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Diagnose Krebs

12.12.2018

Pianistin Janina Fialkowska: Am Tiefpunkt – und wieder zurück

"Nach ein paar Tagen habe ich gemerkt: Das Spielvermögen kommt wieder": Pianistin Janina Fialkowska.
Bild: Ulrich Wagner

Das Jahr begann für die Virtuosin mit einer schockierenden Diagnose. Es war schon das zweite Mal, dass der Krebs sie heimsuchte. Nun gibt sie wieder Konzerte.

Es war kurz vor Weihnachten, in diesen Tagen vor einem Jahr. So, wie es sich beim Tasten anfühlte, war zunächst eine Zyste vermutet worden. Dann aber erreichte Janina Fialkowska der Befund der Biopsie: Brustkrebs. Dass zur selben Zeit ihre jüngste Chopin-CD von Spiegel Online zu einer von drei „Platten des Jahres“ gekürt worden war, darüber konnte die Konzertpianistin sich kaum mehr freuen.

Jetzt, zwölf Monate später, sitzt Janina Fialkowska auf dem Sofa in ihrem Zuhause bei Neusäß, wohin sie vor ein paar Jahren gezogen ist, und denkt noch einmal an den Anfang jenes Jahreslaufs zurück, der für sie viele dunkle Momente mit sich brachte. Im Januar, erzählt sie, gab sie noch einmal einen Klavierabend in Zorneding hinter München, der Bayerische Rundfunk schnitt mit. Wenige Tage später dann fuhr sie mit ihrem Mann Harry Oesterle nach Ulm in die dortige Frauenklinik zur ersten Chemo, Auftakt einer sechsmonatigen Therapie. Inzwischen sind die Haare wieder nachgewachsen, die Augen leuchten, die Stimme ist fest, die 67 Jahre sieht man ihr nicht an.

Janina Fialkowska mit Ehemann Harry Oesterle, ihrer wichtigsten Stütze.
Bild: Ulrich Wagner

Drei Monate lang konnte die aus Kanada stammende Virtuosin, die weltweit in den großen Musikzentren ebenso wie auf kleinen ausgesuchten Podien konzertiert, keine einzige Note spielen. „Mir war dauernd schwindlig“, berichtet sie in ausgezeichnetem Deutsch, „ich hatte überhaupt keine Koordination mehr zwischen dem Kopf und den Händen.“ Einmal war die Wirkung der Medikamente so stark, dass sie in der Küche umfiel, mit dem kahlen Kopf auf den Steinboden schlug und der herbeigeeilte Ehemann eine Bewusstlose vorfand. „Das“, sagt Fialkowska, „war der Tiefpunkt.“

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Und doch wollte die Musikerin sich nicht so einfach unterkriegen lassen vom Außer-Kraft-gesetzt-Sein. „Ich habe im Kopf gearbeitet, Monate lang.“ Ein Akt des Willens. Hilfe dabei bot ein Ziel, das ihr in der Ferne vor Augen stand: Ein Konzert in Würzburg Mitte Oktober, nachdem sie für die Zeit bis dahin alle anderen Auftritte abgesagt hatte. In Ulm fragte sie ihre Ärzte: Denken Sie, dass ich bis zu diesem 20. Oktober wieder spielen kann? „Sportlich …“, habe die ausweichende Antwort gelautet.

Eine Operation, die nur einmal ausprobiert worden war

Der Krebs, er ist schon einmal dagewesen in ihrem Leben. „Oh nein, nicht wieder!“, war denn auch ihre Reaktion auf die Brustkrebs-Diagnose. 16 Jahre zuvor hatte sich ein Tumor in der linken Schulter festgesetzt, an einer für sie heiklen Stelle, ein jähes Ende ihrer Pianistinnen-Karriere schien nicht ausgeschlossen. Denn die Geschwulst musste nicht nur aus einem Muskel herausgeschnitten werden; damit der linke Arm beweglich blieb, war die Transplantation eines anderen Muskels aus dem Rücken erforderlich. Eine Operation, die bis dahin nur einmal ausprobiert worden war. Das Wagnis gelang, doch musste sich die Pianistin unter großen Mühen und in kleinsten Schritten die frühere Beweglichkeit neu erkämpfen. Nach zwei Jahren Auszeit stand sie erstmals wieder auf einer Konzertbühne, im intimen Rahmen des Klosters Irsee. Das Comeback gelang, bald gab sie wieder Klavierabende in England, Spanien, Kanada und anderswo. Der Krebs schien der Vergangenheit anzugehören.

„Damals, mit dem Tumor in der Schulter, habe ich nie daran gedacht, dass ich sterben könnte.“ So war es diesmal nicht: „Brustkrebs ist eine andere Geschichte.“ Es half gegen die Panik, dass sie sich nach der ersten Hälfte der Chemotherapie wieder an den Flügel setzen konnte. Sicher, die ersten Tage, als sie die Finger über den Tasten bewegte, hatte sie nicht wenig Angst, dass ihr die Fähigkeit zum virtuosen Spiel abhanden gekommen sein könnte. „Nach ein paar Tagen habe ich aber gemerkt: Es kommt wieder.“

Nur wenige Wochen dauerte es, bis sie im neuerlichen Besitz ihrer pianistischen Fertigkeiten war. Die auf die ersten drei Therapie-Monate folgenden zweite Chemo brachte weniger heftige Reaktionen mit sich. Nebenwirkungen ließen sich dennoch nicht vermeiden. Obwohl die Ärzte ihre Finger in Eis packten, damit die aggressiven Substanzen nicht bis dorthin vordringen konnten, spürt sie nach wie vor ein leichtes Kribbeln in den Gliedmaßen. Auch ist die Haut ihrer Finger trockener geworden. „Ich muss mich jetzt ein bisschen stärker darauf konzentrieren, genau die Mitte der Tasten zu treffen um nicht abzurutschen. Aber das ist machbar.“

Sie spielte, als ob nie etwas gewesen wäre

Auch mit der zweiten, ebenfalls dreimonatigen Chemotherapie war es noch nicht getan. Im August stand eine Operation an der Brust an. Harry Oesterle, der seine Frau zu jedem ihrer Klinik-Termine begleitete, erinnert sich: „An einem Dienstag war die Operation, am Freitag kam sie nach Hause, am Montag saß sie schon wieder am Klavier.“ Der 20. Oktober in Würzburg rückte näher, das Konzert, das zum Testlauf für die weitere Karriere werden sollte. „Ich weiß nicht, wie sie das gemacht hat“, rekapituliert Oesterle den Konzertabend, „aber sie spielte so, als ob nie etwas gewesen wäre“. Der Auftritt vor ausverkauftem Haus wurde zum großen Kraft gebenden Erfolg, umso mehr, als nur ein paar wenige im Saal überhaupt wussten, was die Pianistin in den Monaten zuvor durchgemacht hatte. Und so ging es gleich darauf in die Musik-Weltstadt London zu einem Solo-Abend und einem Konzert zusammen mit dem Symphonieorchester der BBC.

Bei diesem live übertragenen Konzert wollte sie nach dem dargebotenen Paderewski-Klavierkonzert eigentlich noch eine Chopin-Zugabe hinterherschicken. Aber sie war zu erschöpft, auch, weil die Proben mit dem Orchester unmittelbar vor der Aufführung stattgefunden hatten. Ja, bekräftigt Janina Fialkowska, sie merke, dass sie jetzt rascher ermüde, Nachwirkungen der Therapie. Chopin aber, ihren Leib- und Magen-Komponisten, für dessen Interpretation die einst vom großen Artur Rubinstein protegierte Kanadierin mit den polnischen Wurzeln zurecht gerühmt wird, Chopin wird sie sich nächste Woche widmen, beim Symphoniekonzert mit Augsburgs Philharmonikern.

„Ich gehe jetzt viel tiefer hinein in die Musik“

Vor ein paar Wochen hat sie sich Chopins Klavierkonzert in f-Moll wieder vorgenommen, ein Stück, das sie wohl an die 200 Mal in ihrem Leben gespielt hat. „Erstaunlich, wie viel Neues ich jetzt darin entdecke“, wundert sich die Pianistin, „es ist ein ganz neues Stück für mich“. Eine Erfahrung, die sie auch schon mit anderen Werken gemacht hat. Sie ist überzeugt: „Mein Musikdenken hat sich verbessert. Ich achte jetzt mehr auf Details. Ich gehe viel tiefer hinein in die Musik.“

Die Konzerttermine häufen sich nun wieder. Vor einer Woche Bochum, jetzt Augsburg, Anfang Januar ein Gastspiel in Stettin, danach Baden bei Zürich, Ende des Monats ein nachgeholter Klavierabend in Kempten. Im Februar Kanada, eine neue Plattenaufnahme steht an.

Ein Jahr ist vergangen seit der schockierenden Diagnose. Was aber kann jemand, der Derartiges durchgemacht hat, über die zurückliegende Zeit anderes sagen, als dass sie „furchtbar“ gewesen ist? Janina Fialkowska fügt noch einen Satz dazu: „Es war auch großartig …“, sagt sie; und schiebt nach einer Pause noch in ihrer Muttersprache nach: „ … in a way“. Völlig klar, wie das gemeint ist: Die Musik hat sie wieder.

Konzert: Janina Fialkowska ist die Solistin von Chopins f-Moll-Klavierkonzert, das am Montag, 17., und Dienstag, 18. Dezember, im 2. Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker erklingt. Ferner erklingen Glinkas Ouvertüre zu „Ruslan und Ludmilla“ sowie Dvořáks „Sinfonie aus der Neuen Welt“. Beginn im Kongress am Park ist jeweils um 20 Uhr. Dirigent ist Domonkos Héja.

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