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Literatur
18.03.2021

Zärtliches Erinnern: Der neue Roman "Vati" von Monika Helfer

Mit großer Wärme erzählt die Vorarlberger Schriftstellerin Monika Helfer in ihrem neuen Roman "Vati" von ihrer Verwandtschaft.
Foto: Salvatore Vinci

Monika Helfer taucht erneut in ihre Familiengeschichte ein. Sie erzählt in "Vati" von Schicksal, Ungerechtigkeit und Menschen, deren Wurzeln kaum Halt finden.

Wie viel Unglück passt in ein Leben? Und wie viel kleines Glück macht sich manchmal darin breit – jederzeit bereit zurückzuweichen vor der gnadenlosen Realität. Zu diesen Fragen hat Monika Helfer einiges zu sagen. Vor einem Jahr begann die vielfach ausgezeichnete Vorarlberger Schriftstellerin, von ihrer Herkunft zu erzählen und landete mit dem Roman „Die Bagage“ in den Bestsellerlisten. Jetzt taucht sie erneut ein in die Geschichte der Ihren und führt auf beklemmende Weise vor Augen, welche Macht das Einst auf das Jetzt hat, wie unlösbar verwoben Menschen einer Familie sind – über Orte und Zeiten hinweg.

Monika Helfers Buch "Vati" liest sich schnell und leicht

Schnell und leicht liest sich das neue Buch. Es heißt „Vati“, und gleich auf der ersten Seite deutet Helfer an, welche Tiefen sie unter dem banal klingenden Titel ausleuchtet: „Wir sagten Vati. Er wollte es so. Er meinte, es klinge modern.“ Vor seinen Kindern will dieser vom Krieg und vielen Ungerechtigkeiten gezeichnete Vater „einen Mann erfinden, der in die neue Zeit hineinpasste. An dem eine andere Vergangenheit abzulesen wäre“.

Von ihrer Herkunft erzählt die Schriftstellerin Monika Helfer in ihrem Roman "Vati".

Der Vater hat als Soldat in den eisigen Wäldern Russlands ein Bein verloren. Er ist ein Versehrter – nicht nur vom Krieg her. Schon in Kindheit und Jugend, hat er schwere Verletzungen erfahren. Als lediger Sohn einer Magd im Salzburger Land wird er groß, ganz unten in der streng geschichteten bäuerlichen Gesellschaft. Ein Außenseiter, als Individuum nicht der Rede wert. Sein Erzeuger ist der Bauer und Hofbesitzer. Darüber aber spricht niemand. Das Nicht-darüber-Sprechen wird bis zuletzt Teil der Lebensstrategie von Monika Helfers Vater sein. Es hilft meist beim Überleben – führt manchmal aber an den Abgrund.

Monika Helfers Vater kam als Invalide aus dem Krieg

Menschen der Kriegs- und Nachkriegsgenerationen kennen dieses Schweigen gut. Auch Menschen, die die Gesellschaft an den Rand drängt und denen sie keine Chance gibt, von „ganz unten“ auch nur eine Stufe nach oben zu nehmen, kennen es. Auf die Familie von Monika Helfer trifft beides zu: auf den Vater, der als Invalide aus dem Zweiten Weltkrieg heimkommt und die Demütigungen der armseligen Kindheit nie verwindet; auf die Mutter, die vom eigenen Vater zeitlebens nicht angesprochen wird, weil er zweifelt, dass sie wirklich seine Tochter ist, und natürlich auf die sechs Onkel und Tanten, die noch minderjährig sind, als sie zu Waisen werden und sich allein auf einem ärmlichen, schattigen Bergbauernhof im hinteren Bregenzerwald durchschlagen. Sie alle erleiden auf steinigen Lebenswegen viele Verwundungen, für die sie keine Worte finden.

Und dennoch – oder deshalb? – sind Worte das Erste, was Helfers Vater in der Kindheit fesselt. Noch vor der Einschulung bringt sich der Bub mithilfe alter Zeitschriften das Lesen und Schreiben bei. Später beginnt er, den Roman „Ivanhoe“ abzuschreiben, den er im bürgerlichen Elternhaus eines Freunds entdeckt. Die Sehnsucht nach Bildung, die Liebe zu den Büchern nimmt über die Jahre suchthafte Züge an, macht ihn schließlich fast zum Kleinkriminellen – und die zwölfjährige Tochter Monika zur Komplizin.

Auf der Tschengla erlebt die Familie von Monika Helfer einen glücklichen Lebensabschnitt

Dieses Kapitel in Helfers Leben spielt auf der Tschengla, einem Hochplateau über Bludenz. Es ist ein glücklicher Lebensabschnitt. Die Familie lebt in einem Kriegsversehrtenheim, das der Vater leitet. Wie nicht enden wollende Ferien schildert Helfer ihre Kindheitsjahre dort, zählt beseelt all die Blüten in der vertrauten, steilen Bergwiese auf: Namen, Farben, Düfte. Doch das Glück ist fragil, und unvermittelt spricht sie die Gewissheit aus: „Ich kann mir Idylle nicht anschauen. Ich kann sie nicht einmal denken. Ich will es nicht. Immer ist es, als ob sie gleich zerbricht.“

An dieser Stelle im Roman erzählt die Autorin von der eigenen Tochter, die 21-jährig bei einer Bergtour abstürzte. Paula ist das Kind von Monika Helfer und ihrem zweiten Mann, dem Autor Michael Köhlmeier. Der Tod hat ihnen die Tochter im Jahr 2003 nicht gänzlich entrissen. Paula bleibt präsent in Form von Fotos und Erinnerungsstücken in der Wohnung, auf Spaziergängen am Unglückshang, in Mutter-Tochter-Dialogen, in Erzählungen und Büchern. Das zärtliche Erinnern gehört zu Helfers Autorenschaft.

Monika Helfer schreibt über ihre Verwandtschaft in einer uneitlen Sprache

Beinahe zärtlich ist auch ihr Umgang mit Geschwistern, Eltern, Onkeln und Tanten. Mit Respekt und einer schnörkellosen, uneitlen Sprache wendet sich die 73-Jährige diesen Menschen zu, deren Wurzeln in steinigem Boden wenig Halt finden, die es darum von kargen Bergwelten in armselige Arbeitersiedlungen verschlägt. Als „die wildesten Typen“ beschreibt Monika Helfer ihre Verwandten. Alkoholiker und Aufschneider sind darunter. Sensible und kluge, zupackende und ratlose Menschen. Nicht alle ertragen ihr Leben bis zum natürlichen Ende. Doch immer hält die „Bagage“ zusammen: „Wir haben uns alle sehr bemüht.“

Manche Leute beauftragen Ahnenforscher und lassen prachtvolle Stammbäume auf kostbares Papier malen. Monika Helfer begegnet den Ihren mit mehr Wärme. Sie befragt sie, aber deutet kaum. Versucht zu verstehen – nicht zu entschuldigen. Dem Vater, mit dem sie die Liebe zu Büchern und Literatur teilt, erfüllt sie den Wunsch: Sein Name fällt im ganzen Buch nicht, sie nennt ihn „Vati“.

Monika Helfer: Vati. Hanser, 173 Seiten, 20,60 Euro

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