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Literatur

27.11.2018

Martin Walser schreibt um sein Leben

Martin Walser, inzwischen 91, sein neues Buch heißt „Spätdienst“.
Bild: Ulf Mauder, dpa

Der mittlerweile 91-jährige Schriftsteller vom Bodensee zieht poetisch Bilanz. Im neuen Buch „Spätdienst“ geht er nicht nur mit sich selbst ins Gericht.

Es kommt Buch auf Buch. Ein gutes halbes Jahr erst ist es her, dass Martin Walser seinen Roman „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“ vorgelegt hat – und schon ist der Nachfolger auf dem Markt: „Spätdienst“. Mit dieser geschwinden Folge von Neuerscheinungen setzt Walser seit Jahren seine Leserschaft in Erstaunen. Der Mann ist mittlerweile 91!

Am Ende des genannten „Gar alles“-Romans steht der Satz: „Ich spüre, wie ich vergehe.“ Das ist, wenig überraschend, Walser großes Thema. Noch ausgeprägter indes ist sein Antrieb, dass er es seit geraumer Zeit mit dem Tod aufnimmt, dass er wie ein Besessener gegen das Ende anschreibt, dass er das drohende Verstummen verneint. Das gelingt im neuen Buch, und das scheitert zugleich. Denn natürlich weiß Walser um die schwindende Kraft, zieht ihn die „Ermüdungsschwere“ nieder, duckt er sich in die „Schwermutsmulde“, um zwei schöne, typisch Walsersche Begriffe aus dem „Spätdienst“ zu zitieren.

In diesem Hin und Her hat das neue Buch sein Widerlager. „Bekenntnis“ (selten politischer oder poetischer Art) folgt auf „Stimmung“ (so auch der Buch-Untertitel). Der Beginn tönt wie eine Fanfare: „Ich möchte sein wie ein Wunsch,/auf der Schwelle möchte ich stehen,/ein Tag sein vor seinem Aufbruch,/noch nicht gewesen sein möchte ich.“ Von Wünschen ist bei Walser oft die Rede, von einem Leben im Konjunktiv, von erhebenden Naturimpressionen, nahe- gelegt durch die Heimstatt am Bodensee, festgeschrieben durch wiederkehrende Wörter wie Licht, Wind, Baum, Gras, Grün, Sonne, Amsel, Gesang und Schnee.

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„Der Stein, den ich wälze, bin ich selbst“

Der Autor läutet die Sonntagsglocken: „Ich spüre das Leben wie eine Kraft.“ Leben heißt schreiben. Der hin- und hergerissene 91-Jährige tut das mit einer Verve, die alle Gelassenheit und milde Altersweisheit Lügen straft. Er räumt persönliche Geheimfächer, trägt seine Verwundbarkeit offen zutage, mahnt sich, entblößt sich, widerspricht sich, überrascht sich, schreit, schlägt zu, rügt seinen „Unwert“ und seine „Feigheit“. Walsers „Pirouetten-Existenz“ dreht sich ums Ich, um die Selbstvergewisserung wie die Selbstanfeindung. „Der Stein, den ich wälze, bin ich selbst.“

Die meist kurzen, nicht datierten Notate sind typografisch variantenreich angeordnet und mit Arabesken der Tochter Alissa versehen. Bloß keine durchgehende Linksbündigkeit! Stattdessen Spiel, Beweglichkeit, Positionswechsel, Paradoxien, Widersprüche, festgehalten in Fügungen wie „heiter verzweifelt“, „Süße der Todesidee“, „dein Schatten singt“, „Der Himmel ist mein Grab“, „Blätterschönheit, Sterbepracht“.

Es ist ein sehr persönliches Buch zum Immer-wieder-Aufschlagen, weniger eines für Walser-Neulinge, viel mehr eines für jene, denen seine Motive und die zuletzt obsessive Ich-Umkreisung nicht fremd sind. Walser formuliert häufig in Reim und Kurzgedicht. Manche erinnern an konkrete Poesie, manche haben Brecht-Klang. Der Schriftsteller spricht von „Schutzgewändern“. Sie sind in Teilen doch etwas grobmaschig geschneidert. Im Übrigen nimmt sich Walser durchaus das Recht heraus, nicht verstanden zu werden.

Müßig die Frage nach möglichen Kürzungen angesichts des Statements: „Ich möchte nicht mehr aufhören zu notieren...Das Notieren ist das provisorische Abdichten eines Lecks bei einem Schiff, das in einen unabsehbaren Sturm geraten ist.“ In diesen schweren Gewässern geht es ums Ganze. Zu den Turbulenzen tragen freilich auch die vielen „Deuter“ und „Verfolger“ bei, insbesondere die Schar namhafter bundesdeutscher Walser-Kritiker – tot oder lebendig.

Dabei tritt der sich so oft angespuckt fühlende Walser einmal mehr in rüder Art nach. Man wundert sich über die Dünnhäutigkeit eines Mannes, der derart schonungslos mit sich selbst ins Gericht geht. Und man wundert sich wiederum nicht, wenn man liest: „Welch ein Lebensaufwand für ein bisschen Buch. Was es gekostet hat, wissen auch die nicht, die es schätzen.“

Martin Walser: Spätdienst – Bekenntnis und Stimmung.

Rowohlt, 207 Seiten, 20 Euro

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