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Nachruf James Levine
17.03.2021

Weltkarriere mit spätem Knacks: Zum Tod des Dirigenten James Levine

Energiebündel am Pult: James Levine (1943-2021) beim Proben. Am 9.März ist er gestorben.
Foto: Stephan Jansen, dpa (Archivbild)

US-Dirigent James Levine ist mit 77 Jahren in Kalifornien gestorben. Zuletzt waren Missbrauchsvorwürfe gegen das einstige Wunderkind laut geworden.

Sieht man einmal von Leonard Bernstein ab, war der aus Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio gebürtige James Levine der genuin amerikanische Dirigent in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und das nicht nur wegen des Faktums der Geburt, sondern vor allem, weil dieser Mann Jahrzehnte lang mit einer der großen Klassik-Institutionen seines Landes verbunden war: der Metropolitan Opera in New York. Nun hat das Opernhaus bestätigt, dass James Levine bereits am 9. März im Alter von 77 Jahren im kalifornischen Palm Springs gestorben ist.

Levine, 1943 geboren als Sohn einer jüdischen Familie, war das, was man ein Wunderkind nannte. Seine musikalische Begabung zeigte sich früh und fürs erste vor allem am Klavier. Das Talent wurde intensiv gefördert, der junge Levine hatte hervorragende Lehrer in verschiedensten musikalischen Disziplinen, was ihm zum Vorteil geriet. Zunehmend trat das Dirigieren in den Vordergrund, sodass George Szell auf den energiegeladenen Wuschelkopf aufmerksam wurde. Der legendäre Chef des Cleveland Orchestra verpflichtete ihn Ende der 60er Jahre als Assistenten. Von da an ging es steil bergauf mit der Karriere – kein US-Orchester von Rang, das in der Folgezeit nicht bei Levine anklopfte und wegen eines Gastauftritts anfragte.

Mit "Tosca" gab James Levine sein Debüt an der Met

1971 gab der junge Dirigent sein Debüt an der Metropolitan Opera mit Puccinis „Tosca“, einem Stück, in dem er seine Fähigkeit zu glühender Dramatik bestens zur Entfaltung zu bringen vermochte. Schon im nachfolgenden Jahr wurde er Chefdirigent, 1976 dann Musikdirektor des Hauses und schärfte das künstlerische Profil des stets zur Schwerfälligkeit neigenden Operntankers derart erfolgreich, dass später sogar eigens für ihn die Position des Künstlerischen Direktors geschaffen wurde. Eine symbiotische Verbindung, die bis vor wenigen Jahren reichte. Mehr als 2000 Vorstellungen hat Levine in viereinhalb Jahrzehnten an der Met dirigiert, nicht nur die Evergreens des Repertoires, sondern auch Uraufführungen zeitgenössischer Komponisten.

James Levine während seiner Zeit als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.
Foto: Frank Mächler, dpa

Der Einsatz für die Met hat den umtriebigen Dirigenten nie davon abgehalten, auch andere Musikregionen zu pflegen. Und so stieg Levine in den 70er Jahren zu einem der meistbeschäftigten Orchesterleiter des globalen Klassikbetriebs auf, der bei großen Opernhäusern ebenso Halt machte wie er Gastdirigate bei namhaften Orchestern gab und daneben auch die wichtigsten Festivals nicht ausließ. In Salzburg trat er ebenso auf wie in Bayreuth, wo er mehrfach Wagner-Produktionen musikalisch verantwortete.

1999 verpflichteten ihn – neben seinem anhaltenden Engagement für die Met – die Münchner Philharmoniker als Chefdirigent. Keine leichte Aufgabe für den Amerikaner in der Nachfolger des konträr gelagerten Sergiu Celibidache, der das Orchester stark geprägt hatte. Levine setzte vor allem in den Programmgestaltung neue Impulse, nahm aber schon nach fünf Jahren seinen Hut und wandte sich dem Eliteorchester in Boston zu.

Levine bestritt die Missbrauchs-Vorwürfe bis zu seinem Tod

Der große Karriereknick kam für den Pultstar 2016, als er eines lange zurückliegenden sexuellen Übergriffs an einem Knaben beschuldigt wurde. Die Met setzte die Zusammenarbeit zunächst aus, trennte sich nach einer internen Untersuchung, die weitere Missbrauchs-Anschuldigungen zum Gegenstand hatte, jedoch vollständig von Levine. Der bestritt stets die erhobenen Vorwürfe und klagte vor dem Obersten Gericht in New York auf Schadensersatz. Vor zwei Jahren kam es zur Einigung der Kontrahenten.

Ein unschönes Finale einer rein künstlerisch betrachtet eindrucksvollen Laufbahn. Rund 200 Aufnahmen hat Levine hinterlassen. Als Operndirigent war er Garant für packende Spannung, insbesondere in den Werken Verdis und Puccinis, deren tragische Konfliktzuspitzung er mit elektrisierenden Klangbildern umgab. Und im sinfonischen Repertoire war, neben einem besonderen Sensorium für die Moderne (gerade auch die rhythmisch pulsierende amerikanische), die Spät- und Spätestromantik seine Domäne, Mahler etwa, dessen emotionale Zerrissenheiten er bewegend schmerzensschön gestalte. Die Klassik ist um einen faszinierenden Dirigenten aus der immer ferner rückenden Tradition des 20. Jahrhunderts ärmer geworden.

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