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Neues Theaterstück
08.09.2020

Ferdinand von Schirach fragt: Wer entscheidet über unseren Tod?

Typisch Ferdinand von Schirach: Auch in "Gott" tauschen Befürworter und Gegner ihre Argumente aus.
Foto: Jörg Carstensen, dpa

Der Bestseller-Autor fordert in seinem neuen Stück „Gott“ zur Auseinandersetzung mit dem Thema Sterbehilfe auf. Und liefert starke Argumente für Pro und Contra.

Im Laufe des Erwachsenwerdens durchlaufen Kinder eine Phase, in der sie ihre Eltern mit einer speziellen Frageart löchern. Den "Was würdest du tun"-Fragen. Am beliebtesten: Was würdest du tun, wenn du eine Million Euro gewinnen würdest? Die Kinder fragen und fragen, auch, um ein einordnendes Koordinatensystem für eigene Entscheidungen zu entwickeln, die Eltern antworten und antworten, sind irgendwann erschöpft und verschaffen sich Zeit mit der Ausflucht: Da muss ich erst einmal nachdenken.

Auch Ferdinand von Schirach, Schriftsteller, liebt die "Was würdest du tun"-Fragen. In seinem Fall aber sind es die ganz großen. Darf man das Leben weniger Menschen opfern, um das von vielen zu retten? Darum geht es in seinem Theaterstück "Terror". Das Publikum entscheidet am Ende, ob ein Bundeswehrsoldat, der ein von Selbstmord-attentätern gekapertes Flugzeug mit einer Rakete abschießt, um Schlimmeres zu verhindern, schuldig gesprochen werden soll. Über eine halbe Million Menschen sahen das Stück im Theater, mehr als 60 Prozent plädierten für Freispruch.

"Gott" kommt zeitgleich auf zwei Bühnen

Nun also fragt Ferdinand von Schirach erneut. In seinem Stück "Gott", das am heutigen Donnerstag gleichzeitig in Berlin und Düsseldorf uraufgeführt und am Montag als Buch erscheinen wird, verlangt er von Theaterbesuchern oder Lesern ein Urteil, zumindest aber die Auseinandersetzung mit großen Fragen. Wem gehört unser Leben? Wer entscheidet über unseren Tod? Zugrunde liegt das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar dieses Jahres, mit dem das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe gekippt wurde. Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben schließe die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und dabei Angebote von Dritten in Anspruch zu nehmen, so die Richter. Seitdem ist es Ärzten wieder erlaubt, sterbewilligen Menschen bei deren medikamentösem Suizid zu assistieren.

Dem ehemaligen Strafverteidiger Schirach geht es dabei nicht um die grundsätzliche rechtliche Frage, sondern vor allem um die ethische. Das Theater wird ganz klassisch zur moralischen Anstalt, die Bühne zum Ort der gesellschaftlichen Debatte. Soll ein Arzt einem Menschen beim Suizid helfen? Darf sich der Staat einmischen? Wird dadurch das Sterben verhandelbar? Was macht das mit den hochbetagten Menschen: Wird irgendwann Druck entstehen, den Angehörigen nicht länger zur Last zu fallen und sich aus dem Leben zu verabschieden?

Im Stück befragt dazu im Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften der Deutsche Ethikrat in öffentlicher Sitzung Mediziner, Juristen, auch einen Bischof und den Rentner Richard Gärtner. Gärtner ist ein kerngesunder Endsiebziger. Es könnten ihm also noch ein oder zwei Jahrzehnte bleiben, Zeit für seine Kinder und Enkelkinder, Zeit für Freunde, für Reisen und andere schöne Dinge, aber Gärnter ist nach dem Tod seiner Ehefrau zutiefst lebensmüde. "Ich will einfach nur in Ruhe sterben", gibt er vor der Vorsitzenden des Ethikrates zu Protokoll. Beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat er eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital beantragt.

Wer sterben will, ist nicht amoralisch

Weil Gärnter aber völlig gesund ist, lehnte das Institut die Herausgabe ab. Nun will er seinen Fall öffentlich machen, "damit alle verstehen, dass es in Ordnung ist, dass ich sterben will. Ich will, dass man Menschen wie mir hilft. Ich will sterben, und das ist nicht amoralisch, egoistisch oder krank."

An diesem extremen Beispiel beleuchtet Schirach nun Pro und Kontra, lässt Befürworter und Gegner ihre Argumente austauschen. Er führt die wichtigsten Einwände vor, beispielsweise, ob den Sterbewilligen nicht anders geholfen werden könne, als ihrem Wunsch zu entsprechen. Laut aktueller Forschung waren über 90 Prozent der Menschen, die sich das Leben nahmen, psychisch krank. "Sie nehmen sich eben gerade nicht freiwillig und selbstbestimmt das Leben", erklärt der medizinische Sachverständige.

Und wird das Angebot des begleitenden Sterbens nicht auch zu einer erhöhten Nachfrage führen? Wäre es nicht viel wichtiger, todkranken Menschen ein würdevolles und schmerzfreies Sterben zu ermöglichen, statt ihnen den Ausweg des begleiteten Suizids anzubieten? Auf der anderen Seite argumentieren ebenfalls Juristen und Mediziner, fragen nach: "Ist es besser, die Menschen auf Stricke, Messer, Sprünge aus Hochhäusern und anderen grausamen Irrsinn zu verweisen?"

Auch hier stimmen die Zuschauer am Ende ab

Schirach führt überzeugende Plädoyers, auf jeder Seite. Mit großem Ernst, ohne ironische Brechung. Er ist als Dramatiker wie auch als Schriftsteller vor allem Menschenfreund. Einer, der andere verstehen möchte. Der überhaupt einfach verstehen möchte. Und der von anderen verstanden werden möchte. Auch in "Gott", wie schon in "Terror", über-erklärt er gelegentlich den Sachverhalt, so als wolle er ganz sichergehen, dass ihm die Zuschauer folgen, landet tatsächlich dann bei Adam und Eva. Nichts geschieht beiläufig oder leise, das ganze Stück ist ausbuchstabiert. Mehr inhaltsgetriebene Debatte als sprachverliebtes Theater. Die Kunst von Schirach ist eine andere. Es ist die Kunst, einen Raum für eine gesellschaftliche Debatte zu öffnen, das Publikum in den Diskurs einzubeziehen, das Nachdenken über die eigene Position einzufordern. Wie schon bei "Terror" stimmen die Zuschauer auch in "Gott" am Ende ab. Zu einem selbstbestimmten Leben zählt das selbstbestimmte Sterben. Kann es aber dennoch richtig sein, einem gesunden, vielleicht sogar noch jungen Menschen ein tödliches Medikament zu verabreichen?

Was Schirach für eine Position vertritt? Er lässt die Argumente stehen. In seinem Erzählband "Kaffee und Zigaretten" hat er von seinem eigenen Suizidversuch als Jugendlicher geschrieben, kurz nach dem Tod seines Vaters. Die Waffe, mit der er sich erschießen wollte, war nicht geladen. Und Schirach zum Glück zu betrunken, um es zu bemerken. Seine Haltung also? Als Jahrhundert-Urteil hat Schirach gegenüber dem Spiegel die Entscheidung der Karlsruher Richter vom Februar bezeichnet, als "Urteil für die Freiheit". Das klingt ganz nach Rechtsanwalt Biegler, dem im Stück der letzte große Auftritt gehört: "Dieses Urteil ist Aufklärung im eigentlichen, im besten Sinn. Es ist lebensfreundlich, weil es vom Tode weiß. Es ist menschlich, weil es unser Leiden versteht. Nach Jahrhunderten in Dunkelheit können wir heute frei sein. Und vor der Freiheit der Menschen müssen wir keine Angst haben."

Ferdinand von Schirach: Gott. Luchterhand, 160 Seiten, 18 Euro.

Ferdinand von Schirach war vergangenes Jahr Gast unseres Formates "Augsburger Allgemeine Live". Damals sagte er: "Ich eigne mich nicht zum Revolutionär" 

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