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Ulm

10.05.2019

Opernpremiere im Theater Ulm: Kein Erbarmen, nirgends

Da haben sich zwei gefunden: der Junge (Benno Schachtner) mit Agnès (Maria Rosendorfsky) in „Written on Skin“.
Bild: Jean-Marc Turmes

Morbide und erschütternd: George Benjamins Oper „Written on Skin“ ist in der Inszenierung von Intendant Kay Metzger ein Ereignis – auch dank der Besetzung.

Walter Benjamin wusste, dass sich die Menschheit nicht auf geflügelte Hilfe verlassen sollte. Der Engel der Geschichte, schrieb der Philosoph, sehe „eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft“ – und könne doch nicht die Vergangenheit ändern. Warum sollte er sich also um das Leid der Menschen scheren? In George Benjamins „Written on Skin“ gibt es drei Engel, kalt, mitleidlos, gelangweilt. Und die Katastrophe, die sie erleben, sogar befördern, könnte grausamer kaum sein. Nun feierte die 2012 uraufgeführte Oper im Beisein des Komponisten im Theater Ulm Premiere: eine exzellent besetzte, musikalisch geglückte und emotional erschütternde Produktion.

Die Inszenierung von Intendant Kay Metzger war zuvor auch schon in Detmold und Stockholm zu sehen, allerdings mit anderem Personal. „Written on Skin“ beruht auf einer südfranzösischen Legende des 13. Jahrhunderts: Ein reicher Mann, der „Protector“ (Dae-Hee Shin), beauftragt einen Jungen (Benno Schachtner) mit der Gestaltung eines Buches, das ihn und seine Taten feiern soll. Doch der Künstler und Agnès (Maria Rosendorfsky), die Ehefrau des gewalttätigen „Beschützers“ beginnen eine Affäre, durch die die Frau sich geistig aus der Unterdrückung befreit. Allerdings hat das üble Folgen für beide. Die Engel (Benno Schachtner, I Chiao Shih, Markus Francke) sind allwissende Kommentatoren und dämonische Einflüsterer.

Rechts auf der Bühne wartet das Leichenschauhaus auf Nachschub

„Written on Skin“ handelt von Liebe und (männlicher) Gewalt, von der Lust des Menschen an der Zerstörung. Der Stoff mag aus dem Mittelalter stammen, aber aus dem Libretto von Martin Crimp sprechen die Leichenberge des 20. Jahrhunderts. Regisseur Metzger und Ausstatterin Petra Mollérus siedeln die Handlung in einer morbiden Krankenhaus-Szenerie an: im Zentrum ein Wartesaal, bei dem die Farbe von den Wänden blättert, da-hinter ein großes Fenster, in dem (etwas altbackene) Videoprojektionen (Design: Martin Kemner) zu sehen sind. Hinter einer Tür rechts warten die Kühlfächer des Leichenschauhauses auf Nachschub. Metzgers Lesart der sonst eher an größeren Häusern gespielten Oper ist eine besonders düstere: kein Erbarmen, nirgends.

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Die Musik George Benjamins jedoch kennt viele Schattierungen. Was wohl einer der Gründe ist, warum „Written on Skin“ trotz seiner sperrigen Atonalität und manchmal zersplitternden Struktur auch beim Publikum ankommt: Aus dem gefährlichen Streichernebel schießen knarzende Blechsalven und perkussive Rhythmen, Glasharfe und Gamben addieren fremde, anachronistische Farbakzente. Die Ulmer Philharmoniker unter der Leitung von Kapellmeister Michael Weiger meistern die komplexe Partitur mit der richtigen Balance aus meditativer Zurückhaltung und Explosivität, klar und ausdrucksstark, aber nie im Wettstreit mit den Solisten.

Countertenor Benno Schachtner debütiert am Theater Ulm

Diese sind das größte Pfund dieser so fordernden wie faszinierenden Opernpremiere: Sopran Maria Rosendorfsky gestaltet die Verwandlung der Agnès vom anonymen Frauchen zur selbstbestimmten Frau sowohl stimmlich als auch schauspielerisch packend und glaubwürdig, ähnlich brillant wie bei ihrer „Lulu“ 2017; Bariton Dae-Hee Shin macht die ganze Härte des Protectors hör- und spürbar. Ein hervorragendes Debüt am Theater Ulm feiert der in Neu-Ulm lebende Countertenor Benno Schachtner: Sein „Boy“, gleichzeitig der erste Engel, ist kein zarter Junge, sondern ein Trickster mit maskenhaftem Lächeln, ein zynischer Gaukler, der auch sanglich kaum Empathie zeigt. Gut auch Markus Francke und I Chiao Shih in den Nebenrollen.

Der Lohn am Ende ist großer Applaus für das Ensemble, aber auch für die Regie und für Komponist George Benjamin, der danach bei der Premierenfeier nicht mit Lob für die Ulmer Inszenierung und die Besetzung spart.

Wieder am 16., 18., 21., 24. und 29. Mai, am 2., 12., 16. und 22. Juni sowie am 5. und 19. Juli.

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