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Interview

08.01.2020

Malergenie Raffael: Schöner, schneller, besser

Raffaels Gemälda Maddalena Doni.
Bild: Uffizien Florenz

Plus 1519, also vor 500 Jahren, starb in Rom der begnadete Maler Raffael. Zum Gedenkjahr schrieb der Münchner Kunsthistoriker Ulrich Pfisterer eine Monografie.

Herr Pfisterer, Raffael ist zwar nicht so jung gestorben wie James Dean oder Jean-Michel Basquiat, aber mit 37 Jahren doch deutlich vor der Zeit.

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Ulrich Pfisterer: Und viel früher als Leonardo und Michelangelo, die für die frühe Neuzeit unglaublich lange gelebt haben. In der zeitgenössischen Wahrnehmung ist Raffael jedenfalls nicht besonders früh gestorben. In den Lebensalterzyklen des 16. Jahrhunderts war im achten Jahrfünft, also zwischen 35 und 40, die maximale männliche Schaffenskraft erreicht. Interessant, dass Raffael mit Mitte 30 anfing, sich Gedanken über seinen Tod zu machen und über seine Bestattung im Pantheon.

Haben ihn seine vielen Affären zur Strecke gebracht?

Malergenie Raffael: Schöner, schneller, besser

Pfisterer: Ausnahmsweise dürfte dies nicht eines der Gerüchte sein, die Vasari in die Welt setzte – 30 Jahre nach Raffaels Tod. Bereits ein zeitgenössisches Gedicht auf seinen Tod deutet auf ein intensives Liebesleben hin. Fakt ist: Wir wissen es nicht genau. Raffael scheint ein angenehmer, umgänglicher Mensch gewesen zu sein. Und es stimmt wohl, dass er intensiven Umgang mit Frauen hatte.

Es gibt dieses frühe androgyne Selbstbildnis des sanften Schönlings.

Pfisterer: Vermutlich hat Raffael sich auf diesem Bild noch jünglingshafter gemacht, als er es damals war. Das hängt aber sicher mit dem damals populären Topos der Frühbegabung zusammen. Außerdem war man der Meinung, ein schönes Äußeres spiegelt sich im schönen Werk und umgekehrt. Auf jeden Fall war Raffaels Selbstbildnis in diesen Jahren für das Publikum zwischen Urbino, Florenz und Rom ein ganz neuartiges Werk.

Mit „Schönmalen“ und mit „Harmonie“ haben wir heute Schwierigkeiten.

Pfisterer: Dieses Problem entsteht im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert. Raffael ist nicht nur, aber besonders in Deutschland das Ideal. Seine Malerei wird in der akademischen Ausbildung und im allgemeinen Geschmack zum Standard erhoben. Und selbst die weniger gelungenen Werke erklärt man als perfekt. Das gilt auch in Frankreich; für Ingres etwa ist Raffael das Nonplusultra. Und dann kommt der Absturz, befördert von allem, was sich gegen den akademischen Ausbildungsbetrieb richtet. Die Präraffaeliten zum Beispiel wollen in die Zeit vor Raffael zurück, weil sie vermuten, dass dort die echte Emotion und der Glaube sei und nicht die Künstlichkeit.

Und mit der Moderne hat das schöne Ideal ganz ausgedient.

Pfisterer: Zu Lebzeiten Raffaels war das weder ein Problem, noch ein Thema. Im Gegenteil, für seine hochinnovativen Lösungen, Natur und Schönheit zu verbinden, wurde er gefeiert. Außerdem war Raffael total zuverlässig.

Also der ideale Geschäftspartner?

Pfisterer: Absolut. Das finden wir nicht mehr so aufregend, uns interessieren heute eher die problematischen, auffallenden Charaktere. Leonardo versucht, alles zu erforschen und hinter ein Phänomen zu blicken; Michelangelo ist der mit sich hadernde Einzelgänger, der Dinge plant, die er nicht fertigstellen kann. Raffael dagegen begründet den Typus des höfischen Künstlers, der seine Arbeit pünktlich abliefert. Gerade alte Päpste wie Julius II. hatten mit ihren Monumenten für die Nachwelt keine Zeit zu vergeuden – man denke nur an Michelangelos Grabmal für Julius, das unvollendet blieb.

Wie ist dieser junge Raffael an die großen Aufträge im Vatikan gekommen?

Pfisterer: Er wurde sicher nicht direkt von Julius engagiert, sondern kam vermutlich als Mitarbeiter des Malers Sodoma in den Vatikan. Da zeichnete er erst Vorlagen und zeigt, wie toll er ist. Dann geht es kometenhaft nach oben. Egal, was er macht – alles wird zur Norm für Jahrhunderte. Er erfindet zum Beispiel den Typus des neuzeitlichen Papstbildnisses. „Julius II. in seinem Stuhl sitzend“ wird zum Musterbild. Denken Sie an Velázquez oder Bacon: Die Tradition der Papstbildnisse geht auf Raffael zurück. Diese Fülle an neuen Lösungen in kürzester Zeit ist faszinierend.

Ging Raffael das Malen so leicht von der Hand?

Pfisterer: Nicht von Ungefähr wird Raffael später als „göttlicher Künstler“ gerühmt. Aber auch er ist nicht vom Himmel gefallen und hatte sicher eine gute Ausbildung. Wohl nicht, wie lange Zeit behauptet, bei Perugino, sondern vermutlich beim Vater Giovanni Santi. Als Zeichner konnte Raffael jedenfalls früh schon aus dem Vollen schöpfen. Erfindungsreichtum und Arbeitstempo erlaubten ihm, für andere Maler Entwürfe zu liefern. Nur bei der Ausführung sind ihm anfangs manchmal noch technische Fehler unterlaufen, das sieht man etwa im oberen Teil der „Schule von Athen“.

Einen Artikel zu Leonardo da Vinci, dem Jubilar aus 2019, finden Sie hier.

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