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Kritik

24.11.2019

Premiere von "Freiheit.pro": Emmys Tod - im Internet

 Julius Kuhn, Marlene Hoffmann und  Baris Kirat in „Freiheit.pro“ (von links).
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Plus Das Staatstheater Augsburg bringt die Uraufführung „Freiheit.pro“ heraus und zeigt eine neue, eine zynische Variante von „Was ihr wollt“.

Nicht der geringste Ertrag beim Lesen – egal ob Zeitung oder Roman –, nicht der geringste Ertrag beim Hinschauen – egal, ob Theater oder Film – ist: Wir werden gewarnt vor Situationen, die aus dem Ruder gelaufen sind oder beständig aus dem Ruder zu laufen drohen. Gedrucktes und Gespieltes als gesellschaftspolitische Podien der Aufklärung – bestenfalls sogar der Gefahrenabwehr.

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"Freiheit.pro" kreist um die Themen Mediensucht und Suizidgefahr

Wenn jetzt das Staatstheater Augsburg als Uraufführung den Bühnenerstling „freiheit.pro“ des Regisseurs Hansjörg Thurn herausbringt, dann setzt es bewusst und gewiss aus gegebenen Anlass durchaus auf die moralische Anstalt eines Friedrich Schiller – einschließlich der Programmheft-Hinweise auf Beratungs- und Anlaufstellen in Sachen Mediensucht und Suizidgefahr.

Sie sind die Brennpunkte, um die das ganz und gar nicht abwegige „freiheit.pro“ beklemmend kreist: Der 17-jährige Leo greift der gleichaltrigen Emmy bei ihrem Wunsch aus dem Leben zu scheiden, kräftig, ja anfeuernd unter die Arme. Er macht Vorschläge, stellt ihre Suizid-Versuche ins weltweite Netz, drängt aber auch zum finalen Akt – zynischerweise mit dem „entgegenkommenden“ Angebot, dass der Suizid nur auf solche Art und Weise geschehen solle, wie Emmy es selbst „will“. Und warum das Ganze? Auf dass die Netz-Community was zu spannen hat, auf dass der Live-Ticker einen ungeheuren Event bietet, auf dass die Click-Zahlen steigen, steigen, steigen. Auf dass „das Netz brennt“.

Premiere von "Freiheit.pro": Emmys Tod - im Internet

Emmy soll unter dem Decknamen Kitty berühmt werden im Web – als letztlich Tote –, und er, Leo, wird seinen Erfolg haben, weil er lieferte, was Abertausende sehen wollen: einen Menschen, gefilmt beim Sterbengehen. Die rasant ansteigenden Click-Zahlen beweisen doch: Bedeutung. Leo bringt doch nur, was die da draußen wollen.

Das Stück bohrt mit dem Fingernagel in einer Wunde

So weit der obszöne und perfide Gehalt von „freiheit.pro“. Zweierlei zeichnet diese Uraufführung aus. Erstens, dass Hansjörg Thurn nicht nur einseitig die Korrelation von Aufmerksamkeitshascherei und Klickzahlen betrachtet, sondern zumindest auch antippt, was in ein solch perverses Verhältnis zwischen Jugendlichen noch hineinspielen kann: Erlebnishunger, Grenzüberschreitung, Reiz am Gefährlichen, ja, selbst – falsch verstandene – Anteilnahme und Zuneigung. Zweitens: Der Plot ist so stark, dass man über ihn fast Arbeit und Leistung der Produzenten (Inszenierung: Achim Conrad, Ausstattung: Raissa Kankelfitz) und Schauspieler (u.a. Julius Kuhn als Leo, Marlene Hoffmann als Emmy, Anne Lebinsky als Leos Mutter) aus den Augen verliert.

Leicht verschmerzbar bleiben die unplausibel über Mikro geführten Polizei-Verhöre, das seltsam widersprüchliche Verhalten von Leos Mutter bezüglich Freiheit und Kontrolle, schließlich Kai Windhövels eher larmoyante statt tiefverzweifelte Studie von Emmys Vater.

Dieser Abend auf der brechtbühne bohrt mit dem Fingernagel in einer Wunde. Wir sind gewarnt. Die Konsequenz müssen wir alle ziehen.

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