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20.08.2018

Politik ist das größere Theater

Intendantin Carp

Ruhrtriennale ringt weiter mit Israel-Frage

Künstlerisch ist die Ruhrtriennale bislang ein voller Erfolg – von William Kentridges Happening „The Head And The Load“ zum Auftakt im Duisburger Landschaftspark bis zu Christoph Marthalers Aufführung von Charles Ives’ „Universe, Incomplete“ in der Bochumer Jahrhunderthalle am Freitag. Politisch aber: ein Debakel.

Noch immer tobt der Streit um die Haltung zur israelkritischen Organisation BDS, hier verkörpert durch die US-Band Young Fathers, die zum Festival ein-, dann wieder aus und dann wieder eingeladen worden waren, bis sie schließlich selbst verzichtete. Es geht um Antisemitismus, Deutschlands spezielle Rolle und die Zukunft der Intendantin Stefanie Carp. Eine Podiumsdiskussion statt des Auftritts der Band am Samstag sollte Klärung bringen: über BDS und „Freedom of Speech/Freiheit der Künste“.

An deren Ende entließ der moderierende Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert Zuhörer und Zwischenrufer mit einer Hausaufgabe. Man solle doch immer wieder bedenken, „ob wir nicht auch im eigenen Land einen zunehmenden, gelegentlich fanatischen Ehrgeiz beobachten, die jeweils eigene Meinung für die einzig mögliche zu halten.“ Exakt 90 anstrengende Minuten Diskussion mit vielen erregten Zwischenrufen lagen da hinter ihm und den 400 Besuchern.

Intendantin Carp sagte: „Als ich die schottische Band eingeladen habe, muss ich zugeben, habe ich das Wort BDS noch nie gehört gehabt.“ Als sie nach der Ausladung dann ihr eigenes Statement gelesen habe, habe sie es für falsch gehalten und die Band wieder eingeladen. „Ich sehe es als meine Aufgabe, eine möglichst breite Multiperspektivität herzustellen.“ Sie habe den Rahmen der Kunst so offen wie möglich halten wollen. Kunst sei dafür da, Diskussion und auch Widersprüche und Zerrissenheit darin auszuhalten. Bei keinem der eingeladenen Künstler sehe sie in deren Kunst eine rassistische, antisemitische oder rechtsextreme Äußerung. Und: „Auch weil es mir immer wieder unterstellt wird: Selbstverständlich stelle ich in keiner Sekunde das Existenzrecht Israels infrage.“

Nordrhein-Westfalens Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) betonte die grundsätzliche Freiheit der Kunst und: „Selbstverständlich können wir uns kritisch mit der Politik Israels auseinandersetzen.“ Um einzuschränken: „Aber wenn zur Isolierung Israels aufgerufen wird, sind für mich diese Grenzen deutlich überschritten.“ Wer sich im BDS engagiere, müsse sich dessen bewusst sein, dass es dort auch radikale Positionen gebe, „und dass man sich die auch zurechnen lassen muss“. BDS light gebe es eben nicht. „Kunstfreiheit ja, Boykott und Ausgrenzung nein.“

Auch BDS-Befürworter kamen zu Wort, was Unmut proisraelischer Zuhörer auslöste. Der US-Komponist Elliott Sharp, Sohn von Holocaust-Opfern, sagt, dass er BDS wichtig finde, um auf Ungerechtigkeiten gegen die Palästinenser hinzuweisen. Die belgische Dramaturgin Hildegard De Vuyst sieht BDS als ein „gewaltfreies Instrument“, um Israel unter Druck zu setzen, internationales Recht zu befolgen.

Vor der Diskussion hatten proisraelische Demonstranten die Ablösung Susanne Carps gefordert. Laut Polizei nahmen rund 250 Menschen an der Kundgebung vor der Veranstaltungshalle teil. Die Teilnehmer einer anderen Demonstration einer linken Gruppierung unterstützten dagegen die Intendantin. (dpa)

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