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Biografie

01.04.2021

Petrus Canisius war ein Apostel mit Schlagseite

In der Innsbrucker Jesuitenkirche ist ein Seitenaltar dem Bistumspatron Petrus Canisius (1521–1597) gewidmet. Als katholischer Reformer wird er der zweite Apostel der Deutschen genannt.
Foto: Burkhard Mücke/Pimpinellus

Plus In einem neuen Buch zum 500. Geburtstag des katholischen Reformers Petrus Canisius wird deutlich, dass auch der Jesuit dem Hexenwahn seiner Zeit unterlag.

„Überall bestraft man die Hexen, welche merkwürdig sich mehren. Ihre Freveltaten sind entsetzlich. Sie beneiden die Kinder um die Gnade der Taufe und berauben sie derselben. Kindesmörderinnen finden sich unter ihnen in großer Anzahl. Ja, von einigen Kindern haben sie das Fleisch aufgezehrt …“ Das soll wirklich der Heilige Petrus Canisius, der Apostel der Deutschen, geschrieben haben? Hat er tatsächlich im Jahr 1563 aus Augsburg berichtet. Denn auch er war ein Kind seiner Zeit, wie sein neuester Biograf Mathias Moosbrugger anlässlich seines 500. Geburtstags unumwunden feststellt. Aber ohne Petrus Canisius wäre die Reformationszeit zweifellos anders verlaufen.

Peter Kanis wurde am 8. Mai 1521 im niederländischen Nimwegen in eine Epoche des Umbruchs hineingeboren. Luthers reformatorische Gedanken rissen die Leute mit. Die römische Papstkirche schien an ihr Ende gekommen zu sein. Doch der glühende Katholik und Jesuitenpater verhalf ihr in den 1550/60ern zu neuer Blüte. Sein auf die Tugenden ausgerichteter Katechismus sollte den hart angefochtenen, alten Glauben wieder plausibel machen und dann über Jahrhunderte in Gebrauch sein. Schon zu Lebzeiten von Petrus Canisius erfuhr dieser Katechismus 347 Auflagen.

Einseitig hat man ihn als Zertrümmerer der Ketzer stilisiert

Seine Idee von einer gediegenen humanistischen Bildung für die künftigen Führungskräfte des Reiches, die er im neuen Schultyp des Jesuitenkollegs vorantrieb, machte die Katholiken gegenüber den Protestanten wieder konkurrenzfähig. Und von der Kanzel des Augsburger Doms herab predigte er seiner rasch wachsenden Zuhörerschaft direkt ins Herz, vor allem den Damen des Hauses Fugger.

Trotzdem gilt seine Person heute selbst in der katholischen Kirche nicht mehr viel. „Und das, obwohl kaum eine andere einzelne Person so viel zur Neugestaltung der katholischen Identität in der frühen Neuzeit beigetragen hat“, bedauert Biograf Moosbrugger. Allerdings hatte ein antimodernes Papsttum im 19. und frühen 20. Jahrhundert Petrus Canisius einseitig als „Zertrümmerer der Ketzer“ vereinnahmt. Dies wird jedoch der Vielseitigkeit seines Wesens, seiner tiefreligiösen Innerlichkeit gepaart mit seinem rastlosen missionarischen Übereifer, nicht gerecht. Der Jesuit Petrus Canisius feierte in seinen 76 Lebensjahren glänzende Erfolge und musste schmähliche Niederlagen hinnehmen.

Petrus Canisius (1521-1597), einer der ersten Jesuiten, wurde in der Reformationszeit zum katholischen Apostel der Deutschen Porträt von Dominikus Custos etwa 1600.
Foto: Wikicommons gemeinfrei

Mathias Moosbrugger, 39, der an der Universität Innsbruck Historische Theologie lehrt, geht in diesem Lebensbild mit Sympathie vor, wahrt aber stets kritische Distanz. In fünf Themenkreisen erschließt er die historisch wirkmächtige Person in einer Zeitenwende. Vater Jakob Kanis, der Bürgermeister von Nimwegen, drängte ihn zur politisch-diplomatischen Karriere, doch den elfjährigen Peter zog es zur Frömmigkeit. Stark neigte er sogar dem strengsten Orden zu, den schweigsamen Kartäusern. Die geistlichen Übungen der gerade gegründeten Gesellschaft Jesu sollten indes den noch größeren Eindruck auf ihn machen („Mein Geist glühte vor Andacht“). An seinem 22. Geburtstag legte Peter Kanis sein Gelübde ab.

Ständig brütete er über die religiöse Lage in Deutschland

Seit dem Studium zu Köln trieb ihn die Sorge um die religiöse Lage in der Heimat um. Ordensvater Ignatius von Loyola ermahnte ihn wegen seines ständigen „Brütens über Deutschland“. Daraus wurde Tat. Das Kölner Domkapitel vertrat er im Widerstand gegen den konversionswilligen Erzbischof auf dem Wormser Reichstag, den Augsburger Bischof beim Reformkonzil von Trient. Die Mission, den deutschen Katholizismus von Grund auf zu erneuern, war seine Lebensaufgabe. Ihr diente 1555 die Abfassung seines berühmten Katechismus im Auftrag von Kaiser Ferdinand I., der die Protestanten über den „gräußlichen Gotteslästerer“ und „hündischen Mönch“ schäumen ließen. Ihr diente vor allem auch die Gründung von Jesuitenkollegien als erster deutscher Ordensprovinzial (ab 1556), die Kaiser Ferdinand für „ein großes Hilfsmittel zur Erhaltung der katholischen Religion“ hielt.

Petrus Canisius war unermüdlich quer durch Europa unterwegs – als Berater an Fürstenhöfen ebenso wie im Dienst der Gesellschaft Jesu. Während seiner aktivsten Lebensphase legte er etwa 2000 Kilometer pro Jahr zurück; Nimwegen bewahrt als Erinnerung an ihn ein vom vielen Wandern zerschlissenes Paar Schuhe auf. Dabei war er auch ein unglaublich produktiver Schreibtischarbeiter mit scharfer Urteilskraft. Moosbrugger schildert ihn als einen Mann, der auch Päpste und Kardinäle, Fürsten und Kaiser offen kritisierte, wenn er seinem Gewissen folgte. „Um die Kirche von Augsburg steht es schlechter, als man glauben kann, (…) und inzwischen belastet ihr Bischof mit so großen Bürden, dass ich mich wundern muss, wie er ruhig schlafen kann“, schrieb er 1570 an Kardinal Otto von Waldburg. Jener hatte Canisius mit der ersten deutschen Reformsynode 1567 in seiner Diözese Augsburg beauftragt, sich selbst aber 1568 nach Rom als Pfründenjäger abgesetzt. Papst Paul IV. warf er vor, mit seinem äußerst rigiden Index verbotener Bücher die theologische Auseinandersetzung zu blockieren. Und seine Ordensoberen nervte er mit immer neuen Anforderungen von Jesuiten für die Rückgewinnung Deutschlands.

Die Hexenhysterie des Petrus Canisius ist die große Schuld seines Lebens

Moosbrugger verschweigt nicht die dunklen Seiten des Petrus Canisius. Die junge Fugger-Tochter Anna Jakobäa machte er im Nonnenkloster unglücklich. Er habe sie skrupellos manipuliert, hielt sie ihm nach ihrer Klosterflucht vor. Schwerer noch wiegt, wie heftig er den Hexenwahn propagierte. Als Augsburger Domprediger (1559 bis 1566) habe sich seine Haltung zu einer regelrechten Hexenhysterie ausgewachsen und er habe in den Köpfen seiner Zuhörer „immensen praktischen Schaden“ angerichtet. Moosbrugger nennt es „die große tragische Schuld seines Lebens“. Freilich stand er damit ganz im Trend seiner Zeit. Der Biograf billigt ihm zu, unter den falschesten Umständen seines Jahrhunderts ein Leben geführt habe, „das sicher nicht in allem, aber doch in vielem überraschend richtig gewesen ist“. Petrus Canisius starb am 21. Dezember 1597 in Fribourg.

Mathias Moosbrugger: Petrus Canisius. Wanderer zwischen den Welten, Tyrolia Verlag Innsbruck, 288 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 27,95 Euro.

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