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Interview

29.10.2018

Mögen Sie Kinder, Helme Heine?

Helme Heine  vor seinen „Spiegelbildern“ im Münchner Museum Fünf Kulturen
Bild:  Nicolai Kästner/MFK

Plus Der berühmte Kinderbuchautor hat eine Ausstellung in München und erzählt aus seinem wechselvollen Leben. Köstlich: der Hintergrund zum „Elefanteneinmaleins“

Mögen Sie Kinder, Helme Heine?

Helme Heine: Mit ganz kleinen tue ich mich schwer. Ab drei, vier finde ich sie interessant. Ich hatte das Glück, dass ich durch meine zweite Frau gleich wunderbare ältere Kinder bekam. Man muss Kinder aber nicht lieben, um für sie zu schreiben.

Ist ein gewisser Abstand besser?

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Heine: Das gilt für vieles, über das man schreibt. Ich bin nicht so extrem wie Beatrix Potter, eine der großen englischsprachigen Kinderbuchautorinnen um 1900. Die war so allergisch auf Kinder, dass sie die Straßenseite wechselte, wenn ihr eins entgegenkam. Oder denken Sie an Maurice Sendak, der mit den wilden Kerlen berühmt wurde. Er hat Kinder gehasst.

Wie sind Sie Kinder-Autor geworden?

Heine: Ich habe ja zwölf Jahre in Südafrika gelebt, hatte dort ein eigenes Kabarett, das hieß „Sauerkraut“. Dafür hatte ich schon viele Texte geschrieben. Als ich einmal ein Kinderbuch kaufen wollte, fand ich nur banale Geschichten. Ich sagte mir, das kann ich besser.

Aus dieser Nummer kamen Sie nicht mehr raus.

Heine: Nein. Mir war allerdings sofort klar, dass ich ein Buch mit einer elementaren Thematik machen möchte, eins, das ab etwa vier Jahren verstanden wird und dann auch Geschwister, Eltern und Großeltern interessiert. So ist 1975 das „Elefanteneinmaleins“ entstanden.

„Die Kinderbücher sichern meine Rente“

Mit dem Altwerden und dem Tod geht das Buch wirklich ans Grundsätzliche.

Heine: Das bewegt uns alle. Heute wird das Buch übrigens in Kindergärten und Altenheimen gelesen.

Stört es Sie, dass Sie trotzdem durch die Kinderbuchbrille gesehen werden?

Heine: Durch die Kinderbücher bin ich unabhängig geworden, sie geben mir Freiheit und sichern meine Rente. Warum sollte ich mich daran stören? Die deutsche Einteilung in U und E ist mir fremd, dazu habe ich einfach zu lange in angelsächsischen Ländern gelebt. Friedrich Dürrenmatt hat mir mal erzählt, er könne schon deshalb nie den Literaturnobelpreis bekommen, weil er zwei Krimis geschrieben habe.

Sie passen sowieso in keine Schublade. Neben Büchern und Kabarett gibt es da noch Musicals, die Sie inszenieren, Theater, Skulpturen, Filme, Design. Als was würden Sie sich bezeichnen?

Heine: Als Lebenskünstler. Ich lebe sehr intensiv.

Woher kommt das?

Heine: Durch Afrika, das war die schwierigste Zeit in meinem Leben. Ich bin achtmal ausgeraubt worden, war manchmal bettelarm. Aber ich war immer von Menschen umgeben, die getanzt und gesungen haben und die aus Kleinigkeiten etwas kreieren konnten. Das hat mir Kraft gegeben, mein Leben zu meistern. Das Glück hängt ja nicht von der Größe des Geldbeutels ab. In Afrika bin ich zum Künstler geworden.

„Alle wollen ein Aluminiumboot mit Außenborder -  und wie im 19. Jahrhundert leben“

Sie sind wieder auf dem Sprung nach Neuseeland. Das Land ist Thema einer Schau im Museum Fünf Kontinente – mit Maori-Kunst und Ihren Werken.

Heine: Das ist eine weitere Seite von mir. Hier blicke ich auf das Land, in dem ich seit 30 Jahren lebe. Die Bilder dieser Ausstellung haben einen deutlichen politischen Unterton, mit einer Prise Humor gewürzt.

Wie in Ihren Büchern spielt auch auf diesen Bildern das Gemeinsame eine Rolle. In diesem Fall von Maori und Pekaha, den Einwohnern mit überwiegend europäischen Vorfahren.

Heine: Auf diesen zwei Inseln im Südpazifik sitzen alle in einem Boot. „Wir sind eine Nation“ lautet das Zauberwort dieses Vielvölkerstaats. Vor 25 Jahren hat mich die Begegnung mit Whina Cooper politisiert. Sie war eine geachtete Symbolfigur für die Rechte der Maori. Whina hatte ihre Sorge auf den Punkt gebracht: „Alle wollen einen Ford Bronco fahren und ein Aluminiumboot mit Außenborder – aber noch so leben wie im 19. Jahrhundert, bevor die Europäer kamen. Das geht nicht“. Trotzdem ist Neuseeland eines der friedlichsten Länder, die ich kenne. Es gibt keine Apartheid, die mich Ende der 70er Jahre veranlasste, Südafrika zu verlassen.

Das Hobby des Elefantenaus dem Krüger-Nationalpark

Hatten Sie sich damals nicht für München entschieden?

Heine: Ja, und gleich die Wohnungssuche wurde zum unvergesslichen Erlebnis. Als wir im Olympiadorf eine Wohnung im obersten Stock besichtigen wollten und aus dem Fahrstuhl stiegen, hatte ich ein Maschinengewehr vor dem Bauch. Das war vor der Wohnung des damaligen Bundesjustizministers Hans-Jochen Vogel, der in RAF-Zeiten so beschützt werden musste.

Wem kommen Sie am nächsten von Ihren drei „Freunden“? Waldemar, Franz von Hahn, Johnny Mauser? Und was ist mit Tabaluga?

Heine: Es steckt in jeder Figur ein bisschen Helme Heine. Wobei mir der Elefant aus dem allerersten Buch „Elefanteneinmaleins“ doch am besten gefällt. Der geht auf eine Geschichte aus dem Krüger-Nationalpark zurück. Da gab es einen Elefanten, der eigentlich ganz friedlich war. Nur wenn er einen VW Käfer sah, ließ er sich schön fotografieren und setzte sich dann auf die Kühlerhaube, bis die Achse brach. Dann verschwand er wieder im Busch. Er hat um die 20 Volkswagen platt gemacht.

Wir sind gut über der Zeit, und Sie haben kein einziges Mal auf die Uhr geschaut.

Heine: Da hat mich Neuseeland geprägt. Die Menschen dort leben im Jetzt, während sich in Europa fast jedes Gespräch um die Zukunft dreht. Dabei muss man aufpassen, das Leben nicht zu versäumen.

Zur Person: Helme Heine, der 1941 in Berlin geborene Kinderbuchautor, Zeichner und Designer, hat so berühmte Kinderbücher wie „Na warte, sagte Schwarte“, „Freunde“ und „Tabaluga“ entworfen. Er lebt seit 1990 auf Neuseeland. Das Münchner Museum Fünf Kontinente (Maximilianstraße 42) zeigt gerade eine Ausstellung seiner so genannten „Spiegelbilder“ – in Verbund mit ethnischer Kunst und neuseeländischer Landeskunde (bis 28. April). Interview: Christa Sigg

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