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Enkelin von Amon Göth

14.11.2013

"Mein Großvater hätte mich erschossen"

Jennifer Teege im Herbst 2013 an ihrem Wohnort Hamburg.
Bild: Sven Hoppe (dpa)

Jennifer Teege erfährt mit 38 Jahren zufällig: Sie ist die Enkelin eines Massenmörders, die Enkelin des KZ-Kommandanten Amon Göth. Der Inbegriff des Bösen ist ihr eigener Opa.

Es war ein Zufall. Es war der Blick einer Frau, der Jennifer Teege bekannt vorkam. Die 38-Jährige steht in einer Hamburger Bücherei; sie sucht etwas ganz anderes, als sie ein Buch mit rotem Einband aus dem Regal zieht. Darauf ist das Schwarz-Weiß-Porträt einer Frau mittleren Alters aufgedruckt. Darunter steht: „Ich muss meinen Vater doch lieben, oder? Die Lebensgeschichte von Monika Göth, Tochter des KZ-Kommandanten aus Schindlers Liste.“

Enkelin eines Massenmörders

Monika Göth! Jennifer Teege kennt diesen Namen. So heißt ihre Mutter, die sie im Alter von vier Wochen ins Kinderheim gegeben und die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat. „Beim Durchblättern war mir sofort klar: Das ist nicht irgendein Buch, das ist Teil meiner Familiengeschichte“, erzählt Teege heute, fünf Jahre später, und klingt noch immer überrascht. Sie, die Tochter eines Nigerianers, sie, die Frau mit dunkler Haut, die bei Adoptiveltern in München groß geworden war und später in Israel studierte, sie ist die Enkelin von Amon Göth, einem Massenmörder.

Bis zu dem Moment in der Buchhandlung, sagt Teege, habe sie nur ein „grobes Bild“ von Göth gehabt. Wie Millionen andere kannte sie den SS-Hauptsturmführer aus Steven Spielbergs Schindlers Liste. Die Szene, in der Göth mit seinem Jagdgewehr vom Balkon der Lagervilla wahllos auf KZ-Insassen schießt, mit nacktem Oberkörper und Zigarette im Mundwinkel, ist eine der bekanntesten des Films. Sie machte Teeges Großvater zum Inbegriff des Bösen. Zeitzeugen nannten ihn auch den „Schlächter von Plaszow“. Ein Überlebender sagte: „Wer Göth sah, hat den Tod gesehen.“

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Hilfe bei einem Therapeuten

Seine Enkelin sagt Jahrzehnte später: „Mein Großvater hätte mich erschossen.“ So lautet auch der Untertitel von Jennifer Teeges Buch „Amon“, das sie gemeinsam mit der Journalistin Nikola Sellmair schrieb.

Bis Teege ihre Geschichte erzählen konnte, war es „ein langer, ein schmerzhafter Weg“, erinnert sich die Autorin im persönlichen Gespräch. Nach der Entdeckung ihrer Herkunft brach sie erst einmal zusammen. Sie will nur schlafen, bleibt oft bis mittags im Bett.

Die nächsten zwei Wochen verlässt sie kaum das Haus. Vor dem Spiegel sucht Teege, die aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe so anders ist, nach Ähnlichkeiten mit ihrem Großvater: „Mir graute davor, zu den Göths zu gehören.“

Teege glaubt, dieselben Linien zwischen Nase und Mund zu entdecken wie bei ihrem Großvater. „Diese Falten muss ich unterspritzen, weglasern, wegschneiden“, lautet ihr erster Impuls. Und dann „diese Sache mit dem Blut“: Was hat Göth ihr vererbt? Scheint sein Jähzorn in ihr und ihren zwei Kindern auf? Teege fällt in eine Depression und sucht sich Hilfe bei einem Therapeuten.

Spurensuche in der eigenen Familie

Erst später begibt sie sich auf Spurensuche. Die heute 43-Jährige erinnert sich: „Ich habe alles gelesen, was ich in die Finger bekam.“ Besonders schmerzhaft war für Teege die Auseinandersetzung mit ihrer Großmutter Ruth Irene: „Sie war der Mensch, der mir als kleines Kind am wichtigsten war – ich hatte nur wenig, an das ich mich klammern konnte. Sie mochte mich, das war schon viel.“

Ruth Irene Göth war aber auch die Frau, über deren Bett bis zu ihrem Tod Amon Göths Foto hing. Die Frau, die 1975 in einem Interview sagte: „Es war eine schöne Zeit. Mein Göth war König, ich war Königin. Wer würde sich das nicht gefallen lassen?“

Teege stellt zum ersten Mal in ihrem Leben diesen Menschen infrage. „Natürlich habe ich überlegt: Wie hätte ich mich damals verhalten?“, sagt sie. „Wo war das Mitgefühl meiner Großmutter? Ein paar hundert Meter von ihrem Haus starben die Menschen, und sie feierte Feste mit Amon Göth.“

Ihre Großmutter muss wahnsinnig verliebt gewesen sein, glaubt Teege. Ihre Stimme wird weich: „Und da muss noch mehr gewesen sein, eine Art von Verstrickung, eine Abhängigkeit, die sie alles andere ausblenden ließ.“ Teege wird es nie erfahren. Ruth Irene Göth hat sich vor 20 Jahren das Leben genommen.

Mein Großvater hätte mich erschossen

Die Einzige, die Teege persönlich Antworten geben kann, ist ihre Mutter. Es braucht eineinhalb Jahre, bis sie diesen Schritt wagt und sich bei Monika Göth meldet. „Als Kind kannte ich bereits das Gefühl, abgelehnt zu werden. Davor hatte ich auch dieses Mal Angst.“ Das erste Treffen nach Jahren beschreibt Teege als „sehr schön“. Doch die Beziehung der beiden Frauen belastet nicht nur die Familiengeschichte, sondern auch die eigene Vergangenheit. Teege will endlich wissen, warum ihre Mutter sie weggegeben hat.

Ihr Buch ist deshalb mehr als die Auseinandersetzung mit ihrem Großvater Amon Göth. Es ist auch die Geschichte eines Adoptivkindes. Eine schmerzhafte, doppelte Spurensuche, die Teege heute so sieht: „Was zu Beginn ein großer Schock war, hat sich als sehr positiv für mich und mein Leben herausgestellt.“ Immer ist sie auf der Suche nach ihrer Identität gewesen. Nun fühlt sie sich angekommen.

Literaturhinweis: Jennifer Teege & Nikola Sellmair: Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 272 Seiten, 19,95 Euro.

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