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Aufführungskritik

03.12.2020

Neuer "Fallstaff" an der Staatsoper München: Dann spielen wir eben Premiere

Falstaff (Wolfgang Koch) würde gerne, doch Alice (Aylin Pérez) treibt ihr Spiel mit ihm: Szene aus der Münchner Verdi-Inszenierung.
Bild: Wilfried Hösl, Bayer. Staatsoper

Plus Die Staatsoper München legt eine Neuinszenierung vor, die sich scheinbar in nichts von einem herkömmlichen Opernabend unterscheidet. Und doch ist da etwas anders.

Wie immer kommt der Dirigent von rechts auf seinem Weg zum Arbeitsplatz. Dass er sich diesmal nicht gar so durchzwängen muss, weil die Musiker jetzt in deutlich größerem Abstand voneinander sitzen, und dass er dabei eine Maske trägt, die er erst nach Erreichen des Pults sich vom Gesicht nimmt, fällt schon gar nicht mehr groß auf. Umso mehr sticht etwas anderes hervor. Wo das Erscheinen des Dirigenten, hier ist es der Italiener Michele Mariotti, normalerweise Applaus aufbranden lässt, bleibt es im Halbrund des Münchner Nationaltheaters an diesem Abend – gespenstisch still. Kein Platz besetzt, das Publikum ist außen vor. Nach einem Schreckmoment dann doch noch leises Geklapper: Die Musiker schlagen mit den Bögen auf die Instrumente, eine Beifallsgeste, um die Peinlichkeit des Moments ein wenig abzumildern.

Oper im Lockdown-Herbst, Giuseppe Verdis „Falstaff“ hygienekonform live auf der Bühne, aber nicht als Live-Erlebnis mitzuverfolgen, sondern nur in gestreamter Form am Bildschirm. Es ist das erste Mal, dass die Bayerische Staatsoper die Premiere einer Neuinszenierung vor leerem Saal stattfinden lässt. Eine Maßnahme wegen Corona – und zugleich bewusst gegen Corona gesetzt, um sich von der Pandemie nicht völlig das künstlerische Heft aus der Hand nehmen zu lassen.

"Falstaff" kommt über kurz oder lang ins Repertoire der Staatsoper

Das war im Falle des „Falstaff“ schon einmal so, Verdis letzte Oper hätte im Sommer bei den Opernfestspielen Premiere haben sollen, war da aber Opfer des ersten Kulturlockdowns. Jetzt ein trotziges Bekenntnis des Opernhauses, dass man trotz versperrter Türen spielen will und nicht zuletzt ein Publikum erreichen will. Natürlich gehört zum Kalkül, dass man den komplett neu einstudierten „Falstaff“ ins Repertoire übernehmen und somit über kurz oder lang wieder vor Publikum aufführen wird. Trotzdem, ein solcher „Als ob“-Premierenabend – mitsamt halbstündiger Pause nach dem zweiten Akt – ist ein starkes Zeichen, den Kopf nicht in den Sand stecken zu wollen.

Das Schlussbild des neuen Münchner "Falstaff": Die Protagonisten sind während der Fuge nur virtuell zu erleben.
Bild: Wilfried Hösl/Staatsoper

Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik hat die auf Shakespeare zurückgehende Geschichte vom Schluckspecht und Schürzenjäger, der hopplahopp zu Geld wie zu amourösen Gelegenheiten kommen will und dabei zweimal auf die Nase fällt, ins Heute übertragen in das Milieu der Neuen Reichen. Zentraler Ort ist ein Casino – auf der Bühne ziehen hohe Türen, mal offen, mal geschlossen, wie Paravents in Dauerschleife vorüber und geben Blicke frei ins vergnügungssüchtige Innere. Die Damen, an die Falstaff hier gerät, tragen Pelzjäckchen und glitzernde Fummel, und wenn sie zusammen ihre Intrige gegen den Zudringling aushecken, nippen sie gerne am Schampus.

Wolfgang Koch gibt die Titelfigur alles andere als plump, trotz rollengerecht ausgestellter Leibesfülle ist sein Falstaff alles andere als eine Witzfigur. Kochs Stimmklang ist dabei kraftvoll, ins Buffoneske wechselt er nur selten und auch nur mit dem Ziel, das Komische ins Sarkastische zu wenden. Das Frauenquartett mit Judit Kutasi, Daria Proszek, Elena Tsallagova und Aylin Pérez ist exquisit besetzt, vor allem Letztere ist mit ihrer stimmlichen wie darstellerischen Präsenz als Alice eine Wucht. Michele Mariotti dirigiert dazu einen trocken-elastischen „Falstaff“.

Falstaffs Resümee: "Ein jeder wird geprellt"

Die Inszenierung gibt sich bewegt und detailfreudig, kann mit neuen erhellenden Aufschlüssen aber nicht aufwarten. Zum Schluss freilich hat Regisseurin Koležnik dann doch noch eine Überraschung parat. Die finale Fuge wird nicht live gesungen und musiziert, vielmehr erscheinen die Sängerprotagonisten in Projektion auf einer mitten auf die Bühne gepflanzten Staffelei. Während die Musik also vom Band erklingt, versammeln sich links und rechts der Staffelei die Beteiligten der Aufführung leibhaftig und maskentragend, Solisten und Choristen, Dirigent und Chordirigent – so, wie man nach Ende einer Aufführung eben auf der Bühne zusammenkommt und nach vorne tritt, um die Reaktionen des Publikums entgegenzunehmen. Dazu macht die Streaming-Kamera einen Schwenk ins Auditorium mit seiner gähnenden Leere und Falstaffs Resümee des Weltenlaufs ertönt: „Ein jeder wird geprellt.“ Für die Live-Kultur in diesen Tagen gilt das auf jeden Fall.

Weiterhin zu sehen als Video on demand unter www.staatsoper.tv.

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