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Literatur

27.03.2021

Literatur im 20. Jahrhundert: Der große Bruder Heinrich Mann

Die Schriftsteller Heinrich und Thomas Mann (Mitte) als Kinder mit ihren Schwestern Carla und Julia, aufgenommen um das Jahr 1885.
Foto:  Scheerer (dpa)

Wer die Geschichte der Deutschen verstehen will und wissen möchte, wie es hätte besser laufen können, lese die Bücher des langjährigen Vorbilds von Thomas Mann.

"Die dummen Deutschen müssen uns immer gegeneinander ausspielen und streiten, wer der ,Eigentliche‘ sei." So schrieb im Alter rückblickend Thomas Mann zum Verhältnis zwischen ihm und seinem vier Jahre älteren Bruder Heinrich Mann. Jedoch war er selbst stark und beschämend-ungut beteiligt an einigen Voraussetzungen zu diesem gegeneinander Ausspielen der "dummen Deutschen"...

Man muss das nicht fortschreiben. Man darf das Lesen von Thomas Manns "Buddenbrooks" genauso empfehlen wie die Lektüre von Heinrich Manns "Der Untertan", beide entstanden im deutschen Kaiserreich, und das Studieren des "Doktor Faustus" genauso wie die Aneignung der zwei Teile des "Königs Henri Quatre" – beide zu großen Teilen in der Emigration der Brüder während des deutschen Nationalsozialismus entstanden.

Aber während Thomas eine Ikone der deutschen Literatur geblieben ist, hat der einst strahlkräftige Einfluss von Heinrichs schriftstellerischem und charakterlichem Glanz ein wenig verloren. Dabei war es auch schon einmal andersherum, 1918 nämlich, als Heinrich Manns "Untertan", der gerade als Fortsetzungsroman dieser Zeitung läuft, endlich komplett erschienen war und gleichsam gefressen wurde – im Gegensatz zu den zeitgleich erschienen "Betrachtungen eines Unpolitischen" von Thomas Mann.

Heinrich Manns Werk "Untertan" besitzt anhaltend Gültigkeit

Zu diesem Zeitpunkt war der scharfe, rund achtjährige Bruderzwist in vollem Gang. Früh hatte er sich angedeutet im konkurrierenden Wettstreit der zwei Schriftsteller, richtig ausgebrochen war er mit dem 1. Weltkrieg, weil Thomas gegenüber Heinrich vom "großen, grundanständigen, ja feierlichen Volkskrieg" schwadroniert hatte. Diesen Unsinn hinzunehmen, war Heinrich nicht gewillt. Die beiden verletzten sich in der Folge gegenseitig – auch über literarische Bande hinweg –, doch Thomas blieb immer der Aggressivere, Beleidigendere, Feindseligere. Für viele Jahre konnte er in seiner Seele nicht den Erfolg Heinrichs ertragen, obwohl oder weil er in vielen Jahren vom älteren, reiferen Bruder profitierte. 1922 endlich versöhnten sich die zwei wieder.

Doch zurück ins Jahr 1918, zurück zum damaligen Bestseller "Der Untertan". Mit ihm sind wir mittendrin in der Betrachtung, auf welche künstlerische Weise Heinrich Mann der Menschheit Beobachtungen ins Stammbuch schrieb, die nicht nur bis heute, seinem 150. Geburtstag, sondern bis auf Weiteres gültig sind. Steigt "Der Untertan" im Roman zwar im deutschen Kaiserreich vor 1900 gesellschaftlich auf, so steigt er in der Realität doch immer wieder und wieder auf – kraft seines gewandten Vermögens, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten. Jeder von uns kennt in seinem jeweiligen Sozialverband diesen Typus von Staatsbürger mit eingepflanzter Hierarchie-Anbetung – und besten Karriere-Aussichten. Im Buch heißt es: "Wer treten wollte, musste sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht."

Das Psychogramm eines Menschentypen: Der moralinsaure Professor Unrat

Heinrich Mann also glückte ein überzeitliches, gestochen scharfes Psychogramm dieses Typus Menschen – so wie ihm als genauem Beobachter alles Allzumenschlichen überzeitliche Psychogramme diverser Typen glückten, auch jenes des Gymnasial-Despoten "Professor Unrat". Hier wie dort bereiten die feinst formulierten ironischen Spitzen geradezu Lesesucht. Irrsinnig komisch jene Passage im "Professor Unrat", da die leichtlebig-kokette Tanzkünstlerin Rosa Fröhlich dem moralinsauren Professor zu dessen in die Geschlechtsreife eintretenden Schülern begütigend rät: "denn kann es Ihnen doch genauso pimpe sein wie mir, was die jungen Leute treiben."

Der Schriftsteller Heinrich Mann.
Foto: picture alliance, dpa

Nach diesem sachdienlichen Hinweis aber stellt der allwissende Erzähler Heinrich Mann trocken nur fest: "Diese Lebensanschauung fand keinen Eingang in Unrats Verständnis." In ihrer Ironie sind die Brüder Heinrich und Thomas gleich genial.

Niedergelegt waren Untertan und Unrat in Heinrich Manns früher, gleichwohl schon gesellschaftlich und politisch scharfsichtiger schriftstellerischer Phase. Als Kind aus gutem Lübecker Hause besaß er Erfahrungen durch bessere Kreise – und war voll von sarkastischem Widerspruchsgeist gegenüber Konvention, Bourgeoisie und Reaktion.

Karikaturhaft kritisierte er, scharf bis hin zur Groteske geißelte, ja verachtete er die Geschehnisse im vorgeblichen kaiserlichen "Schlaraffenland". Ihm war danach, "soziale Zeitromane" zu schreiben, denn: "Die deutsche Gesellschaft kennt sich selbst nicht ... und die führende Klasse verschwimmt hinter Wolken." Nur am Rande sei vermerkt, dass dabei immer wieder Musik-, Theater- und Opernaufführungen eine literarische Rolle spielten im Schaffen Heinrich Manns – und mit diesen das verquere, verknotete Verhältnis zwischen Gesellschaft und Kunst.

Mann beschreibt König Heinrich, einen Vorbild-Charakter

Nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs aber trat bei ihm verstärkt eine Bewusstseinserweiterung ein. Er begann öffentlich politisch zu wirken und auf wirtschaftlich sozialisierte Vereinigte Staaten von Europa hinzuarbeiten. Zur Möglichkeit der brandmarkenden literarischen Sezierung trat mehr und mehr das deskriptiv Konstruktive hinzu. Nicht zuletzt der deutsche Gang hin zur Weimarer Republik, dazu die Literatur und Geschichte Frankreichs, die er seit der Jugend studiert (und verarbeitet) hatte, ließen ihn gesteigert die Ideale der Revolution 1789, der sozialen Gerechtigkeit und auch der Herzensbildung hochhalten.

All dies mündete dann letztlich in den 1930er-Jahren in das Alterswerk von Jugend und Vollendung des Königs Henri Quatre, ein Renaissance-Roman, in dem Henri IV. lernend an seinem Charakter arbeitet. Parabelhaft ist und war dies zu lesen, insbesondere in der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten – wenn die zwei Bücher denn hierzulande überhaupt hätte gelesen werden dürfen und können...

Zwei Großliteraten: Heinrich Mann (stehend) und sein Bruder Thomas Mann um das Jahr 1905.
Foto: picture alliance

Heinrich Mann hatte einen wachsend gütigen König, einen Menschenfreund, ein Vorbild beschrieben – während in Deutschland seine Bücher nationalsozialistisch verordnet brannten. Nicht mehr ein Imperialist – wie einst auch Wilhelm II. – regiert hier literarisch, sondern ein Gegenentwurf, eben der gutmeinende Henri Quatre. Nicht, wie die Welt nicht sein sollte, sondern, wie die Welt sein sollte, stand nun im Zentrum schreibender Betrachtung. "Literatur ist niemals nur Kunst ... Denn sie ist Gewissen – das aus der Welt hervorgehobene und vor sie hingestellte Gewissen." Henri Quatre und der Untertan sind Heinrich Manns Meisterwerke zu allererst.

Für Hollywood schrieb Heinrich Mann Filmskripte

In seinen letzten Jahren aber war er, der doch einst seine wechselnden europäischen Wohnsitze geradezu genoss, entwurzelt: Nach seiner schnellen Flucht aus Deutschland 1933 und der Flucht zu Fuß über die Pyrenäen gen Lissabon (mit u. a. Franz Werfel und Lion Feuchtwanger) und weiter mit dem Dampfer in die USA 1940, folgten eher niederdrückende Jahre, auch in finanzieller Hinsicht. Für Hollywood schrieb Mann Filmskripte, die – wie im Grunde vorgesehen – in der Schublade landeten; sein Roman "Lidice" blieb dem grauenvollen Thema schwerlich angemessen; 1944 ging seine zweite Frau Nelly Kroeger mit Schlaftabletten in den Tod.

Und als dann Heinrich Mann nach dem Krieg rehabilitiert war in Deutschland und er – neben dem DDR-Nationalpreis 1. Klasse – zum ersten Präsidenten der neu zu errichtenden Deutschen Akademie der Künste in Berlin bestellt worden war und er bereits den Schiffspassagierschein in den Händen hielt, da starb er am 12. März 1950 im kalifornischen Santa Monica.

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