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Debatte

09.04.2019

Missbrauchsvorwürfe: Darf Michael Jackson noch gefeiert werden?

Für viele bleibt er der King of Pop: Fankult um Michael Jackson in München.
Bild: Valentin Gensch, dpa (Archiv)

Trotz Missbrauchs-Filmdoku wird Michael Jackson zehn Jahre nach seinem Tod auch gefeiert: in einer Ausstellung, in Musicals. Geht denn das?

Für den unerschütterlichen Fan ist es im Grunde am einfachsten. Denn für ihn gibt es nur den einen, den wahren, den unsterblichen Michael Jackson. Und der ist nun eben, zehn Jahre nach seinem irdischen Ableben, in all seinen Facetten zu feiern.

Auch in einer großen Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn, die bis 14. Juli unter dem Titel „On The Wall“ zeigt, wie er auch in der Kunst zur Ikone wurde. Vor allem aber in Musicals: Im Deutschen Theater in München gastiert noch bis 14. April mit „Thriller“ zum wiederholten Mal eine weltweit erfolgreiche Show mit seinen Hits. Durch die ganze Republik reist derweil unter dem Titel „Beat it“ eine weitere, die am 25. April dann auch in Augsburg, danach im Münchner Zirkus Krone und im Januar dann noch in Ulm, Kempten und Ingolstadt die großen Bühnen bespielen wird. Da wiederum feiert auch am Broadway in New York ein Musical Premiere, „Don’t Stop ‘Til You Get Enough”, von seinen Erben verantwortet und das Leben der Legende erzählend … Michael Jackson, der eine, allüberall.

Hier der Künstler, dort der Mensch Michael Jackson

So unerschüttert aber dürften außer den wahren Fans nur noch wenige sein, da jetzt auch hierzulande die Dokumentation „Leaving Neverland“ im Fernsehen zu sehen war, in der Jackson einmal mehr des vielfachen Kindesmissbrauchs beschuldigt wird, dessen er zu Lebzeiten bereits zweimal angeklagt, aber letztlich nie für schuldig befunden worden war. Die eindringlichen Schilderungen zweier, nach eigenen Bekunden, ehemaliger Opfer samt der stimmigen Erklärung, warum sie erst jetzt, da sie selbst Kinder in jenem Alter haben, endlich davon erzählen können: Sie verdunkeln die Schatten nachhaltig, die auf Jackson liegen – wenn man die Vorwürfe denn eben nicht unerschütterlich als Verleumdungen abtut. Für alle anderen mag die gleichzeitige Feier des Stars mindestens schizophren wirken. Denn: Kann man den fraglos genialen Künstler Jackson vom womöglich sehr problematischen Menschen trennen?

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Die Diskussion ist eigentlich ja eine alte – und es gibt für sie ein historisches Muster. Ernst Kantorowicz hatte es unter dem zum Prinzip avancierenden Titel „Die zwei Körper des Königs“ in einer Studie entwickelt. Demnach hat der König juristisch einen natürlichen, sterblichen Körper und einen „übernatürlichen“, der, den Engeln vergleichbar, niemals stirbt. Für den Künstler könnte das heißen: Es gibt die menschliche, ob politisch oder privat, jedenfalls fehlbare Seite – aber davon unabhängig die schöpferische. Beim König des Pop aber führt auch das zu Problemen.

Das Bild vom genialisch begabten Kindmenschen Michael Jackson

Denn gerade mit seiner, erstmals tatsächlich global wirkenden Generation des Pop-Künstlers, wurde in bald multimedialer und unentwegter Bespiegelung gerade der Mensch zum Mittelpunkt des Star-Geschäfts. Was heute längst in den Wettlauf um die meisten Follower in den sogenannten „Sozialen Medien“ gemündet ist, mit direktem Fankontakt und unentwegten persönlichen Bekenntnissen und Offenbarungen, das hat damals seinen Anfang genommen.

Mag es bei Madonna etwa die persönliche und sehr intime, körperbetonte Erzählung vom emanzipatorischen Aufstieg einer Bartänzerin gewesen sein, die gewirkt hat – bei Michael Jackson war es folgend auf den Solodurchbruch mit den Alben „Thriller“ und „Bad“ die Behauptung eines genialisch begabten Kindmenschen, der sich auch das Recht nahm, öffentlich von einer besseren Welt zu träumen – und sie sich auch privat zu schaffen.

Auch für die nun als Erwachsene gegen ihn Zeugenden war er als Kinder gerade dieser Star, den sie liebten. Und in den Ikonenbildern von Jackson, wie sie nicht zuletzt der Fotograf David LaChapelle in Szene setzte, ist dieser Status eines nicht ganz irdischen, nie ganz ernüchterten, erwachsenen, eines Heiligen versinnbildlicht. Wie also da zwischen Michael Jackson und Michael Jackson unterscheiden, wenn der König des Pop eben doch nur diesen einen Körper hatte? Indem man zwischen Konstruktion und Wirklichkeit, Inszenierung und Tatsachen unterscheidet? Wer könnte das im Pop noch? Und hat MJ das denn selbst?

Für die ehemaligen Kinder und deren Mütter in der Doku zeigte sich eine ganz andere Spaltung: In die Seite eines sehr liebenswürdigen Menschen, der durchaus zum Star-Image passte – und die Seite eines seit der gedrillten Kindheit Vereinsamten und Verkümmerten, der bald schon zum nach Muster handelnden Pädophilen wurde.

Michael Jackson inspirierte zahlreiche andere Künstler

Am klarsten ist die Trennung wohl für die Ausstellung in Bonn, die ja nur die rein mediale, ikonische Inspiration bis hin zu Andy Warhol bespiegelt – und dennoch begleitend ein Diskussionsprogramm anbietet. Und am unreflektiertesten in einen Topf geworfen wurden die Verwicklungen durch Forderungen, nach der Ausstrahlung der Dokumentation auch das Spielen seiner Musik im Radio zu tabuisieren – denn wenn, dann erscheint der geniale Künstler hier ja noch am reinsten.

Problematisch aber sind die Musicals. Das für New York geplante und bereits mit einem Poster an der 44. Straße angekündigte etwa, spielt im Jahr 1992 und zeigt Michael Jackson bei den Proben für die „Dangerous World Tour“ – und spiegelt mit seinen Hits in die Zeit davor zurück. In diese Tour hinein aber brachen 1993 dann die ersten Ermittlungen gegen ihn. Und das öffentliche Bild Michael Jacksons zersplitterte. Für die Jungen in der Dokumentation aber hatte sich nach eigenem Bekunden der andere Michael Jackson längst gezeigt. Man muss womöglich unerschütterlich sein, um bei einem Musical, das solche Brüche nicht thematisiert, einfach den einen und einzigen König des Pop feiern zu können.

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