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Oberammergauer Passionsspiele

02.01.2020

Oberammergau: Das Passionsspiel im Hier und Jetzt

Der Oberammergauer Passionsspielleiter Christian Stückl passiert die Tafel mit der Besetzungsliste 2020.
Bild: Angelika Warmmuth, dpa

Plus Bald haben in Oberammergau die Passionsspiele 2020 ihre Premiere. Regisseur Christian Stückl will das Aktuelle in der Jesu-Geschichte mehr ins Licht rücken.

Man sieht es auf den Straßen: In Oberammergau geht es auf die 42. Passionsspiele zu. Die Bärte werden dichter und die Haare länger. Fast die Hälfte der gut 5000 Einwohner wird vom 16. Mai an auf der riesigen Freilichtbühne stehen, um in Erfüllung des historischen Gelübdes das Schauspiel vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Jesu zu zeigen. Seit Aschermittwoch des Vorjahres, so will es die Tradition, dürfen sie sich die Haare nicht mehr schneiden lassen: Es gilt der Haar- und Barterlass.

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Mit dem Probenstart Anfang Dezember hat die heiße Phase der Vorbereitungen begonnen. Jeden Tag, auch in den Weihnachtsferien, treffen sich die Hauptdarsteller – alle 21 Hauptrollen sind doppelt besetzt – zum Proben. Nur Heiligabend und der 1. Weihnachtsfeiertag waren frei. Chor und das Orchester proben schon länger. Auf der Bühne wird geschraubt und verputzt, in der Schneiderei rattern die Nähmaschinen.

Christian Stückl: Wie passt dieser Jesus in unsere Zeit?

Noch stärker als bei früheren Passionsspielen will Spielleiter Christian Stückl dieses Mal die Lebensgeschichte von Jesus in den Vordergrund rücken und die letzten fünf Tage in dessen Leben erzählen mit der Frage: Wie passt dieser Jesus in unsere Zeit? Flucht und Vertreibung, aber auch Jesu Auseinandersetzung mit Arm und Reich: Das seien aktuelle Themen, und genau darüber müsse gesprochen werden. Ein größeres Gewicht als bisher will Stückl dem Volk geben. Bei den sogenannten Lebenden Bildern zwischen den einzelnen Aufzügen zeigen alttestamentliche Szenen die Flucht der aus ihrem Land vertriebenen Israeliten mit ihrer Sehnsucht nach Befreiung. Das sei "deutlich im Hier und Jetzt", sagt Kostüm- und Bühnenbildner Stefan Hageneier.

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Er wird das Passionsspiel komplett neu in Szene setzen. Hagemeier hat eine völlig neue Farbenregie entwickelt. Während die Lebenden Bilder in starken Farben gestaltet werden, setzt der Kostümbildner für die Spielszenen auf Farblosigkeit: "Ich habe hier eine 45 Meter breite Bühne und einen großen Zuschauerraum. Da brauche ich eine Fernwirkung", erklärt er. "Auch spielen wir ja zum Großteil bei Tageslicht und haben keine Lichtführung. Das Volk muss also in die Bühne integriert werden und optisch in den Hintergrund rücken, damit die Hauptfiguren vorne gut zur Geltung kommen." Für die Volkskostüme hat er gedeckte Farben gewählt: Grau- und Sandtöne.

Stefan Hageneier: Kontakte zu Stofflieferanten in Indien

Rund 2500 Kostüme für die Darsteller werden gebraucht und derzeit in den Werkstätten in Oberammergau neu angefertigt. Die Grundfarbe der Bühne bildet diesmal auch die Grundfarbe der Kostüme für das Volk. Hageneier griff auf Kontakte zu seinen Stofflieferanten in Indien zurück, schickte ihnen beige-graue Farbproben der Bühne und Entwürfe für Muster und gab tausende Meter Stoff in Auftrag. Diese werden kombiniert mit alten Stoffen.

Die Lebenden Bilder erscheinen in der neuen Gestaltung in starker Farbigkeit, die gegen die monochrome Farbgebung der Spielszenen stehen. Als "Andachtsbilder" sollen die zwölf dem Passionsgeschehen analogen Szenen aus dem Alten Testament nicht den Text illustrieren, sondern sie stehen für sich selbst und erzeugen assoziative Welten. Bis zum März müssen die Kostüme fertig sein, denn dann wird der Bildband für die Passion fotografiert.

Die Passionsspiele gehen auf ein Pestgelübde zurück. 1633 hatten die Oberammergauer versprochen, alle zehn Jahre die Leidensgeschichte aufzuführen, wenn niemand mehr an der Pest sterbe. Zum ersten Mal wird bei der Passion 2020 der Bogen zu dieser Historie geschlagen: Der Chor wird in Gewändern aus der Zeit des Gelübdes auftreten.

Stückl inszeniert die Passion (Spielzeit: fünfeinhalb Stunden) bereits zum vierten Mal. In drei Jahrzehnten hat er als Spielleiter schon viel verändert. Im ersten Anlauf setzte der Sohn eines Oberammergauer Wirts durch, dass auch verheiratete Frauen die Maria spielen dürfen. Gleich in Stückls erster Passion bekam ein Protestant eine Hauptrolle, und auch für 2020 setzt er mit seiner Besetzung ein Zeichen: Erstmals haben zwei muslimische Oberammergauer Hauptrollen. "Es ist keine Provokation", beteuerte Stückl bei der Vorstellung der Spieler. Jesus mit einer Frau zu besetzen, kommt für den 58-jährigen Regisseur allerdings nicht in Frage.

Oberammergauer Passionsspiele 2020: Zwei Muslime als Hauptdarsteller

Wie wird Stückl dieses Mal Jesus zeigen? Die beiden Hauptdarsteller haben sich bereits ein Bild gemacht. Ein Störenfried im positiven Sinne sei er gewesen, sagt der 23-jährige Student Rochus Rückel. Sein Kollege Frederik Mayet, 39, sieht Jesus als Mann, "der wirklich von sich überzeugt war und ein wahnsinniges Charisma gehabt hat". Jesus habe die Probleme seiner Zeit erkannt, angesprochen und versucht zu handeln. Rückel bewundert Jesu Standhaftigkeit, Mut und Rückgrat, um den Mächtigen seiner Zeit entgegen zu treten. Seine Strenge "macht die Sympathie ja nicht kaputt".

Als intensiv empfanden die Schauspieler der Passionsspiele ihre Reise nach Israel im September 2019. Erneut hatte sie Spielleiter Stückl dazu eingeladen, sich im Heiligen Land inspirieren zu lassen und Einblicke in das Leben Jesu zu bekommen. "Es sind ganz besondere Bilder im Kopf entstanden", bestätigte Mayet hinterher. An den originalen Stätten fühle man sich der Person Jesu "plötzlich sehr nahe". Mayet merkte in Israel aber auch, dass er über die jüdische Seite von Jesus noch zu wenig weiß. Eine intensive inhaltliche Auseinandersetzung mit der Bibel sei wichtig, um die Rollen ganz ausfüllen zu können. "Das spüren auch die Zuschauer."

Zwei Jugendvorstellungen vorder offiziellen Premiere

Erstmals in der Geschichte der Passionsspiele wird es zwei Jugendtage geben (www.jugendtage-passionsspiele.de). Rund 9000 junge Menschen zwischen 16 und 26 Jahren unterschiedlicher Nationalität können am 8. und 9. Mai die Hauptproben vor der offiziellen Premiere sehen. Dazu gehören auch Einführungen, Workshops, Kunstinstallationen und sogar eine Lichterprozession. "Christian Stückl hat junge Darsteller, und er will auch ein junges Publikum erreichen", erklärt eine Sprecherin. Denn der Traditionsabbruch der Kirchen könnte auch die Passionsspiele treffen.

Die Kosten für die Passion liegen bei 43 Millionen Euro. 90 Prozent der Karten (30 bis 180 Euro) sind verkauft – schon bei 60 Prozent sind die Kosten gedeckt. Noch gebe es, so die Sprecherin, Möglichkeit, an Karten zu kommen (Tel. 08822/8359330, www.passionsspiele-oberammergau.de) – oder eine Kombi-Reise der Busunternehmen zu buchen. (mit dpa, epd)

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