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Interview

25.04.2020

Musik-Agent: „Bis 31. August verdienen wir keinen Cent“

2020 hätte ein schöner Konzertsommer werden können – wenn Corona nicht dazwischengekommen wäre: Lothar Schlessmann (links) neben Hans-Jürgen Buchner, dessen Band Haindling er mit seiner Konzertagentur betreut.
Bild: Schlessmann

Plus Lothar Schlessmann telefoniert gerade pausenlos, um die Arbeit des vergangenen Jahres rückgängig zu machen. Er muss bis zu 100 Shows absagen und versucht zu retten, was zu retten ist.

Herr Schlessmann, Sie sind der Agent der Spider Murhpy Gang, der Münchener Freiheit und von Haindling. Beschert Ihnen das Verbot der Großveranstaltungen gerade extra viel ungewollte Freizeit?

Lothar Schlessmann: Nein, ich telefoniere gerade ganze Tage durch und wickle die komplette Sommersaison ab.

Was heißt das?

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Schlessmann: Ich suche Ausweichtermine für 80 bis 100 Konzerte, gleichzeitig storniere ich Flüge, Leihautos, Hotelbuchungen, ich mache also meine komplette Arbeit des letzten Jahres rückgängig.

In was für einem Moment hat Sie die Corona-Krise erwischt?

Schlessmann: Die ganze Veranstaltungsbranche stand sehr gut da und hatte große Pläne.

Eine Zwischenfrage, wenn Sie jetzt von der kompletten Branche reden – wie groß ist diese im Vergleich zu anderen?

Schlessmann: Mir wurde einmal gesagt, dass die komplette Entertainment-Branche die dritt- bis viertgrößte Branche ist, zum Beispiel noch vor der Chemie-Industrie. Da gehören auch die Plattenfirmen und andere Medienunternehmen dazu. Aber auch die Konzertbranche allein ist groß und umsatzträchtig – mit sehr viel Publikumskontakt und einem breit gefächerten Angebot. Die ganze Branche besteht aus vielen kleinen Firmen und Agenturen und ist eher kleinteilig zu sehen.

Wie sieht das im Konkreten aus, also zum Beispiel bei Ihrer Agentur Hello Concerts?

Schlessmann: Meine Arbeit besteht nicht nur darin, die Künstler als Agent zu betreuen, sondern ich produziere auch die Shows. Pro Produktion sind zusätzlich circa 15 weitere Personen engagiert, die mit unterwegs sind. Hinter allen stehen Familien. An den Konzerten hängen die Einkünfte von 40 bis 50 Familien. Diese Umsätze sind bis Ende August auf null gefallen.

Gab es eine vergleichbare Situation in Ihrem über 30-jährigen Berufsleben als Agent?

Schlessmann: Nein, noch nie. Nach dem 11. September wurde einmal der Fasching abgesagt, das hatte eine andere Dimension.

Fallen Sie gerade in Trübsal?

Schlessmann: Ich habe im Augenblick keine Zeit, depressiv zu werden, ich versuche zu retten, was noch zu retten ist.

Was ist noch zu retten?

Schlessmann: Ich suche Auftrittsalternativen, die nach dem 31. August realisierbar sind. Das ist aber aufgrund der fehlenden Perspektiven schwierig.

Wenn Sie Termine für September oder Oktober 2020 ausmachen, haben Sie da nicht schon Bauchschmerzen?

Schlessmann: Es gibt ein schlechtes Bauchgefühl, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Das muss ich dazusagen. Außerdem bleibt mir nichts anderes über. Es hängt so viel hintendran, und wir können ja nicht aufhören zu leben. Die Leute wollen auch auf Konzerte gehen. Gleichzeitig ist die Unsicherheit extrem. Kartenvorverkäufe für Veranstaltungen im November finden gerade nicht statt. Ich glaube, dass die Nachwirkungen des Shutdowns für unsere Branche noch sehr lange anhalten werden. Wir wissen ja auch gar nicht, welche Auflagen es danach geben wird.

Bitte ein Beispiel.

Schlessmann: Ich kann in einer Halle für 1000 Zuschauer keine zwei Meter Abstand halten, das geht nicht. Nur 200 Leute reinzulassen, geht aber auch nicht. Das rechnet sich wirtschaftlich nicht, und von einem Konzerterlebnis lässt sich dann auch nicht mehr reden – weder für den Musiker noch für den Besucher.

In verkleinertem Publikum und größeren Abständen sehen Sie keine Zwischenlösung?

Schlessmann: In Augsburg hat der Intendant des Staatstheaters darüber nachgedacht, die Freilichtbühnensaison zu retten, in dem er statt vor 2000 vor 600 Besuchern spielt. So etwas geht nur, wenn man als subventionierter Betrieb die wirtschaftliche Dimension außen vor lassen kann. Und dann vergisst man dabei, dass das Gemeinschaftserlebnis nicht mehr stattfindet, wenn alle räumlich getrennt werden. Für mich ist so etwas als Alternative undenkbar.

Wir alle wissen nicht, wie wir aus der Nummer wieder rauskommen

Wie bewerten Sie die psychischen Folgen von Corona, wenn sich durch den Shutdown und die Kontaktbeschränkungen ein Verhalten festsetzt, große Ansammlungen von Menschen zu meiden?

Schlessmann: Darüber mache ich mir Gedanken. Wenn jemand eine soziale Phobie hat, dem kommt die Corona-Krise entgegen. Für alle anderen ist das anders. Um seine Gefühle miteinander zu teilen, muss man sich in irgendeiner Form spüren. Und wir alle wissen jetzt nicht, wie wir aus der Nummer wieder rauskommen.

Sie können bis Ende August keine Umsätze verbuchen. Halten Sie das so lange durch, das ist doch unmöglich?

Schlessmann: Mit unmöglich dürfen wir nicht anfangen. Wir müssen uns darauf einstellen, Musiker, Techniker, Agenten, alle in unserem Geschäft, dass wir bis zum 31. August keinen Cent verdienen. Mit dieser Realität, so bitter sie ist, muss jeder klarkommen, da ist jeder Einzelne selbst gefordert. Und es ist wichtig, dass die kleinen Freiberufler unterstützt werden. Die haben nicht die Polster, ein halbes Jahr zu überleben.

Das sind zum Beispiel die Mitarbeiter, die Sie für die Shows verpflichten?

Schlessmann: Die meine ich. Ich kann diese Verantwortung nicht übernehmen. Der Staat kann das teilweise machen. Jeder muss sie für sich selbst übernehmen.

Und verkraften Sie das?

Schlessmann: Ich schaue gerade, dass sich das Ganze nicht in Luft auflöst, wenn es wieder weitergeht. Ich mache Termine für September, Oktober und das nächste Jahr aus. Dieser Ausblick für die Zeit nach der Corona-Krise ist auch meinen Künstlern wichtig.

Gibt es da nicht schon den Zweifel, dass Sie möglicherweise noch länger absagen müssen?

Schlessmann: Natürlich denke ich mir das. Die erste Ohrfeige bis zum 19. April war noch relativ leicht zu nehmen. Die zweite Ohrfeige bis zum 31. August ist – ich spreche für mich – vielleicht noch mit einem blauen Auge überlebbar. Wenn es danach nicht weitergeht, wäre das für viele ein K.-o.-Kriterium. Dann geht es mit der freien Kulturwirtschaft langsam zu Ende. Wir brauchen Perspektiven. Für mich wäre eine solche Perspektive, in Augsburg im nächsten Jahr wieder Konzerte auf der Freilichtbühne veranstalten zu können.

Wie kommen Ihre freiberuflichen Mitarbeiter mit der Situation klar?

Schlessmann: Von einem Trucker, der sonst mit auf Europa-Tour ist, habe ich gehört, dass er Beton und Futtermittel abwechselnd fährt, der hat es gut. Ein Veranstaltungstechniker, der hoch qualifiziert und schwer gebucht ist, hat wenig Alternativen.

Herr Schlessmann, haben Sie einen Überblick darüber, was das Corona–virus deutschlandweit in der Veranstaltungsbranche angerichtet hat?

Schlessmann: Von Eventim habe ich erfahren, dass bis Ende April 55 000 Veranstaltungen abgesagt worden sind.

(Das Telefon klingelt, Schlessmann hebt ab)

Schlessmann: Münchener Freiheit machen wir jetzt am 23. September? 13. September sagst Du? Gut, machen wir. (Legt wieder auf)

Warum hat es bislang teilweise lang gedauert, bis Veranstaltungen abgesagt worden sind?

Schlessmann: Ich hatte am 23. April ein Konzert mit der Spider Murphy Gang in Aschaffenburg. Der Mietvertrag war mit der Stadt Aschaffenburg unterschrieben, der so lange gilt, bis die Veranstaltung behördlicherseits nicht durchführbar ist. Erst als die Behörden das offiziell untersagten, konnte ich reagieren.

Eigentlich sollten die Fans ihren Künstlern die Treue halten

An Kartenkäufer haben Sie eine Bitte.

Schlessmann: Er sollte jetzt die Einsicht haben, dass eine Rückabwicklung Zeit benötigt und in dieser Situation nicht von heute auf morgen geht. Eigentlich sollten die Fans ihren Künstlern und allen, die dranhängen, die Treue halten und die Karten für die Ausweichtermine annehmen.

Hat die neue Regelung mit der Absage von Großveranstaltungen bis 31. August mehr Klarheit geschaffen?

Schlessmann: Niemand weiß genau, wie eine Großveranstaltung definiert wird. Das sagt keiner genau. Wir brauchen klare Statements, damit wir wissen, woran wir sind.

Wenn Sie jetzt Ihre Shows absagen, auf welcher Basis machen Sie das jetzt?

Schlessmann: Ich gehe jetzt davon aus, dass eine Konzertveranstaltung ab einer gewissen Größe nicht genehmigt wird. So hangele ich mich da weiter. Auf das Wort „groß“ kann ich im Moment keine Rücksicht nehmen.

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