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Interview

21.01.2021

Medizinhistorikerin: "Vor 200 Jahren wurde Impfstoff im Kuhstall hergestellt"

O weh, da wachsen ja überall Kühe hervor! Die englische Karikatur vom Beginn des 19. Jahrhunderts greift die Angst vor Vertierung infolge der Kuhpocken-Impfung auf.
Bild: Deutsches Medizinhistorisches Museum Ingolstadt

Plus Die Geschichte des Impfens kennt Erfolge wie Kuriositäten. Bayern spielt dabei eine große Rolle. Die Historikerin Marion Ruisinger erzählt.

Als medizinischer Laie stellt man sich das frühe Impfen als das bewusste Infizieren mit einem Erreger vor, um dadurch eine körpereigene Abwehrreaktion hervorzurufen. Wie lief das tatsächlich ab?

Marion Ruisinger: Das ist die allerfrüheste Methode des Impfens – dass man eine Infektion mit einer kleinen Menge des Krankheitserregers herbeiführt, um so vor einer unkontrollierten großen, durch denselben Erreger verursachten Infektion zu schützen. Das ist das Prinzip der Menschenpockenimpfung, nicht zu vergleichen mit der Pockenimpfung, wie wir sie heute kennen. Die Menschenpockenimpfung gab es bereits im 18. Jahrhundert in England und zuvor schon im Osmanischen Reich, woher die Methode in den Westen kam – übrigens angeregt durch eine englische Schriftstellerin, Lady Mary Wortley Montagu, deren Mann Botschafter in Istanbul war. Diese Methode besaß jedoch das Risiko, dass der Erreger sich stärker im Körper ausbreitet als erwünscht, sodass es zu einer schweren Krankheit kommt mit lebenslangen Folgen oder sogar zum Tod. Das Impfen mit dem echten Pockenerreger glich einem Spiel mit dem Feuer, und so war es ein bahnbrechender Erfolg, als der englische Arzt Edward Jenner erkannte, dass der Impfschutz für Menschen auch dann eintritt, wenn man statt der echten Pocken die Kuhpocken nimmt.

Woher der Begriff der Vakzination kommt.

Ruisinger: Genau, vom lateinischen Wort „vacca“ für Kuh. Diese Vakzination wurde, im Unterschied zur Menschenpockenimpfung, auch Schutzpockenimpfung genannt. Verwendet wurde der Inhalt der Pockenbläschen am Kuh-Euter. Jenner waren Mägde aufgefallen, die sich beim Melken mit Kuhpocken infizierten und später beim Auftreten von Menschenpocken-Epidemien von der Krankheit verschont blieben. Diese Impfung mit Kuhpocken – Jenner machte seine Methode im Jahr 1798 publik – hat sich durchgesetzt, ihr haben wir es zu verdanken, dass die Menschenpocken heute als ausgerottet gelten.

Ein enormer Erfolg.

Ruisinger: Gerade wenn man heute unter dem Eindruck der rasch aufgebauten Logistik für die Corona-Impfung bedenkt, wie schwierig das vor 200 Jahren war, diese neue Methode flächendeckend umzusetzen. Allerdings dauerte es auch fast 200 Jahre, bis die Pocken wirklich Geschichte waren. So rasch wie heute konnte die notwendige Logistik damals nicht aufgebaut werden. Zumal der Impfstoff nicht im Labor hergestellt wurde, sondern im Kuhstall …

Impfschein für Schutzpockenimpfung, ausgestellt in Pfaffenberg (heute LK Straubing-Bogen) am 17.4.1837.
Bild: Deutsches Medizinhistorisches Museum

Wann gab es die ersten staatlich durchgeführten Impfkampagnen?

Ruisinger: Das ging recht schnell. Wir haben im späten 18. Jahrhundert diese neue Impfmethode und bereits 1807 das erste Impfgesetz der Welt mitsamt Impfzwang.

In England?

Ruisinger: In Bayern! König Maximilian I. erließ am 26. August 1807 die Verordnung zur Schutzpockenimpfung, die unter anderem vorsah, dass alle Kinder vor Vollendung des dritten Lebensjahres geimpft werden müssen. Wie man weiß – die Vorgänge damals klingen uns Heutigen vertraut –, kann man das Impfen zwar vorschreiben, aber man muss auch die Möglichkeit schaffen, sich impfen zu lassen. Da war der bayerische Staat gefordert, um das Impfserum produzieren zu lassen, Impfärzte einzusetzen und die Transporte zu organisieren. Man stand auch vor der Frage: Wie geht man mit denen um, die sich weigern?

Eine aktuell gebliebene Frage.

Ruisinger: Die Impfung wurde damals nicht mit Gewalt durchgesetzt. Man hat stattdessen Geldstrafen verhängt. Das lief so ab, dass die sich weigernden Familien Jahr für Jahr erneut aufgefordert wurden, ihre Kinder impfen zu lassen, und je länger sie die Impfung verweigerten, desto mehr mussten sie zahlen. Das konnte richtig teuer werden. Eine indirekte Impfkontrolle gab es immer dann, wenn die Wege des Einzelnen sich mit den Behörden kreuzten, also etwa bei der Einschulung, bei der Meisterprüfung oder bei der Eheschließung. Da mussten die Impfzeugnisse vorgelegt werden.

Wie kam der Staat überhaupt an die Gruppe der zu Impfenden heran? Datenerfassung im heutigen Sinne gab es ja noch nicht.

Ruisinger: Hier waren die Pfarrer gefragt. Sie mussten anhand der Taufbücher die Kinder melden. Aber nicht nur das. Sie predigten auch von der Kanzel, dass man zum Impfen gehen solle, und teilten mit, wann und wo ein Impfarzt in der Nähe war. Die Verordnung sah vor, dass zweimal im Jahr Impftermine angesetzt wurden.

Das ist jetzt zwei Jahrhunderte her, und doch scheint das logistisch funktioniert zu haben.

Ruisinger: Es hat natürlich holprig angefangen, man hat auch immer wieder nachbessern müssen. Unter anderem wurde in München eine zentrale Impfanstalt gegründet, um hier Kälber infizieren und so genügend Serum gewinnen zu können. Man musste auch Methoden finden, wie diese Impflymphe am besten zu transportieren war – wir kennen die aktuellen Diskussionen um den Transport! Damals ging es allerdings darum, ob der Impfstoff flüssig transportiert werden muss oder ob er auch eintrocknen darf und wie das eingetrocknete Serum wieder in Lösung zu bringen ist. Teilweise haben Ärzte den eingetrockneten Impfstoff mit Spucke wieder angerührt. Wenn dann durch Impfungen andere Krankheiten übertragen wurden, wundert einen das heute nicht.

Sterilität war zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch kein Thema.

Ruisinger: Man hat einen Impfzwang verordnet in einer Zeit, in der man von Bakterien nichts wusste und noch lange nichts von Viren. Vielmehr hat man aus der Beobachtung heraus den Schluss gezogen, dass Impfung hilft, und die Ergebnisse waren so überzeugend, dass man weitergemacht hat, obwohl es eigentlich kein Erklärungskonzept dafür gab. Deswegen traten auch relativ rasch Impfgegner auf die Bühne, die genau dieses Argument vorbrachten: dass die Wirkung des Impfens ja gar nicht zu erklären sei.

Auch die Impfgegner blicken also auf eine lange Geschichte zurück.

Ruisinger: Damals gab es andere medizinische Konzepte. Vor allem die Vier-Säfte-Lehre war gesetztes Wissen. Krankheiten, die wie die Pocken mit Ausschlägen einhergingen, hat diese Lehre dadurch erklärt, dass der Körper in einer Art Reinigungsprozess die ihm innewohnenden verdorbenen Feuchtigkeiten, die zu schweren Krankheiten führen können, nach außen drängt und sie dabei zu Pockenbläschen werden. Dazu hat die Vorstellung gepasst, dass es bei Kindern, die noch nicht so richtig „aufgeräumt“ sind und noch viele dieser schlechten Feuchtigkeiten in sich haben, gewissermaßen zur Entwicklung gehört, bestimmte Krankheiten zu bekommen, um sich von diesen schlechten Säften zu befreien. Wird das durch die Impfung verhindert, so die Vorstellung, kann das nach innen schlagen und schwere organische Erkrankungen auslösen. Eine Argumentation, die für die Bevölkerung in der Breite sehr eingängig war.

Die Impfgegner argumentierten also durchaus nach damaligem medizinischem Kenntnisstand.

Ruisinger: Es gab noch andere Argumentationen. Aus dem Volksglauben heraus etwa die Vorstellung, Krankheiten seien von Gott geschickt, deshalb darf man sich nicht dagegenstellen. Und dann gab es – aus heutiger Sicht skurril, damals aber wohl reale Angst – die Vertierungsfurcht. Der Impfstoff war ja eine Flüssigkeit aus der Kuh, die dem Menschen unter die Haut eingeritzt wurde. Da gibt es nette Karikaturen dazu, auf denen dargestellt ist, wie den Impflingen Kühe aus Kopf, Arm oder Bein herauswachsen.

Impfgegnerschaft hat jedenfalls Tradition.

Ruisinger: Die Impfgegnerschaft ist so alt wie das Impfen selber, das kann man auf jeden Fall sagen.

Haben sich durch das Impfen tatsächlich einige der einst stark gefürchteten „Geißeln der Menschheit“ besiegen lassen?

Ruisinger: Bei den Pocken ist das so, sieht man einmal davon ab, dass es in einigen Laboratorien – soweit ich weiß, in Russland und in den USA – noch Pockenviren gibt, ein Überbleibsel des Kalten Krieges. Trotzdem, die Weltgesundheitsorganisation hat die Pocken für ausgerottet erklärt, und das tut sie nicht leichtfertig. Der letzte Todesfall wegen Pocken, der bekannt wurde, war 1978. Wo man ebenfalls darauf hofft, dass die Krankheit in ein paar Jahren ausgelöscht sein wird, ist die Kinderlähmung. Mit anderen viralen Erkrankungen – Aids zum Beispiel – verhält es sich anders, da gibt es noch gar keinen Impfstoff. Es ist nicht so, dass man alles durch Impfen in den Griff bekommen kann.

Und bei Corona?

Ruisinger: Hier gibt es ja schon eine wirksame Impfung. Wichtig ist jetzt nur, dass sich genug Menschen impfen lassen. Eine völlige Ausrottung wie bei Pocken wird bei Corona wohl kaum gelingen, weil dieses Virus auch auf Tiere überspringen kann – das haben wir ja bei den Nerzfarmen gesehen. Aber das wäre ja nicht die erste Seuche, mit der wir zu leben gelernt hätten.

Zur Person Marion Ruisinger ist Professorin für Medizingeschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg. Seit 2008 leitet sie das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt.

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