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24.03.2020

Pearl Jam, die letzten Superhelden des Grunge

Gunge-Veteranen: Pearl Jam.
Bild: Danny Clinch

Von der letzten reinen Rock-Revolution vor 30 Jahren ist nicht viel übrig geblieben. Nirvana? Soundgarden? Allein Pearl Jam können jetzt als Original Jubiläum feiern.

Es gibt da diese so verstörende wie zugleich vieles erklärende Szene im Dokumentarfilm „Montage of Heck“. Da fläzt Kurt Cobain, vor kurzem noch perspektivloser Typ des weißen US-Prekariats, mal wieder ziemlich unnüchtern im Bett und starrt belustigt bis fassungslos auf die Puppe in seiner Hand, die er gerade ausgepackt hat. Denn jetzt, plötzlich, ist er als Sänger der Band Nirvana gleich ein Weltstar, zur Galionsfigur einer Rock-Revolution namens Grunge erkoren – und die neueste Blüte nun eben: die Barbie „Kurt Cobain“. Unfassbar. Der White-Trash-Typ als Mainstream-Ikone. Nicht allzu lange danach ist Kurt Cobain tot, ganze vier Jahre nach dem Durchbruch.

Seitdem sind Nirvana Geschichte. Und in den Jahren danach folgten weitere Stars dieses schmuddelig großartigen, sich auf immer neue Ausbrüche von Chaos und Wut gründenden Grunge. Die persönlichen Dramen, das Sterben der Sänger: Nicht wenige Fans des klassischen Rock mögen das einst insgeheim gewünscht haben. Bei anderen Neulingen wie den Guns N’ Roses waren sie noch gerne mitgegangen, aber Cobains punkigen Schmutz empfanden sie als die reine Zerstörung. Jedenfalls gibt es auch Soundgarden nicht mehr, deren Frontmann Chris Cornell starb 2017. Und 2002 bereits ging Layne Stanley und beendete die Heldengeschichte von Alice in Chains, obwohl die Band wieder mit anderem Sänger existiert, aber ihre eigene Grunge-Zeit längst nur noch selbst covert.

Statt einer Dosis eine Dosis Pop

Was also ist geblieben? Dave Grohl als ehemaliger Gefährte Kurt Cobains feiert Erfolge mit seinen Foo Fighters, aber fernab der damaligen Revolution, tief im Rock. Post-Grunge nannte man das mal und addierte Bands wie Live oder Bush darunter, erweitert sogar noch bis zu Nickelback oder 30 Seconds to Mars … – ein bunter, willkürlich wirkender Strauß Rock eben, der irgendwie Alternative sein soll, aber vielleicht nur eine Gemeinsamkeit hat: die Dosis Punk ausgetrieben, eine Dosis Pop ergänzt.

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Geblieben sind allein: Pearl Jam. Diese letzten Superhelden des Grunge können jetzt mit einem neuen, am Freitag erscheinenden Album Jubiläum feiern. Und dieses elfte Studioalbum passt ebenso zu ihrem Sonderweg in der vor 30 Jahren beim Sub-Pop-Label in Seattle gestarteten Revolution, wie auch die Reaktion darauf passen wird. „Gigaton“ wird wie eigentlich alle Platten von Pearl Jam spätestens seit dem Übergang von den neunziger in die Nuller-Jahre keine große Aufmerksamkeit in der Breite der Musikwelt erhalten – aber wohl trotzdem wieder an der Spitze der US-Charts und auch in den Top Ten etwa in Deutschland und Großbritannien landen. Denn dieser Band, die in all den Jahren nur den Schlagzeuger gewechselt hat und ansonsten noch immer aus Eddie Vedder (Gesang), Jeff Ament (Bass), Mike McCready (Gitarre) und Stone Gossard (Gitarre) besteht, ist das vielleicht Beste widerfahren: Sie haben die Pop-Phase überstanden und sind zum eigenen Kult geworden, leidenschaftlich verfolgt von einer so treuen wie in der Sparte doch beträchtlichen Fangemeinde.

Die Fans von Pearl Jam singen alles mit

Das zeigt sich auch bei den Konzertreisen, bei denen Pearl Jam in der Regel dieselben Ziele ansteuern. In Deutschland etwa spielt die Band ein einziges Open-Air-Konzert in Berlin, die gut 20000 Karten dafür sind sofort vergriffen, weil ihr auch Fans hinterherreisen. Denn sie wissen, dass die Band mehrere dutzend Songs im Gepäck hat, jeden Auftritt neu gestaltet und dabei auf alle Effekte verzichtet. Es herrscht ohnehin die reinste Innigkeit, wenn praktisch alle auch noch die nie veröffentlichten B-Seiten von Singles mitsingen können, also nicht nur über die frühen Hits wie „Even Flow“, „Alive“ oder „Black“ jubeln, sondern „Yellow Leadbetter“ frenetisch feiern oder „State of Love and Trust“. Insofern sind Pearl Jam immer das Gegenteil von Pop geblieben. Allein als Sänger Eddie Vedder solo den Soundtrack zur Krakauer-Verfilmung „Into the Wild“ lieferte, hatte das auch mal simple Ohrwurmqualitäten.

Wenn es aber zuletzt Zweifel gab, ob die Herren, inzwischen Mitte 50, es vielleicht doch langsam auslaufen lassen, weil es ganze sieben Jahre lang kein neues Album gegeben hat und weil etwa eine an Weihnachten veröffentlichte Playlist geradezu desaströs all ihre Tugenden verscherbelte (Vedders sonst sich gerade in die Höhen ringender Bariton etwa allzu jaulend, der Sound dazugeklimpert): „Gigaton“ entlarvt das als schlechten Scherz und bringt nun für die Fans große Erleichterung.

Es gibt auch ein Duett mit einer Sängerin

Nicht nur, dass Pearl Jam an alte Stärken anknüpfen, mit Druck etwa im Opener „Who Ever Said“, in „Quick Escape“ oder „Take The Long Way“ (und zum Glück nicht immer so einfältig wie in „Superblood Wolfmoon“), im Mid-Tempo mit Songs wie „Seven O’Clock“ und „Alright“, im Ruhigeren etwa gegen Ende von „Buckle Up“ oder „River Cross“. Sie haben sich auch mit der ersten Single „Dance of the Clairvoyants“ erstmals überhaupt als tanzbar gezeigt und haben als Neuheit ein Duett mit Sängerin auf einem Album. Das Cover mit einer roten Pulslinie über schmelzenden Eisbergen zeigt schon, dass Vedder in den Texten wieder mal mit der Natur das verlorene Heile, das herrschende Chaos thematisiert. Auch wie einst in „Bushleaguer“ bekommt ein regierender Republikaner als US-Präsident wieder sein Fett ab, diesmal über Grenzen hinweg suchend nach einem Land, das Trump noch nicht ruiniert hat …

Die Fans werden die Details ausgiebig debattieren, sich nach und nach das ganze Album einverleiben, das durch ihre Vorbestellungen bereits auf Platz eins bei Amazon steht in der Sparte Rock. Die Revolution ist Geschichte, hat fast alle ihre Kinder gefressen, und Pearl Jam sind mit noch immer ein bisschen Punk im Blut viel mehr auf den Spuren von Neil Young, als es Nirvana je waren – eine eigene, längst in die Hall of Fame aufgenommene Marke. Und offenbar mit Zukunft. Ob die diesjährige Tour mit dem üblichen ausverkauften Stopp in Berlin stattfinden kann, ist zwar alles andere als sicher. Immerhin gibt es jetzt reichlich Trostmaterial für die Fans.

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