des Laberns

Songpoet und Romancier: Sven Regener.
Foto: Charlotte Goltermann/Galiani

Rockpoet und Kultautor: Was einst mit „Herr Lehmann“ begann, hat längst den Weg ins Kino gefunden. Jetzt erscheint mit „Wiener Straße“ ein neuer Roman. Hält der Zauber an?

Die Sensation liegt 16 Jahre zurück. Bis dahin war Sven Regener – man muss heute vielleicht mehr denn je daran erinnern – einfach ein Held der hiesigen alternativen Rockmusikszene. Mit seiner Band Element of Crime und mit deren erstem deutschsprachigen Album „Weißes Papier“ 1993 war Regener eine feste Größe geworden, seitdem nie geschrumpft. Denn über all den versiert mäandernden Gitarrenmelodien stolpert unnachahmlich die Alltagspoesie dieses Sven Regener, nie pathetisch, nie bloß albern, womöglich einfach immer wahr.

Jetzt also die Frage: Wie wahrhaftig ist der zweite, vor 16 Jahren in die Welt getretene, inzwischen viel bekanntere Sven Regener noch?

2001, mit dem Berlin-Roman „Herr Lehmann“ über die Zeit vor dem Mauerfall, war es ihm ja gelungen, auch als Buchautor eine Typen- und Milieu-Studie zu liefern, die Witz und Abgründigkeit, Rausch und Ernüchterung des Alltags spiegelte. Nie Comedy, höchstens mal Kabarett. Weil der Stoff und die Pointen nie größer, schriller, abgedrehter wirken sollen als das Leben. Der wie sein Held Frank in Bremen geborene und nach Berlin gegangene Regener wusste ja auch, wovon er erzählte. Daraus wurde eine Millionenauflage daraus, ein Kinofilm, ein Phänomen.

Regeners aktueller Roman ist sogar für den Deutschen Buchpreis nominiert

Heute nun erscheint mit „Wiener Straße“ das fünfte Buch in dieser Serie, gleichzeitig läuft mit „Magical Mystery“ das vorherige als bereits dritte Verfilmung der Reihe im Kino. Und als wäre das nicht schon genug, ist der der Autor Sven Regener nun auch noch erstmals für den Deutschen Buchpreis nominiert, dem Preis für den besten deutschsprachigen Roman also, verliehen beim prominentesten Event der hiesigen Literaturbranche. Man muss sich das hier genau vor Augen halten, weil es wirklich etwas Großartiges bedeuten könnte.

Das könnte nämlich heißen: Sven Regener hat es tatsächlich geschafft, trotz des Erfolgs, der Verfilmungen und der Probleme von Fortsetzungen das wahrhaftige Herz seiner unterhaltsam verspulten Plaudereien zu bewahren. Und die sich sonst dem populär Unterhaltsamen gegenüber gerne erhaben zeigende Literaturkritik hat endlich dieses Labern als Kunst entdeckt. Heißt es aber leider beides nicht. Denn „Wiener Straße“ ist der bislang schlechteste Regener-Roman.

Er spielt Anfang der 80er, im Anschluss an die Herr-Lehmann-Bänden „Neue Vahr Süd“ und „Der kleine Bruder“, ist aber wie „Magical Mystery“ keine Geschichte mit Frank im Zentrum. Da steht der tapfere Erwin. Der betreibt das Café Einfall und ist umzingelt von den komischen Vögeln der Hausbesetzer-Punk-Künstler-Szene, zu der auch die altbekannte Regener-Figur Karl Schmidt gehört. Der ist Onkel einer aus dem Westen der Berliner Freiheit wegen zugezogenen Göre und damit unfreiwilliger Vermieter einer WG, in die auch Frank Lehmann einzieht. Und der wird demnächst Vater und damit auch betroffen von den damals einsetzenden Aktivitäten, Männer in die Schwangerschaft mit einzubeziehen, unter anderem, indem sie sich zeitweise einen Wasserbauch umschnallen. Was passiert? Wie so oft bei Regener: eigentlich nicht viel. Es gibt ein bisschen Ärger und Bohei im Café, Erwins Schwester rückt aus dem Westen an, um nach ihrer Tochter zu sehen und erlebt erst mal den Irrsinn der deutsch-deutschen Grenze; die WG versucht zu renovieren, eine Kunstausstellung wird vorbereitet, die Hausbesetzer werden von einem Fernsehteam besucht … Meistens wird einfach unfassbar viel gelabert. Und meistens entblättern sich dabei unweigerlich die Menschen hinter den Berlin-Klischees.

Die Hausbesetzer etwa sind eigentlich gar keine, inszenieren sich für Reporter, die ja das Schmutzige und Echte suchen, schon routiniert als solche. Und hinter ihrer Punk-Truppe der „ArschArt“ mit Künstlern wie „Kacki“ und „P.Immel“ sowie der Band „Dr. Votz“ stecken bloß ein paar Wiener, die eigentlich vom Heimweh geplagt sind. Überhaupt sind die Helden des verwegen autonomen Berlinlebens nicht selten von Einsamkeit bedrohte  Käuze, und der Kunstkurator ist eigentlich bloß Sozialarbeiter …

Als wär‘s auf eine Verfilmung hingetrimmt

Aber Moment: Arsch, Kacki, Pimmel? Jahaaaa! Und dazu ein verbrannter Kuchen, der mit Deutschlandfähnchen gespickt zunächst zum Kunstobjekt und dann zum Verkaufsrenner bei japanischen Touristen wird. Tataaaa! Und dazu regelrechte Slapstick-Einlagen wie etwa eine panische Seilrettungsaktion in der Horizontalen, als der Fernsehmann die Hausbesetzer zum Interview aufs Flachdach lockt, als er erkennt, dass sie an Höhenangst leiden, um ihnen Aufregendes zu entlocken. Huiiiii! Das ist „Wiener Straße“: krachige Comedy. Das ist Teil fünf der Roman-Reihe: Szenen, die wie auf die Verfilmung hingeschrieben wirken. Aber das ist auch noch Sven Regener: Die Kunst des Laberns in Dialog und Gedanken ufert wieder aberwitzig aus.

Es ist also nicht das schlechteste Buch der Reihe, weil der Lehmann-Leser nicht wieder seinen Spaß hätte – sondern weil der Autor einfach kein Lust darauf hatte, einen Roman zu schreiben. „Neue Vahr Süd“ mag in seiner Bundeswehr-Beschreibung Längen haben, „Der kleine Bruder“ die Orientierung verlieren, „Magical Mystery“ zwischenzeitlich im Trüben versanden – aber es ging ums Leben. So nah am bloß noch Albernen wie „Wiener Straße“ war Sven Regener noch nie. Es wirkt, als hätte er nur noch am Komponieren des Gelabers seine Freude. Der schlechteste Witz an der Sache aber kommt ja gar nicht von ihm, sondern von der Jury des Deutschen Buchpreises. Ausgerechnet jetzt ist dieser Autor nominiert, wo er es am wenigsten verdient hat?

Sven Regener: Wiener Straße. Galiani, 304 S., 22 Euro

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