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Literatur-Nobelpreis

08.10.2019

Nach Sex- und Betrugsskandal: Wer wird Nobelpreisträger?

Anne Carson
Bild: picture alliance

Am Donnerstag gibt die Schwedische Akademie zwei neue Literatur-Nobelpreisträger bekannt. Nach dem Sex- und Betrugsskandal soll dies der Wendepunkt werden.

Dieses Jahr gab es keine Austern. Stattdessen servierte kürzlich die Schwedische Akademie ihren Gästen beim traditionellen Empfang auf der Göteborger Buchmesse einen bodenständigen Västerbottenpaj, eine Art Quiche mit viel würzigem, schwedischem Käse. Für manche Gäste – darunter auch eine Reihe Literaturkritiker aus der Hauptstadt Stockholm – war der Wechsel im Menü mehr als eine Laune des Küchenteams.

Sie deuteten ihn als Teil des Bildes, das die Schwedische Akademie nach dem Sex- und Finanzskandal rund um den Literaturnobelpreis im vergangenen Jahr von sich vermitteln will: eine Institution, die heruntergestiegen ist von ihrem hohen Ross und jetzt fast demütig-bescheiden auftritt. Die sehr wohl weiß, dass vor einem Jahr noch ihre Existenz wankte. Über die Aussagekraft einer Speisekarte kann man streiten, aber nicht darüber, dass das Nobelpreiskomitee im Fach Literatur seine Unantastbarkeit dahingeben musste. Sex, Verrat, Lüge und Missgunst: Mehr Intrige als 2018 hat die Schwedische Akademie in ihrer 233-jährigen Geschichte nicht erlebt. 2019 soll endlich wieder die Literatur im Mittelpunkt stehen.

Gleich zwei Literatur-Nobelpreisträger werden bekanntgegeben

Wenn an diesem Donnerstag gleich zwei Preisträger verkündet werden, dann hat eine Reihe von Personen der Literatur-Jury nicht mehr angehört: allen voran die Literatin Katarina Frostenson, die nach den #MeToo-Enthüllungen um ihren Ehemann, den Franzosen Jean-Claude Arnault, von sich aus zurückgetreten war. Arnault wurde 2018 von einem Berufungsgericht in Stockholm zu zweieinhalb Jahren Haft wegen Vergewaltigung verurteilt.

Maryse Condé
Bild: picture alliance

Über zwei Jahrzehnte hinweg hat er Frauen zum Sex gezwungen und damit gedroht, ihre Karriere zu zerstören. Derweil lebte das Paar mit satter Unterstützung der Schwedischen Akademie in einer edlen Stockholmer Wohnung und ließ sich private Kultur-Aktivitäten fördern. Aus Protest gegen den Umgang mit dem Skandal waren drei weitere Mitglieder des 18-köpfigen Nobelpreisgremiums zurückgetreten. Sara Danius, seit 2015 Ständige Sekretärin und so etwas wie das Gesicht der Akademie, wurde zum Bauernopfer.

Heute verkauft die Schwedische Akademie, die durch ihre in zwei Jahrhunderten ständig gewachsene Bedeutungsschwere offensichtlich nicht mehr in der Lage war, an die eigene Fehlbarkeit überhaupt zu denken, die Erschütterungen als Chance, sich zu erneuern und zeitgemäßer zu werden. Zum ersten Mal bestimmen diesmal auch fünf externe Jurymitglieder die beiden Nobelpreisträger. Man wolle die „eurozentrische Perspektive“ und den Fokus auf männliche Autoren ablegen, erklärte Anders Olsson, Vorstand des Nobelpreiskomitees für Literatur. Bisher sind nur 14 Frauen unter den 114 Ausgezeichneten.

Ngugi wa Thiong’o
Bild: picture alliance

"Das Vertrauen wird nicht über Nacht zurückkehren"

Literaturexperten weltweit sind seit dieser Ankündigung überzeugt davon, dass mindestens einer der beiden Preisträger weiblich sein wird. Mit am häufigsten genannt wird der Name Maryse Condé. Die 82-jährige Schriftstellerin aus Guadeloupe, auch als „Königin der karibischen Literatur“ bezeichnet, hat in der Auseinandersetzung mit dem (Post-)Kolonialismus ihr Lebensthema gefunden und im vergangenen Jahr schon den neu geschaffenen Alternativen Literaturnobelpreis gewonnen. Favoritinnen bei den Buchmachern sind auch die 79-jährige kanadische Star-Autorin Margaret Atwood („Der Report der Magd“, „Die Zeuginnen“) und ihre Landsfrau Anne Carson.

Die Altphilologin transferiert mythologische Stoffe preisverdächtig in die Gegenwart. Unter den männlichen Autoren werden die bekannten Favoriten auch diesmal am höchsten gehandelt: Ngugi wa Thiong’o, 81, einer der wirkmächtigsten Autoren Afrikas, und der melancholische Haruki Murakami, 70, aus Japan. Dass die Gewinner von verschiedenen Kontinenten stammen werden, gilt ebenfalls als wahrscheinlich.

Margaret Atwood
Bild: picture alliance

Aber kann es überhaupt gelingen, das „Vertrauen in die Institution wiederherzustellen“, wie es das Nobelpreiskomitee mit seinen Neuerungen hofft? Es kann, sagt Autor Heinrich Peuckmann, Generalsekretär beim deutschen Ableger der angesehenen Schriftstellervereinigung Pen International. Ein Großteil der renommiertesten deutschen Autoren ist dort Mitglied – etwa die Büchner-Preisträger Felicitas Hoppe und Jan Wagner.

„Das Vertrauen wird nicht über Nacht zurückkehren“, erklärt der Novellist und Krimiautor Peuckmann. „Aber wenn es dem Komitee gelingt, wegweisende, anregende Entscheidungen zu treffen, kann der Nobelpreis wieder das sein, was er so lange war: ein Leuchtturm für die Literatur.“ Die Auswahl am Donnerstag müsse der Auftakt dafür sein.

Hier gibt es eine Übersicht über die Nobelpreisträger 2019.

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